Globale Wirtschaft: Auf zu neuen Ufern

Globale Wirtschaft: Auf zu neuen Ufern

, aktualisiert 25. April 2016, 19:07 Uhr
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Straßenszene in Rangun: Das wachstumsstarke Land lockt internationale Unternehmen.

von Nicole Bastian, Mathias Peer, Mathias Brüggmann, Wolfgang Drechsler und Frederic SpohrQuelle:Handelsblatt Online

Die globale Wirtschaft gerät ins Stocken. Für Unternehmen wird es schwieriger, passende Märkte zu finden. Doch einige Länder entwickeln sich gerade vielversprechend – gerade für den deutschen Mittelstand.

Düsseldorf„Auf lange Sicht zu niedrig“ – so überschrieb der Internationale Währungsfonds vor wenigen Tagen seinen Ausblick auf das weltweite Wirtschaftswachstum. Gerade einmal 3,2 Prozent in diesem und 3,5 Prozent im kommenden Jahr erwartet der IWF und warnt vor einer langfristigen Stagnation.

China wächst langsamer und steht vor einer weiteren Anpassung seiner Wirtschaftsstruktur. Die Rohstoffpreise sind niedrig; das dämpft die Investitionen und den Konsum in vielen Schwellenländern. Viele Industriestaaten stecken in der Wachstumskrise, sind aber wie Japan oder Italien zu hochverschuldet für große Konjunkturanreize. Und die Notenbanken haben ihre Waffen in vielen Ländern schon weitestgehend im Einsatz.

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Eine gefährliche Gemengelage, warnt etwa Ray Dalio, Chef des weltgrößten Hedgefonds Bridgewater. Die Angst davor, dass diese Mischung zu einer globalen Abwärtsspirale führen könnte, hat die Finanzmärkte Anfang des Jahres erfasst - trotz erster konjunktureller Besserungen in China ist die Gefahr nicht gebannt. Volkswirtschaften einstiger Hoffnungsträger wie Brasilien oder Russland schrumpfen. Die Weltwirtschaft hängt aber zum größten Teil vom Fortschritt in Schwellen- und Entwicklungsländern ab. Doch im Schnitt ist deren Wachstum das niedrigste seit zwei Jahrzehnten - und es ist innerhalb der einzelnen Staaten höchst ungleich verteilt. So wird für Unternehmen die Wahl der richtigen Auslandsmärkte multipolarer und unübersichtlicher.

Die eine große Wachstumslokomotive fehlt. Doch es gibt sie noch, die Wachstumsstars. Indien glänzt mit einem erwarteten Plus von 7,5 Prozent. Und manche Länder, in denen der Wert niedriger liegt als in den Vorjahren, wachsen dennoch so dynamisch, dass sie für Unternehmen interessant sind. Etwa die fünf wichtigsten südostasiatischen Asean-Staaten Indonesien, Malaysia, die Philippinen, Thailand und Vietnam, deren Wirtschaftsleistung immer noch um rund fünf Prozent zulegt. Unter den kleineren Asean-Ländern entwickelt sich etwa Myanmar angesichts des großen Aufbaubedarfs überdurchschnittlich.

Auch in Mexiko ist die Lage durch den Sog aus den USA und dank der Automobil-Investitionen stabiler als bei den südlichen Nachbarn. Und in Afrika, für das viele Wachstumshoffnungen mit dem Rohstoffverfall, dem Rückgang chinesischer Investitionen und der Dürre zerstoben sind, zeigen sich Volkswirtschaften wie die Äthiopiens als Erfolgsgeschichte. Aus einstigen Sorgenländern können schnell neue Hoffnungsträger werden wie Iran oder auch Argentinien derzeit zeigen.

Infrastrukturinvestitionen und Freihandelsabkommen sind mögliche Wachstumstreiber in dieser unübersichtlicheren und volatilen Lage. Nicht zuletzt bleibt China ein wichtiger Wachstumsmarkt: Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt wird nicht mehr einen so großen Anteil des globalen Wachstums stemmen, aber immer noch ein Fünftel. Und während Sektoren wie die Stahlindustrie unter enormen Überkapazitäten leiden, boomen die Dienstleistungsbranchen.


Myanmar: Neue politische Ära in Südostasien

Es ist eine neue Ära angebrochen in Myanmars Retortenhauptstadt Naypyidaw. Die Militärjunta, die das südostasiatische Land ein halbes Jahrhundert lang beherrschte, hatte hier ihren abgelegenen Amtssitz errichtet - in großer Distanz zu den Oppositionskräften in der Metropole Rangun.

