Generation Y: Europa ist unser Zuhause

Generation Y: Europa ist unser Zuhause

, aktualisiert 25. Juni 2016, 13:37 Uhr
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„Den Menschen ist es völlig egal, zu welchem Land sie gehören. Sie wollen nur in Frieden leben.“

von Eva FischerQuelle:Handelsblatt Online

Für viele junge Menschen ist der Brexit ein Schock. Sie sind in einem Europa der offenen Grenzen und des internationalen Austausches aufgewachsen. Warum für gemeinsames Europa wichtig ist. Eine persönliche Erklärung.

Düsseldorf/FrankfurtAm Freitagmorgen lese ich die Push-Benachrichtigung über den Brexit und bin entsetzt. Ich bin habe das Gefühl, dass die ganze Welt dabei ist, sich aufzulösen. Großbritannien wird nicht mehr dazugehören. Die Mehrheit der Engländer und Waliser wollen kein gemeinsames Europa. Das größte Friedensprojekt der Menschheit droht durch rechtspopulistische, nationalistische Stimmen zu scheitern.

Dabei dachten wir, Nationalismus schon längst überwunden zu haben. Für mich, im Jahr 1989 geboren, ist Europa ein Kontinent, in dem es keine Grenzen mehr gibt, und uns mit Öresund-Brücke und Eurotunnel allen gemeinsam gehört.

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Europa ist für mich und viele meiner Generation ein Ort, an dem es egal ist, ob man Deutscher ist, Niederländer, Portugiese, Schwede, Slowake, Ungar oder Italiener. In dem es mehr Gemeinsames als Trennendes gibt. Das Herkunftsland ist nur noch als Smalltalk-Thema, wir fühlen uns als Europäer. Und denken: Vielleicht werden unsere Enkelkinder schon in den Vereinigten Staaten von Europa leben und mehrsprachig aufwachsen.

Als ich klein war, habe ich meine Oma immer wieder über den Zweiten Weltkrieg ausgefragt, habe mir Geschichten von Bombenhagel angehört, von Hunger und Angst, von den vielen Momenten, in den man nur durch Zufall dem Tod entgangen war, von dem Cousin, der als 13-Jähriger auf dem Schlachtfeld fiel. Ein Satz von ihr ist mir in Erinnerung geblieben: „Den Menschen ist es völlig egal, zu welchem Land sie gehören. Sie wollen nur in Frieden leben.“

Die Geschichte Europas ist eine Geschichte von Konflikten und Kriegen, von Machtkämpfen um Gebietshoheiten. Es ist eine Geschichte von Tragödien, die schließlich zu einer riesigen Katastrophe führten. Dass Nationalismus nichts Gutes ist, mussten wir Europäer erst schmerzvoll lernen. Millionen von Menschen mussten dafür sterben. Das ist der Grund, warum mir ein gemeinsames Europa so wichtig ist. Das, was meine Großeltern erleben mussten, möchte ich selbst nie erleben.

Zwei Generationen später sind wir gewohnt, dass Frieden herrscht. Wir schießen nicht auf Franzosen, sondern trinken mit ihnen Cuba Libre.

Es ist selbstverständlich für uns, durch Europa zu reisen. Wir steigen in ein Flugzeug und kurze Zeit später umgibt uns eine andere Sprache – ohne Visum und ohne Geld zu wechseln. Wir steigen in ein Auto – und nur ein Schild weist uns darauf hin, dass dort eigentlich eine Grenze ist. Wir trinken Cappuccino, essen Tapas, Pizza und Croissants, sehen die gleichen Serien, hören die gleichen Lieder und kaufen bei H&M ein. In unserer Küche gibt es Aceto balsamico und Knäckebrot. Völlig egal, welche Nationalität wir haben. Völlig egal, welche Sprache unsere Muttersprache ist.

Das, was für meine Großeltern Realität war, ist für uns weit entfernter Geschichtsunterricht. Das, was für meine Großeltern ein visionärer Traum war, ist wahr geworden. Und diesen Traum drohen wir heute zu verraten.

Als meine Großeltern in meinem Alter waren, lag hinter ihnen die Katastrophe. Ich hingegen blicke auf ein behütetes, friedliches Leben zurück, auf Reisen ins Ausland und ein Semester Politikstudium in Italien. Seminare, in denen ich mit Italienern über die Sinnhaftigkeit eines Studiums diskutierte, Nächte in italienischen Gassen, Wein trinken mit Franzosen, Belgiern, Briten, Kroaten und Spaniern. Diskussionen über Merkel und Hollande. Ärger über Prüfungen und nichtfunktionierendes WLAN. WG-Abende mit buntem Sprachgemisch.

Wenn ich jetzt, zwei Jahre später, durch meine Facebook-Timeline scrolle, finde ich dort tschechische, slowakische, ungarische, französische, spanische, italienische und englische Statusmeldungen. Unsere Großeltern haben sich bekämpft – wir sind Freunde. Vielleicht ist das Land, in dem wir geboren sind, unsere Heimat. Doch Europa ist unser gemeinsames Zuhause. Das möchte ich nicht verlieren.

Quelle:  Handelsblatt Online
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