Gesund trotz Krankmeldung: Wenn Facebook Mitarbeiter entlarvt

Gesund trotz Krankmeldung: Wenn Facebook Mitarbeiter entlarvt

, aktualisiert 01. November 2016, 09:00 Uhr
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Ein Drittel der befragten Chefs hat schon Mitarbeiter über soziale Netzwerke erwischt, die eine Krankheit offenbar nur vorgetäuscht haben.

von Lisa OenningQuelle:Handelsblatt Online

Über Facebook prüfen viele Chefs, ob Mitarbeiter tatsächlich krank sind. Doch selbst wenn deren Posts sie als kerngesund entlarven, stehen die Chancen der Vorgesetzten schlecht: Die Flunkerer sind kaum zu kündigen.

DüsseldorfMit krächzender Stimme und schniefender Nase meldet sich der Mitarbeiter telefonisch bei seinem Chef: „Ich bin krank.“ Doch als der Vorgesetzte in seiner Mittagspause durch seine Timeline bei Facebook scrollt, glaubt er seinen Augen kaum. Ein Foto zeigt, wie der vermeintlich kranke Angestellte mit seiner Freundin am Meer Drachen steigen lässt. Kerngesund lächelt er in die Kamera – anstatt zu Hause seine Grippe auszukurieren.

Dank Facebook, Twitter und Co. steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Chefs flunkernde Angestellte über soziale Netzwerke entlarven. Das Karrierenetzwerk „Careerbuilder“ hat kürzlich in den USA 2500 Personalchefs und Manager befragt, ob sie die Netzwerke nutzen, um herauszufinden, ob Mitarbeiter wirklich krank sind. Das Ergebnis: Ein Drittel der Befragten gab an, einen Angestellten über Facebook und Co. bereits dabei erwischt zu haben, eine Krankheit nur vorgetäuscht zu haben.

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Eine in Deutschland durchgeführte Befragung des Karrierenetzwerkes unter 400 Arbeitgebern kam zu einem ähnlichen Resultat. Insgesamt ein Drittel der Führungskräfte überprüft Mitarbeiter, um sicherzugehen, dass sie eine Krankheit nicht nur simulieren. Immerhin 27 Prozent fahren an seiner Wohnung vorbei und 13 Prozent bitten andere Mitarbeiter, den kranken Kollegen anzurufen. 15 Prozent der Chefs gaben zu, Profile des Mitarbeiters in sozialen Netzwerken zu überprüfen.

Ein Drittel flunkernder Mitarbeiter wurde auf diese Weise entlarvt. Doch viele Arbeitgeber sind machtlos: Nur fünf Prozent der Mitarbeiter mussten laut der Umfrage ihren Schreibtisch räumen, lediglich jeder Fünfte erhielt eine Abmahnung.

Dass die Zahl der Kündigungen verhältnismäßig gering ausfällt, hängt damit zusammen, dass die ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung eines Arbeitnehmers einen extrem hohen Beweiswert hat, weiß Arbeitsrechtler Sebastian Maiß. Wenn der Chef davon überzeugt ist, dass sein Mitarbeiter die Krankheit nur vorgegaukelt hat, muss er die inhaltliche Richtigkeit des Attests erschüttern. „Das ist relativ schwer. Denn bloße Zweifel des Chefs an der Arbeitsunfähigkeit oder Behauptungen ins Blaue hinein reichen nicht“, sagt Maiß.

Er kann die Richtigkeit anzweifeln, wenn der Mitarbeiter das Krankfeiern vorher angekündigt hat oder er sich nach Eintritt der Arbeitsunfähigkeit zweifelhaft verhält, beispielsweise indem er in den Urlaub fährt, aber dabei nicht genesen kann. Allein ein Strandfoto auf Facebook, das nur eine Momentaufnahme ist, reicht laut Arbeitsrechtler Maiß aber im Regelfall nicht aus, um den Beweiswert der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung infrage zu stellen.


Kranke Mitarbeiter müssen nicht zwingend das Bett hüten

Eine Arbeitsunfähigkeit bedeutet nämlich nicht, dass sich der Arbeitnehmer ausschließlich zu Hause, und erst recht nicht im Bett, aufhalten muss. Entscheidend ist, ob sich die Aktivitäten des Arbeitnehmers nicht mit dem Inhalt der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung in Übereinstimmung bringen lassen. „In der Zeit, in der der Arbeitnehmer krankgeschrieben ist, muss er alles unterlassen, was den Heilungserfolg gefährdet“, sagt der Arbeitsrechtler. Heißt: Wenn er wie im genannten Beispiel eine Grippe hat, sollte er zu Hause bleiben – da er sonst eine Pflichtverletzung begeht. Leidet er an einer psychischen Erkrankung, darf er sich durchaus am Strand aufhalten.

Bei gesetzlich versicherten Arbeitnehmern kann der Arbeitgeber beispielsweise den medizinischen Dienst der Krankenkassen einschalten. Der prüft, ob der Arzt das Attest korrekt ausgestellt hat.

Kann der Dienst beweisen, dass der Mitarbeiter kerngesund und damit arbeitsfähig war, kann der wiederum seinen Arzt von der Schweigepflicht befreien. Der soll dann beweisen, dass der Arbeitnehmer tatsächlich arbeitsunfähig war und welche Verhaltensvorgaben er dem Mitarbeiter hinsichtlich der gesundheitlichen Beeinträchtigung auferlegt hat. „Gelingt dem Arbeitnehmer dieser Nachweis, muss der Arbeitgeber widerlegen, dass sich der Arbeitnehmer an diese Vorgaben nicht gehalten hat. Schafft der Arbeitgeber dies nicht, hat der Arbeitnehmer sehr gute Chancen, seinen Job zu behalten“, sagt Maiß.

Leichteres Spiel hat der Arbeitgeber, wenn sich der Arbeitnehmer krank meldet, obwohl er es gar nicht ist, keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlegt und der Chef ihn dann „in flagranti“ online antrifft.

Kann der Arbeitgeber nachweisen, dass der Arbeitnehmer tatsächlich nicht arbeitsunfähig war, muss dieser im Rahmen einer Kündigungsschutzklage seine Arbeitsunfähigkeit beweisen. Gelingt ihm das nicht, stellt das Krankfeiern eine erhebliche Pflichtverletzung – nämlich versuchten Betrug – und damit auch einen Grund für eine fristlose Kündigung dar.

Quelle:  Handelsblatt Online
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