Gleichberechtigung: Die Stereotypen-Falle

Gleichberechtigung: Die Stereotypen-Falle

, aktualisiert 08. März 2017, 17:34 Uhr
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Die Arbeitsmarktexpertin Jutta Rump geht davon aus, dass es noch bis zu 15 Jahre dauern wird, bis Gleichberechtigung in deutschen Unternehmen herrscht.

von Lisa OenningQuelle:Handelsblatt Online

Frauen werden benachteiligt, meint Arbeitsmarktexpertin Jutta Rump. Der Grund: Stereotype. Im Interview erzählt sie, wie man sich davor schützen kann – und dass sie sich bereits selbst beim Klischee-Denken erwischt hat.

Der internationale Frauentag soll das Bewusstsein für die Gleichberechtigung stärken. Doch wie weit ist sie mittlerweile in deutschen Unternehmen fortgeschritten? Jutta Rump, Arbeitsmarktexpertin und INQA-Themenbotschafterin Chancengleichheit und Diversity, erzählt im Gespräch, dass viele deutsche Unternehmen, aber auch die Politik beim Thema Gender Balance noch nachsitzen müssen – und welchen europäischen Staat sich Deutschland zum Vorbild nehmen kann.

Frau Rump, am heutigen Mittwoch ist der internationale Frauentag. Wie gut sind deutsche Unternehmen beim Thema Gleichberechtigung von Mann und Frau aufgestellt?
Es herrscht heute zwar schon mehr Gleichberechtigung als vor fünf oder zehn Jahren. Gleichwohl muss man sagen, wenn man sich den Anteil von Frauen in Führungspositionen anschaut, besteht an der einen oder anderen Stelle noch Handlungsbedarf.

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Aber Gleichberechtigung zeichnet doch viel mehr als nur den Anteil von Frauen in Führungspositionen aus.
Natürlich hat Gender Balance unterschiedlich viele Facetten. Gleichberechtigung bezieht sich neben den Karrieremöglichkeiten auch auf die Vergütung und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Es muss aber vor allem noch viel im Bereich der Stereotypen getan werden.

Was meinen Sie damit genau?
Ob man Frau und Mann – sowohl bewusst als auch unbewusst – mit gleichem Maß bewertet. Das ist vor allem in der Personalauswahl und -entwicklung häufig nicht der Fall. Denn mit Positionen und Berufsbildern verbinden wir ganz bestimmte Attribute und Verhaltensmerkmale. Wer ist durchsetzungsstark? Wer ist wettbewerbsorientiert? Wer handelt ziel- und strategieorientiert? Wir hören diese Begriffe – und haben sofort ein Bild im Kopf. Und dieses Bild ist bei den meisten von uns mit einem Geschlecht verbunden. Und dann tappt man automatisch in die Stereotypen-Fallen.

Haben Sie sich schon mal beim Klischee-Denken erwischt?
Ja, vor nicht allzu langer Zeit kam ein Mitarbeiter zu mir ins Büro und erzählte mir, dass er Vater wird. Ich habe mich total für ihn gefreut. Zwei Wochen später kam eine Mitarbeiterin zu mir und erzählte mir, sie sei schwanger. Ich konnte gar nicht so schnell reagieren, so schnell ist es in meinem Gehirn hoch geploppt: „Wie lange dauert es noch? Schaffst du es noch, das Projekt zu beenden und wer übernimmt die Dokumentation?“

Und im nächsten Moment habe ich mir geschockt die Frage gestellt: Was tust du da eigentlich? Doch das Leben schlug mir ein Schnippchen: Alles verlief bestens und die Mitarbeitern war nur nach wenigen Wochen in Vollzeit zurück am Arbeitsplatz.

Was könnte der Grund dafür sein, dass selbst eine langjährige Expertin wie Sie in die Stereotypen-Falle tappt?
Ich bin Ende der 60er Jahre geboren worden. In meiner Sozialisation, also als ich zwischen 0 und 25 Jahre alt war, wurde ein bestimmtes Rollenmuster vorgelebt. Das hat sich in dem limbischen System meiner Generation verankert und existiert daher unbewusst.


„Gemischte Führungsgruppen sind erfolgreicher“

Also ist kaum jemand vor der Falle gefeit?
Nur dann, wenn man das Thema Gleichberechtigung immer wieder aus der Tabu-Zone holt und in der Öffentlichkeit bewusst und laut anspricht. Dieses Bewusstsein muss vor allem in die Unternehmenspolitik, Personalentwicklung, Mitarbeitergespräche und -zeitungen sowie Zielvereinbarungen gebracht werden.

Sie befürworten also eine Frauenquote in Vorständen, wenn Sie von Zielvereinbarungen sprechen?
Normalerweise bin ich nicht für dirigistische Maßnahmen, aber bei der Frauenquote mache ich eine Ausnahme. Sie hat uns gezwungen, uns mit dem Thema Gleichberechtigung auseinandersetzen. Denn Systeme verändern sich gewöhnlicherweise nicht, weil die Argumente gut sind, sondern nur dann, wenn externe Faktoren wie ein dirigistisches Instrument Druck ausüben, das Verhalten zu verändern. Allein der Effekt, den die Diskussion seit Februar 2009 in Gang gesetzt hat, ist enorm.

Abgesehen vom Effekt, wie stehen Sie persönlich zu einem festen Anteil von Frauen in Führungspositionen?
Ich glaube schon, dass gemischte Teams in Vorständen und Führungspositionen durchaus Sinn machen. Gemischte Führungsgruppen sind tendenziell erfolgreicher als homogene Teams, weil sie über mehr Perspektiven und Potenzial verfügen.

Schweden ist der europäische Musterschüler, wenn es um Gleichberechtigung geht. Was ist die Erfolgsformel der Skandinavier?
In Schweden war die Politik stets auf Gleichstellung ausgerichtet. Dort gibt es seit langer Zeit Ganztagsbetreuung von Klein- und Schulkindern. Beide Partner kümmern sich gleichermaßen um die Kinder und gehen in der Regel einer Dreiviertel-Stelle nach.

In Deutschland ist es Tradition der Familienpolitik, dass es Eltern – insbesondere Frauen – ermöglicht wird, für familiäre Pflichten aus dem Beruf auszusteigen. Dann ist es meist vorbei mit den Karrierechancen. Diese Tradition lässt sich nicht so leicht aufbrechen.

Was müsste die Politik also hier konkret tun?
Es gibt mehrere Handlungsfelder, die mir alle gleich wichtig erscheinen: der qualitative und quantitative Ausbau der Kinderbetreuung von der Geburt an, die ganztätige Schulbetreuung, neben der Frauenquote weitere Zielvereinbarungen, flexiblere Arbeitszeitmodelle für Männer und Frauen sowie Initiativen zur Stärkung des Bewusstseins von Stereotypen und gleicher Bezahlung.

Wie lange wird es Ihrer Meinung nach in Deutschland noch dauern, bis es in Deutschland gerecht zugeht?
Zehn bis 15 Jahre, wenn es keine weitere Zielvereinbarungen gibt – und man die Sache sich selbst überlässt.

Frau Rump, vielen Dank für das Gespräch.

Quelle:  Handelsblatt Online
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