Gier und Maßlosigkeit haben dem Rotwein geschadet: Bordeaux erwartet die Renaissance

Gier und Maßlosigkeit haben dem Rotwein geschadet: Bordeaux erwartet die Renaissance

, aktualisiert 27. März 2016, 17:33 Uhr
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Auf dem Bordeaux-Jahrgang 2015 ruhen die Hoffnungen einer ganzen Region.

von Thomas HankeQuelle:Handelsblatt Online

Auf dem Bordeaux-Jahrgang 2015 ruht die Hoffnung einer ganzen Region. Nach den deutlichen Rückschlägen in der Vergangenheit ist ein Erfolg bitter nötig – Erzeuger und Händler müssen sich vor neuem Übermut in Acht nehmen.

BordeauxDie Weinbranche und die Freunde des Bordeaux richten ihre Augen auf den Jahrgang 2015: Er soll Erzeuger und Händler aus dem Trend rückläufiger Verkäufe und bescheidener Qualitäten herausreißen. Die Kunden hoffen auf einen besonderen Wein zu fairen Preisen. 2015 wird als exzellenter Bordeaux-Jahrgang geschätzt, der außerdem wieder ordentliche Mengen bietet.

Zugleich hofft man an der Gironde, die Folgen der eigenen Dummheiten zu überwinden, die Gier und Maßlosigkeit in den Jahren 2009 und 2010 verursacht haben. Die Preise der Spitzenweine aus Frankreichs berühmtestem und wichtigstem Anbaugebiet stiegen in astronomische Höhen. Der Rebensaft wurde vom Genussmittel zum Spekulationsobjekt, mit der Folge, dass viele traditionelle Kunden sich angewidert abgewendet haben. Vor allem China stieg aus. Ganz Bordeaux hatte unter dem Image zu leiden, überteuert zu sein.

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Der angesehene Kritiker Robert Parker, der viel zum preislichen Aufstieg der Bordeaux-Weine beigetragen hat, kritisierte das System der Terminverkäufe von Bordeaux-Weinen („vente en primeur“) als völlig aus dem Ruder gelaufen: Weine der teuren Jahrgänge, die als Primeur gekauft wurden, sanken später kräftig im Preis. Eine nachträgliche Korrektur, die das komplexe und wenig transparente System gerade durch das Finden eines angemessenen Preises vermeiden sollte. Wer also auf das legendäre Modell aus Erzeugern, Händlern und Maklern vertraute, war der Dumme. Ist es damit am Ende?

Patrick Bernard, Chef von Millesima, glaubt das nicht. Wir sitzen in seinem Depot am Quai de Paludate in Bordeaux, ganz nahe an der Garonne. Es ist kalt, 12 bis 13 Grad, ideale Temperatur für den Wein, nicht für den Menschen. Aber Bernard redet sich warm: „Das System funktioniert, wenn alle ihren gerechten Anteil an der Wertschöpfung haben: Erzeuger, Händler, Grossisten, Exporteure, Importeure, Einzelhandel und Kunde“, doch sei seit dem Jahrgang 2010 „neben dem Anteil der Châteaux nicht mehr viel für die anderen übrig geblieben“, sagt er dem Handelsblatt im Interview und schließt sich damit indirekt der Kritik an. Parker, der seit dem vergangenen Jahr keine Weine mehr benotet und an Neil Martin übergeben hat, habe dazu beigetragen, dass sich die Nachfrage auf Weine mit Spitzenbewertung von 95 oder mehr Punkten konzentriert habe und sich Preisblasen bildeten.

Bernard hat Millesima zum größten Internet-Händler für Spitzenweine gemacht. Nun übergibt er an seinen Sohn Fabrice. Doch vorher startet er noch einen weiteren Anlauf, seine Kundschaft auszweiten: „Wir beginnen, besonders guten Riesling aus Deutschland zu listen.“ Die Produkte exzellenter Lagen an der Mosel, im Rheingau und in der Pfalz sollen schon bald auf der Millesima-Preisliste zu finden sein. Sie treten damit neben die Gewächse aus Frankreich, Italien, Portugal, den USA und Australien.

