Geschäftsmodell Datenanalyse: Die Verschmelzung der Welten

Geschäftsmodell Datenanalyse: Die Verschmelzung der Welten

, aktualisiert 03. Mai 2016, 14:23 Uhr
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Der Vorteil für die Industrie: Mit solchen Dienstleistungen lässt sich langfristig mehr und dauerhaft Geld verdienen als mit dem einmaligen Verkauf einer Maschine.

von Martin WocherQuelle:Handelsblatt Online

Die Digitalisierung der produzierenden Industrie steht erst am Anfang. Kein IT-Konzern kann die ganze Bandbreite abdecken. Das führt immer wieder zu neuen Allianzen – selbst mit hartnäckigen Wettbewerbern.

Wuchtig liegt es da auf dem Stand von Microsoft, übermannsgroß. Vorn die riesigen Turbinenschaufeln, die Seiten überziehen Kabel, Schläuche und dünne Rohre wie feines Nervengeflecht. Das jüngste Rolls-Royce- Triebwerk für den A350 von Airbus ist ein echter Hingucker auf der diesjährigen Hannover Messe. Doch die XWB-84 ist nicht nur in der Lage, im Doppelpack gut 300 Passagiere in die Luft zu hieven und über Stunden zu transportieren, die Turbine liefert dabei jede Menge Daten. Informationen, die für den britischen Triebwerksbauer und seine Kunden immer wichtiger werden.

„Fluggesellschaften hassen nichts mehr als Überraschungen“, sagt Mark Goodhind, bei Rolls Royce für den Datenservice zuständig. Die Analyse des permanenten Informationsstroms verhindert genau das – ein Komplettausfall soll damit ausgeschlossen werden. Gibt es Unregelmäßigkeiten, fallen die sofort auf. Das nächste Serviceintervall bestimmt nicht mehr ein starrer und vorgegebener Zeitplan, sondern das Triebwerk selbst. Aus den Daten wird errechnet, wann die Unterbrechung in den Ablauf passt und wo dann Wartungs-Kapazitäten frei sind. Das alles optimiert den Einsatz des Flugzeugs und senkt die Kosten. „Ein Flugzeug verdient ja nur Geld, wenn es in der Luft ist“, sagt Goodhind.

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Als Partner für die Speicherung und Analyse der Daten hat sich Rolls Royce den US-Softwaregiganten Microsoft an Bord geholt. „Die haben viel mehr Erfahrung damit als wir“, sagt Goodhind. So lässt sich in der Cloud von Microsoft auch anhand von Wetterprognosen und laufend übermittelten Daten anderer Flieger exakt berechnen, wie viel Sprit der Airbus für seinen Flug an Bord nehmen sollte, einschließlich Sicherheitsreserve. In der Vergangenheit wurde das eher anhand von Erfahrungswerten entschieden. „Jedes Kilo Gewicht, das ein Flugzeug nicht mitnehmen muss, spart der Fluggesellschaft richtiges Geld“, sagt Goodhind.

Überall bietet die Industrie inzwischen diese neuen Geschäftsmodelle rund um die Datenanalyse an. Der Vorteil für sie: Mit solchen Dienstleistungen lässt sich langfristig mehr und dauerhaft Geld verdienen als mit dem einmaligen Verkauf einer Maschine. Auch der Kunde profitiert: Er kann seine Anlagen optimal einsetzen, erhöht dadurch die Produktivität und spart Kosten.

Der Einsatz von IT- und Software macht dabei den Unterschied. Schon jetzt trägt das digitale Element rund ein Drittel der Wertschöpfung einer Maschine bei, ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. „Die Hardware wird zum Container für Software“, sagt Frank Riemensperger, Deutschlandchef von Accenture und Präsidiumsmitglied des Branchenverbands der digitalen Wirtschaft, Bitkom. „Alles Physische was künftig durch Software ersetzt werden kann, wird auch ersetzt werden.“

Der Markt muss sich zurechtruckeln

Nicht umsonst sind auf der Hannover Messe inzwischen IT-Und Software-Konzerne großflächig vertreten. Da die Digitalisierung der produzierenden Industrie erst am Anfang steht, kann jedoch kein IT-Konzern die ganze Bandbreite abdecken. Das führt immer wieder zu neuen Allianzen, selbst mit hartnäckigen Wettbewerbern.

„Wir machen inzwischen 97 Prozent unseres Geschäfts mit Partnern“, sagt der Deutschland-Chef des Netzwerkspezialisten Cisco, Oliver Tuszik. „Unsere Produkte sind zwar leistungsfähig, bieten allein aber nicht den Wert, den der Kunde sucht. Das ist dann der Job der Partner.“ Doch nicht nur die IT- und Software-Spezialisten rangeln um die beste Ausgangsposition bei der Digitalisierung der Wirtschaft, auch Telekom-Konzerne wie AT&T oder die Deutsche Telekom bieten Plattformen, Cloud-Dienste und sichere Datenleitungen an.

So gab der Aufzugshersteller Otis in Hannover eine Kooperation mit AT&T und Microsoft bekannt, um Daten für eine vorausschauende Wartung auswerten zu können. Diesen Service hat Konkurrent Thyssen-Krupp schon Ende vergangenen Jahres in den USA installiert – Partner auch hier Microsoft. Für den Bau einer Infrastruktur-Plattform haben sich Intel, Cisco und der Telekom-Ausrüster Ericsson zusammengefunden. Ist so ein Projekt einmal installiert, enden meist auch die Allianzen.

Für Experten wie Riemensperger sind solche Kooperationen auch Ausdruck für einen Markt, der sich erst findet. „Ein klarer Gewinner ist nicht absehbar“, sagt er. „Der Markt muss sich erst zurechtruckeln, das wird noch drei bis fünf Jahre dauern.“ Spätestens dann werde allerdings eine Konsolidierungswelle einsetzten: „Derzeit gibt es über 100 verschiedene IoT-Plattformen, viele sind aber redundant. Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle überleben werden.“

Riemensperger ist jedoch davon überzeugt, dass es im Industriebereich nicht zu einer entsprechenden Konzentration und Dominanz einzelner IT- und Internet-Konzerne wie im Konsumentenbereich mit Amazon und Google kommen wird. „Dafür ist in der produzierenden Industrie zu viel Spezial-Know-how gefragt“, sagt er. Eine beruhigende Nachricht für all die, die auch beim industriellen Internet immer wieder nervös schauen, was denn eigentlich Google macht.

Quelle:  Handelsblatt Online
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