Geschäfte in Vietnam: Ausgeliefert

Geschäfte in Vietnam: Ausgeliefert

, aktualisiert 05. Mai 2016, 15:55 Uhr
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Hinrich Schenks ehemalige Geschäftspartner versuchen sich per Bolzenschneider Zugang zum Fabrikgelände zu verschaffen.

von Frederic Spohr und Stephan ScheuerQuelle:Handelsblatt Online

Mittelständische Unternehmer klagen über willkürlich entscheidende Behörden und unberechenbare Gerichtsverfahren – zwei erschütternde Beispiele aus Vietnam und China und wie sich derartige Katastrophen verhindern lassen.

Hanoi, PekingHeinrich Schenk erwartet wieder einen Überfall. Er hat die Polizei informiert und seine Wachmänner am Firmentor verstärkt, selbst seinen Fahrer hat er nach vorn abkommandiert. Sie harren vor dem Fabriktor aus, kalter Wind bläst ihnen ins Gesicht. Die Männer sollen Schenks ehemaligen Geschäftspartner abwehren. Der hat eine Gesellschafterversammlung im Werk einberufen - für Schenk nichts anderes als die Ankündigung eines Angriffs.

Schenk ist Oberst der Reserve. "Das hilft mir hier", sagt er. "Fallschirmspringen, Einzelkämpferausbildung. Da habe ich gelernt, mit solchen Stresssituationen umzugehen." Er zündet sich einen Zigarillo an, guckt aus seinem Bürofenster bei Hanoi und wartet auf den Feind.

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Dabei wollte Schenk nur, was derzeit so viele deutsche Unternehmen wollen: günstig in Vietnam produzieren, gerade jetzt, da die Löhne in China stark gestiegen sind. Die deutsche Außenhandelskammer spricht von einer Welle deutscher Investoren in dem südasiatischen Land, darunter viele Mittelständler. In Schenks Fall ging es um Spezialpappe für Schuhsohlen. Anfangs läuft es geschäftlich gut: Nicht nur Schuhhersteller nehmen die Pappe seines Unternehmens Paper Production Industries bei Hanoi ab, sondern auch die Automobilindustrie. Schließlich beschäftigt Schenk rund 40 Personen in dem Werk.

Doch das Verhältnis mit dem vietnamesischen Partner eskaliert - und eine Odyssee vor den Gerichten des Landes beginnt. Statt eines brummenden Unternehmens führt Schenk mittlerweile eine Geisterfabrik. Nur noch er, sein vietnamesischer Assistent und eine Buchhalterin harren aus. In der fast leeren Fabrikhalle steht eine verlorene Anlage, die längst nicht mehr läuft. Schenks Gegner haben durchgesetzt, dass er derzeit weder im- noch exportieren darf. Auch das Bankkonto ist gesperrt.

Sein Fall ist ein Lehrstück darüber, was passieren kann, wenn sich Unternehmen auf das Geschäft in einem Land mit unzureichender Rechtssicherheit nicht genügend vorbereiten. "Es gibt keine unabhängigen staatlichen Gerichte in Vietnam", sagt Marko Walde, der Delegierte der deutschen Wirtschaft in Vietnam. Auch ein Chemnitzer Reiseunternehmer kämpft seit Jahren gegen Betrüger, die ihn mit einer gefälschten Unterschrift aus dem Register löschten. "Markteinstiege", so Walde, "muss man in Vietnam ganz besonders sorgfältig vorbereiten."

Und nicht nur dort. Jedes fünfte deutsche Unternehmen sieht nach einer Umfrage der deutschen Außenhandelskammern Rechtssicherheit im Auslandsgeschäft als ein Problem an. Das gelte vor allem für mittlere und kleine Unternehmen.


Die Strafen gering, die Erfolgsaussichten mager

Auch in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, China, kann die Rechtssicherheit trotz des guten Rankings im Weltbank-Vergleich zum Problem werden. Beispiel Hugo Boss: "BOSS" steht in Großbuchstaben neben dem Werbebild des Mannes mit Sonnenbrille. Dahinter folgt in kleinen Buchstaben der Schriftzug "sunwen". In rund einem Dutzend Geschäften in Südchina wird für die Kleidung geworben, die stark an die des Metzinger Modekonzerns erinnert. Aber hinter den Produkten verbirgt sich das chinesische Unternehmen "BOSSsunwen".

Für die Deutschen war das eine klare Verletzung ihrer Markenrechte. Sie befürchteten eine Rufschädigung und zogen vor Gericht. Aber sie unterlagen. Es sei der Gegenpartei gelungen, "die Marke im chinesischen Markt so weit zu etablieren, dass die chinesischen Behörden und Gerichte annahmen, die Marke sei mittlerweile durch Benutzung eigenständig geworden und daher neben der Marke "BOSS" zu dulden", sagt eine Sprecherin von Hugo Boss.

Wer lange genug kopiert, kann in China seine eigene Marke aufbauen? Bei BOSSsunwen in der südchinesischen Millionenstadt Guangzhou sieht man das anders. Seit der Gründung der Firma im Jahr 2002 habe das Unternehmen eine eigene Marke aufgebaut. Die Produkte seien lediglich von Europa "inspiriert", heißt es auf der Internetseite des Betriebes. Interviewanfragen vom Handelsblatt lehnt die Firma ab.

