Generation Gründer: Urlaub fürs Gehirn

Generation Gründer: Urlaub fürs Gehirn

, aktualisiert 19. Oktober 2016, 11:53 Uhr
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In digitaler Gesellschaft: Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder gibt wöchentlich einen Einblick in die deutsche Start-up-Szene.

von Miriam SchröderQuelle:Handelsblatt Online

Ausgerechnet in der digitalen Szene ist die Sehnsucht nach Handgemachtem riesengroß. Irgendwie ist Gründen wie Basteln: selten perfekt, aber immer kreativer als eine Konzernkarriere.

Wenn man die Gründer von Berlin-Mitte fragt, wo sie ihre Möbel kaufen, hört man jetzt immer öfter: „Hab ich selbst gemacht.“ Die Kinder der Generation Hobbykeller gehen am Wochenende wieder in den Baumarkt, kaufen Dübel und Schrauben, reißen im Ferienhaus die Tapeten runter oder bauen was aus Holz.

Unter der Woche sind sie überwiegend im Call, checken Mails oder arbeiten an Präsentationen. Dabei sehen sie aber ziemlich lässig aus. Sie tragen Holzfällerhemden, fahren Elektro-Roller und trinken eines von hundert Craft-Bieren, die in den Berliner Bars zu finden sind. Es gibt viele Essens-Lieferdienste, aber noch viel mehr Rezepte-Apps. Ausgerechnet in der digitalen Szene ist die Sehnsucht nach Handgemachtem riesengroß.

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In letzter Zeit wurden gleich mehrere Online-Baumärkte gegründet. Einer davon ist Contorion, strenggenommen gar kein Baumarkt, sondern ein Fachhandel. Aber ich habe Freunde, die würden sich, ohne rot zu werden, bei der Information als „Profi“ ausgeben. Die wissen, wie man über eine Oberfräse fachsimpelt und dass echte Handwerker die blaue Serie von Bosch benutzen, nicht die grüne.

Das Internet mit seinen Shops, Blogs und Tutorials macht uns alle zu Profis. Die eine bestellt sich ein Bierbrauset, ein anderer eine Wurstmaschine. Die einen bauen sich ein Haus, die anderen züchten Bienen oder kochen Marmelade ein. Es gibt Messen, auf denen erwachsene Menschen einander ihre Regalkonstruktionen oder selbstgenähte Kostüme präsentieren. Bei Spiegel Online gibt es eine beliebte Heimwerker-Kolumne mit dem Titel: Gesägt, getan. Und natürlich fotografieren alle auch noch ständig, was sie tun.

Nie zuvor standen uns so viele Waren innerhalb so kurzer Zeit zur Verfügung. Und nie war es so anstrengend, individuell zu sein. Etwas mit den Händen machen, das man nicht verwechseln und auch nicht umtauschen kann, ist, als wären wir Architekt unseres eigenen Lebens, was man zwischen Investoren-Call und Marketing-Planung schon mal vergisst.

Wenn ich in den Baumarkt gehe, stehe ich stundenlang vor den Wandfarben, die Barbara Becker und Jette Joop signiert haben, und stelle mir mein Leben in smaragdgrün vor. Ich kaufe immer mindestens ein Päckchen mit Putzschwämmen, wohl wissend, dass sie völlig überteuert sind. Baumarkt, das ist für mich wie Urlaub fürs Gehirn. Außerdem ist Selbermachen gut fürs Image.

Ein Gründer, der seine Freizeit auf dem Golfplatz verbringt, ist irgendwie weniger glaubwürdig als einer, der auf den Knien einen Holzfußboden abschleift. Schatz, unsere Klickzahlen waren heute richtig gut, klingt nicht so sexy wie: Liebling, ich baue gerade unser Bett.

Im Grunde haben Gründen und Basteln viel miteinander zu tun. Die meisten Gründer fangen ganz von vorne an, mit wenig Ahnung vom Produkt, aber viel Leidenschaft im Aufbau. Das Internet macht sie zu Profis. Selten perfekt, aber immer kreativer als eine Konzernkarriere. Einen Hobbykeller wollten sie wahrscheinlich nie haben. Aber wenn man sie fragt, was sie tun werden, sollten sie ihr Start-up mal zu Geld gemacht haben, sagen viele: etwas selbst machen.

Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder berichtet über deutsche Start-ups aus Berlin und anderswo.

Quelle:  Handelsblatt Online
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