Bernard will damit einen Erfolg wiederholen, den er zuerst in Italien erreicht hat: „Dank unserer Verbindungen und unserer Mitarbeiterin Viviana Vecchione haben wir ausgezeichnete italienische Weine ins Programm bekommen, das hat neue Kunden beeindruckt.“ Millesima habe damit seine Professionalität bei neuen Liebhabern unter Beweis gestellt, „die aber dann ganz andere Weine kaufen, vor allem französische.“ Bertrand hofft, dass sich dieser Effekt in Deutschland wiederholt: Riesling anbieten, um die Neigung der Kunden zu gewinnen und sie dann auch zu anderen Angeboten des Haues zu lotsen. Denn für einen deutschen Riesling braucht niemand ein Handelshaus aus Bordeaux.


Die Gier trieb die Preise hoch

Die Weine aus den 65 Appellationen beiderseits von Garonne und Gironde bleiben das Kerngeschäft der Bernards. „Der Anteil am Umsatz ist zwar auf 35 Prozent gesunken, aber wir verkaufen absolut jedes Jahr mehr aus der Region.“ 13 Prozent entfallen auf Champagner, elf auf Tropfen aus Burgund und sechs Prozent auf Italien.

4,8 Millionen Hektoliter verkauften die Bordeaux-Winzer im vergangenen Jahr, so die Anfang der Woche vom Verband CIVB veröffentlichten neuen Zahlen. Das sind fünf Prozent weniger als im Vorjahr, die Branche erzielte damit einen Umsatz von 3,8 Milliarden Euro, ein Prozent mehr als 2014. 58 Prozent blieben im Inland, der Rest ging in den Export. China trieb die Ausfuhren: Der Menge nach nahmen die Chinesen 31 Prozent mehr ab, im Wert war das eine Steigerung um ein Viertel.

In Europa war der Absatz dagegen um 17 Prozent rückläufig. Deutschland ist auf den dritten Rang der Abnehmerländer zurückgefallen, geht es nach dem Wert, sogar auf den fünften. Allerdings war 2014 ein ausgesprochen starkes Jahr, das von Sonderaktionen großer Handelsketten in Deutschland getrieben wurde. „Aber in diesem Jahr werden sie ihre Lagerbestände wieder auffüllen“, tröstet sich Bernard Farges, Präsident des Interprofessionellen Weinrates von Bordeaux (CIVB), in dem alle Glieder der Wertschöpfungskette vertreten sind.

Sie haben ganz andere Sorgen als die Spitzengüter. Den allergrößten Teil des Umsatzes macht die Branche in Bordeaux mit Weinen bis maximal 15 Euro pro Flasche – ein Preisniveau, über das die Spitzengüter nur milde lächeln können. Ihre Exzesse aber haben die ganze Branche in Verruf gebracht.

Auf dem Jahrgang 2015 ruhen auch die Hoffnungen von Millesima-Chef Patrick Bernard. Es gab viel Sonne, starke Regenfälle im August glichen das Defizit an Niederschlägen aus, das bis dahin aufgelaufen war, und zum Zeitpunkt der Lese blieb es trocken, so dass jede Parzelle zum optimalen Zeitpunkt geerntet werden konnte. „Wir finden das Genie der Bordeaux-Weine wieder“, freut sich Bernard. Mit 13 bis 13,5 Grad erreicht auch der Alkoholgehalt wieder einen vernünftigen Wert. Im qualitativ nur durchschnittlichen Vorjahr war er auf 14,5 und mehr geklettert – zu viel für den Geschmack vieler Weintrinker, jedenfalls zu viel für einen klassischen Bordeaux.

Bernard glaubt, dass Bordeaux von einer vernünftigeren Basis aus neu starten kann, „wenn bei den Preisen alle vernünftig bleiben.“ Die Warnung kommt nicht von ungefähr: Am 5. April beginnen die Verkostungen der Primeurs, dann fallen die Entscheidungen über das Preisniveau. Vorsichtshalber erinnert Bernard noch mal an die krassen Übertreibungen der Vergangenheit: „2005 war der Durchschnittspreis der teuersten Châteaux 3,5 mal so hoch wie 2004, 2009 war er 3,5 mal so hoch wie 2008 und 2010 noch einmal 1,1 so hoch wie 2009 – die Messe ist gesungen!“