Hugo Boss versucht unterdessen weiter, gegen Nachahmungen in China vorzugehen. "Der ökonomische Schaden ist hierbei beträchtlich - zusätzlich zu den Einbußen für die Reputation einer Weltmarke", sagt die Sprecherin. Neben BOSSsunwen sehen sich die Deutschen mit weiteren Nachahmern konfrontiert wie "LARE BOSS", "YARNBOSS" oder "HALE BOSS".

Zwar lässt Peking den Schutz von Urheber- und Markenrechten landesweit ausbauen. "Das Thema hat eine hohe Priorität", sagt Patentanwalt Li Xin von der Beijing Tongdaxinheng Intellectual Property Agency. Aber bislang seien die Strafen oft gering, ein Vorgehen gerade gegen kleine und mittelständische Unternehmen teilweise schwierig.

In Vietnam, das sich im Ranking der Weltbank bei der Rechtssicherheit im Mittelfeld bewegt, haben die Schenks insgesamt rund drei Millionen Euro in Produktionsanlage, Personal und Fabrikgebäude investiert. Von Anfang an ergeben sich Spannungen mit den vietnamesischen Geschäftspartnern. Es stellt sich heraus, dass die Vietnamesen ihren Anteil am Stammkapital der von ihnen gegründeten Aktiengesellschaft, in die sich die Schenks mit ihrem Unternehmen IVU-Apostelmühle eingekauft hatten, nie eingezahlt haben. "Das war eine komplette Luftnummer", sagt Schenk. "Aber wir dachten zunächst, dass wir das noch klären können."

Die Schenks lassen sich hinhalten und stemmen alle Investitionen aus eigener Tasche: Sie bauen die Fabrik auf und lassen eine Millionen Euro teure Anlage aus aus Deutschland bringen. Doch dann gehen die Vietnamesen in die Offensive: Vor Gericht und gegenüber den Behörden setzen sie durch, dass die Deutschen ihren Status als Anteilseigner verlieren. Sie werden aus ihrer eigenen Fabrik gedrängt.


Wie sich Katastrophen verhindern lassen

Für Schenk gibt es nur eine Erklärung dafür: Schmiergeld. Auch deutsche Behörden gehen davon aus, dass ihm Unrecht getan wurde. In einem Schreiben an die vietnamesische Regierung beklagt die deutsche Botschaft im Fall Schenk "nun schon seit Jahren andauernde Rechtsverletzungen der legitimen Interessen eines deutschen Investors".

Vor Gericht bekommt Schenk im Herbst zwar recht - doch die zuständige Behörde setzt das Urteil nicht um. Sie beharrt darauf, dass die Eigentumsverhältnisse immer noch nicht ganz geklärt seien. Stattdessen spitzt sich der Konflikt nach der Gerichtsentscheidung weiter zu: Schenks ehemalige Geschäftspartner versuchen, das Werksgelände zu erobern, um Dokumente, den Firmenstempel sowie den Schlüssel in Beschlag zu nehmen. Der Unternehmer zeigt Fotos vom Februar: Mit Bolzenschneider knacken die Männer das Schloss am Firmentor, versuchen das Tor aufzureißen. Erst als ein alarmierter deutscher Diplomat eintrifft, ziehen die Vietnamesen ab.

Aus der deutschen Auslandshandelskammer heißt es, der Fall sei gravierend, aber ein Einzelfall. Mit der nötigen Vorbereitung könnten derartige Katastrophen verhindert werden. Vor allem rät die AHK von vorschnellen Unternehmensbeteiligungen an vietnamesischen Firmen ab. Unternehmen sollten außerdem unbedingt Schiedsgerichtsklauseln in Verträge einbauen, um nicht auf vietnamesische Gerichte angewiesen zu sein. Dennoch will die AHK das Thema Rechtssicherheit gegenüber der vietnamesischen Regierung weiter ansprechen.

Ob das hilft, ist fraglich: Das deutsche Wirtschaftsministerium und die vietnamesische Regierung haben vor mehr als einem Jahr eine Arbeitsgruppe zum Thema Rechtssicherheit gegründet. Doch die Arbeit in der Gruppe sei "ausbaufähig", heißt es aus dem deutschen Ministerium.

Schenk hat mittlerweile die Bundesregierung und EU-Kommission aufgefordert, Vietnam vor das Streitbeilegungsgremium der Welthandelsorganisation WTO zu bringen. Die EU prüft die Möglichkeit, teilt sie dem Handelsblatt auf Anfrage mit. Derartige Verfahren dauerten aber in der Regel lange, man suche deshalb auch nach einer diplomatischen Lösung. Aufgeben will Schenk keinesfalls. Weil er seine Investition nicht verlieren will, aber auch, weil er weiterhin an die Möglichkeiten in Vietnam glaubt.

Doch zuerst muss er seine Firma retten. An diesem Tag bleibt der erwartete Übernahmeversuch mit Bolzenschneider aus. Vielleicht war die Ankündigung nur ein weiterer Versuch, ihn einzuschüchtern. "Ich soll mürbe gemacht werden, wie die Amerikaner im Vietnamkrieg", sagt Schenk. "Deswegen sage ich auch immer, dass es mir hier in Vietnam eigentlich ganz gut gefällt."

Hoffnungsträger, Absatzchance und Wettbewerber: In einer Serie widmet sich das Handelsblatt den globalen Wachstumsmärkten. Jeden zweiten Mittwoch untersuchen die Autoren, wie sich die Kraftzentren verschieben und was diese Entwicklung für deutsche Unternehmen bedeutet.

Quelle:  Handelsblatt Online
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