Gesundheit: Das Recht auf die zweite Meinung

Gesundheit: Das Recht auf die zweite Meinung

, aktualisiert 13. November 2015, 06:40 Uhr
von Maike TelghederQuelle:Handelsblatt Online

Immer mehr Patienten holen sich vor Operationen zusätzlichen medizinischen Rat ein. Darauf gibt es ab 2016 für gesetzlich Versicherte einen Rechtsanspruch. Davon profitieren werden vor allem Internetportale.

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Wer Bedenken bei einer Therapie hat, kann sich eine zweite Meinung einholen. Davon profitieren Internetportale.

FrankfurtIn Deutschland wird zu viel operiert. Darauf verweisen internationalen Statistiken etwa der OECD. Und das hat Mediziner Jan-Christoph Loh während seiner Arbeit als Chirurg Tag für Tag erlebt: Im System der Fallpauschalen verdienen deutsche Krankenhäuser eben mehr, wenn sie möglichst viele Patienten behandeln. „Fälle gleich Stelle“ war das geflügelte Wort der Klinikärzte, und die entscheidende Motivation für Loh mit seinem Schulfreund Jan Dzulko 2011 das Internetportal „Medexo“ – Medizinische Experten Online zu gründen. Es bietet Patienten die Möglichkeit, online eine zweite Arztmeinung zu einer Behandlung oder Operation einzuholen.

Dass eine Operation etwa bei Rückenbeschwerden nicht immer die erste Behandlungsoption sein muss, zeigt das seit 2010 gestartete Modellprojekt „Zweitmeinung vor Wirbelsäulen-Operationen“ der Techniker-Krankenkasse. Bei 85 Prozent der mehr als 1500 Patienten, empfahlen die Zweitmeinungs-Experten, auf die angeratene OP zu verzichten. Nun kann man Krankenkassen unterstellen, dass sie ein Interesse daran haben, hohe Operationskosten einsparen zu wollen. Aber auch das Team von Medexo kommt nach mittlerweile mehr als 1100 erstellten Zweitmeinungen zu dem Schluss, dass nur 30 Prozent der angeratenen OPS an Hüfte, Rücken, Knie, Schulter und Hand durch die Experten des Zweitmeinungsportals bestätigt wurden. In fast neun von zehn Fällen seien dann übrigens die Ärzte, die die Erstdiagnose gestellt haben, der zweiten Meinung gefolgt, hat Medexo ermittelt.

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Heute holen sich etwa 50 Patienten pro Monat eine zweite medizinische Einschätzung über Medexo ein. 80 Prozent der Anfragen betreffen dabei orthopädische Diagnosen und Eingriffe. Das liegt auch daran, dass Medexo sich 2012 mit dem Zweitmeinungsportal „Vorsicht Operation“ zusammengetan hat, das von Kniechirurg Hans Pässler zusammen mit anderen auf den Bewegungsapparat spezialisierten Chirurgen ins Leben gerufen wurden. Begutachtet werden die Patientenfälle von mittlerweile mehr als 80 Experten. Die Kosten für eine einfache Zweimeinung in Höhe von 300 Euro übernimmt dabei in vielen Fällen die gesetzliche Krankenkasse: Einige sind bereits offizieller Kooperationspartner von Medexo. In Fällen werden die Kosten oft auf Nachfrage erstattet, meint Loh.

Corinna Schäfer, Leiterin der Abteilung Patienteninformation beim Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin, empfiehlt jedem Patienten, sich vor dem Einholen einer zweiten Meinung darüber klar zu werden, was er damit erreichen will. „Wer sich an ein Portal wendet, dessen Angebot auf der Annahme basiert, dass zu viel behandelt wird, muss auch in seinem Fall mit einer entsprechenden Empfehlung rechnen.“


50 Prozent der Zweitmeinungen weichen von Erstmeinungen ab

Wer also Bedenken bei einer Therapie hat, sollte das nach Meinung von Schäfer zuerst noch einmal mit dem behandelnden Arzt besprechen. „Das Ziel muss doch eine kompetente Beratung schon bei der Erstmeinung sein“, sagt sie.

Konkurrenz im Netz sieht Medexo-Chef Loh für sein Angebot derzeit nicht. Das ebenfalls seit einigen Jahren aktive Portal „krebszweitmeinung.de“ von der Health Management Online AG sei mit seiner Spezialisierung auf Onkologie eher komplementär. Krebszweitmeinung.de ist 2012 aus einem Projekt mit der Felix Burda Stiftung entstanden. In einer Studie zur Zweitmeinung bei Darmkrebs wurde festgestellt, dass 50 Prozent der Zweitmeinungen zum Teil erheblich von der Erstmeinung abweichen. Das Gros der Abweichungen (70 Prozent) wurde dabei bei Diagnosen bei kleineren Kliniken auf dem Land festgestellt.

„Ein einzelner Arzt ist bei Auswahl der optimalen Therapie oft überfordert, denn die Halbwertszeit des onkologischen Wissens liegt bei unter zwei Jahren“ sagt Roy von der Locht, das das operative Geschäft bei der HMO AG führt. Um auch Krebspatienten, die weit entfernt von onkologischen Fachzentren entfernt wohnen, eine Chance auf eine fundierte zweite Meinung zu bieten, hatte Mediziner Udo Beckenbauer das Portal ins Leben gerufen. Mittlerweile arbeitet Krebszweitmeinung.de mit 19 Tumorboards zusammen.

Die Expertengruppen an onkologischen Fachzentren treffen sich regelmäßig, um über ihre stationären und ambulanten Patienten zu beraten und widmen einen Teil dieser Zeit auch den Anfragen die über das Portal der HMO AG eingehen. 379 Euro kostet das den Patienten, aber auch bei krebszweitmeinung.de sind schon viele Krankenkassen als Partner mit von der Partie.
Künftig will das Portal nach Angaben von Locht auch neue Indikationen abdecken. Das große Feld der Herz-Kreislauferkrankungen etwa. Nach dem neuen Versorgungsstärkung haben gesetzlich Versicherte ab dem nächsten Jahr einen Rechtsanspruch auf eine zweite Arztmeinung etwa bei planbaren Operationen. Das könnte den von privaten Investoren unterstützten Zweimeinungs-Portalen Aufwind geben.

Medexo entwickelt bereits ein spezielles Softwarepaket, mit dem das Unternehmen künftig niedergelassenen Ärzten beim Erstellen von zweiten Meinungen unterstützen will. Durch standardisierte Fragebogen etwa, die der Patienten vorher ausfüllt, soll wichtige Zeit für das Arzt Patient Gespräch gewonnen werden. Denn einen zweiten Arzt für eine Überprüfung der Erstmeinung aufzusuchen, ist nach wie vor die am meisten verbreitetste Art, sich eine zweite Meinung zu holen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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