2009 und 2010 hätten die Amerikaner sich wegen der überteuerten Preise zurückgezogen, die Chinesen dagegen große Mengen gekauft. „Und wir machten rund 20 Prozent unseres Umsatzes mit Leuten, die ich Ameisen nenne – Privatpersonen, die an Chinesen weiter verkauft haben, um ihren persönlichen Schnitt zu machen.“ Doch nachdem sie mit diesen überteuerten Jahrgängen kräftig auf die Nase gefallen waren, zogen sich in den Folgejahren auch die Chinesen zurück und zwangen Bordeaux zu einer Korrektur. Heute könne niemand mehr verrückte Preise bezahlen, warnt Bernard: „Wo ist die terra incognita, die noch weit überzogene Preise akzeptieren würde? Auf der Erde nicht, nur auf dem Mars!“


Neue Kundschaft, neue Vertriebswege

Patrick Bernard stützt sich bei seinem Urteil auf „die Beziehungen zu 90.000 Kunden in 110 Ländern“. Die würden am Telefon den Beratern alles offenbaren: „95 Prozent unserer Kunden sind Männer, die freuen sich, wenn sie eine Frau am Apparat haben, da wird gechattet, geflirtet, das Herz ausgeschüttet, heute gibt es keine Beichtväter mehr, dafür aber die Millesima Girls.“ Doch das ist schon fast die Vergangenheit: In den letzten zehn Jahren ist der Anteil der Internet-Verkäufe bei Millesima von 15 auf 85 Prozent gestiegen. 2015 hatte der Händler 105.000 Follower bei Facebook. Weil die extrem stark vernetzt sind, erreichen die eigenen Postings 49 Millionen Personen.

Angesichts dieser Reichweite wirkt der Umsatz von 30 Millionen Euro jährlich noch nicht einmal übermäßig üppig. Ein interessanter Aspekt für die ganze Weinwirtschaft ist, dass die Kundschaft jünger wird. Die Zeiten, in denen man sich einen passionierten Weintrinker als dickbäuchigen, älteren Mann mit knallroter Nase vorstellen konnte, sind vorbei. Jugendliche trinken nicht mehr nur Bier oder Alkohol-Mixgetränke, sondern auch Wein.

Gleichzeitig wird die Kundschaft sensibler für Themen wie Umweltwirkungen des Anbaus und Klimawandel. Der CIVB versucht, offensiv zu dem Thema zu kommunizieren, doch es ist kompliziert. Der Klimawandel führt dazu, dass die Trauben früher reifen und der Alkoholgehalt – wie in 2014 – zunimmt. Das volle Geschmackspotenzial wird nicht mehr ausgeschöpft. Bis zu einer gewissen Grenze kann man darauf mit mehr Beschattung durch einen verändertem Schnitt reagieren, doch sollte die Tendenz anhalten, müssen in ein paar Jahren möglicherweise andere Sorten her, die dann den Geschmack sehr stark beeinträchtigen würden.

Derzeit noch heikler ist das Thema Bio oder konventionell. Berichte über gesundheitliche Beeinträchtigungen bei Schülern, die dem Spritznebel von Pflanzenschutzmitteln ausgesetzt sind, haben den CIVB veranlasst, Schutzzonen um Schulen herum auszurufen. Durchsetzen kann er das allerdings nicht. Fabien Raymond, technischer Direktor von Château Marquis d’Alesme in Margaux versichert, dass „beide Bewirtschaftungsarten sich annähern“. Im eigenen Weingut „spritzen wir nicht mehr gegen Unkraut, das bekämpfen wir nur mechanisch, aber Mehltau und Oidium, die eine ganze Ernte gefährden können, bekämpfen wir noch mit Synthese-Produkten.“

Bio-Winzer setzen Kupfer ein, das sich aber im Boden anreichert. Die diplomatische Wortwahl von Raymond, der in einer wunderschönen, aufwändig gestalteten neuen Kellerei arbeitet, zeigt, dass das Thema konfliktträchtig ist. Er will niemanden vor den Kopf stoßen, weder seine biologisch noch die traditionell wirtschaftenden Kollegen.

Chemie im Weinbau, Klimawandel, Überwindung der Preisexzesse: Bordeaux hat genügend schwierige Themen auf der Tagesordnung. Der gute Jahrgang 2015 kommt wie gerufen, um mit besseren Nachrichten aufzuwarten. Vorausgesetzt, die Erzeuger bleiben bei den Preisen vernünftig.

Quelle:  Handelsblatt Online
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