Dort lebte die Freiheitsikone Aung San Suu Kyi - auf Befehl der Generäle stand sie unter Hausarrest. Die Machtverhältnisse haben sich geändert. In Naypidaw hat nicht mehr die Armee das Sagen, sondern deren frühere Gefangene geben den Ton an. Suu Kyi durfte zwar trotz des Wahlsiegs ihrer Partei nicht Präsidentin werden - eine Verfassungsklausel schließt Personen mit ausländischen Verwandten vom höchsten Staatsamt aus. Doch sie setzte mit Htin Kyaw einen Vertrauten ein, der seit April als erster demokratisch legitimierter Präsident seit mehr als 50 Jahren nach Suu Kyis Vorgaben regieren soll.

Die Rückkehr zur Demokratie lohnt sich: Die Europäische Union und die USA reagierten bereits mit einem weitgehenden Ende ihrer Sanktionen auf den schrittweise eingeleiteten Rückzug des Militärs. Seitdem strömen ausländische Firmen in das Land mit seinen 55 Millionen Einwohnern. Im Jahr 2014 flossen ausländische Direktinvestitionen in Höhe von 946 Millionen US-Dollar ins Land - fast doppelt so viel wie ein Jahr zuvor.

Unternehmen sehen in Myanmar, dessen Lohnkosten zu den niedrigsten der Region gehören, einen günstigen Produktionsstandort aber auch einen stark wachsenden Absatzmarkt: Allein in diesem Jahr soll die Wirtschaftsleistung nach Prognosen des Internationalen Währungsfonds um mehr als acht Prozent steigen.

Aus Sicht von Gareth Leather, Volkswirt bei der Beratungsfirma Capital Economics, wären auch zweistellige Wachstumsraten möglich, wenn Suu Kyis Regierung wirtschaftliche Reformen vorantreibt. "Bessere Bedingungen für Unternehmen zu schaffen, ist eine der größten Herausforderungen", sagt er. In der "Doing Business"-Rangliste der Weltbank kommt Myanmar nur auf Platz 167 von 189 Ländern. Wegen schlechter Infrastruktur, einer langsamen Verwaltung und hoher Korruption sind Geschäfte in dem Land immer noch ein Abenteuer.


Indien: Beständiger Reformkurs zieht Investoren an

Der Regierungschef kann es nicht oft genug wiederholen: Keine große Volkswirtschaft wachse so schnell wie Indien, sagt Narendra Modi bei fast jedem größeren Auftritt. Jeweils ein Plus von 7,5 Prozent für das laufende und das kommende Jahr prognostiziert der Internationale Währungsfonds (IWF). "Indiens Stern strahlt hell", sagte IWF-Chefin Christine Lagarde bei einem Besuch auf dem Subkontinent im März.

Solche Worte hört Modi gern: Der Regierungschef versprach bei seinem Amtsantritt im Mai 2014, die Wirtschaft des Landes zu entfesseln. Seitdem hat er mehrere wirtschaftsfreundliche Reformen umgesetzt, etwa die Hürden für ausländische Investoren gesenkt. Das zeigt Wirkung: Laut einer Schätzung der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung haben sich die Direktinvestitionen 2015 im Vergleich zum Vorjahr auf 59 Milliarden US-Dollar fast verdoppelt.

Einen echten Boom hat Modi dennoch nicht ausgelöst. Damit für die schnell wachsende Bevölkerung genügend Jobs entstehen, muss die Wirtschaft eigentlich um acht Prozent wachsen. Einige Experten weisen darauf hin, dass die derzeit hohen Wachstumszahlen auch auf eine Veränderung der Berechnungsmethode zurückzuführen sind. Wichtige Indikatoren wie Frachtvolumen oder Zementproduktion deuten ihrer Ansicht nach allenfalls auf einen zögerlichen Aufschwung hin. "Damit die privaten Investitionen ansteigen und es weitere Wachstumsmöglichkeiten gibt, müssen Reformen noch fortgesetzt werden", schreibt die Asiatische Entwicklungsbank in einer im März veröffentlichten Prognose.

Auf zwei Reformen wartet die Wirtschaft besonders: Damit geplante öffentliche und private Großprojekte endlich angepackt werden können, hoffen Unternehmen auf eine Vereinfachung der Landvergabe. Um einen echten Binnenmarkt zu schaffen, soll außerdem das Mehrwertsteuersystem der Bundesstaaten vereinheitlicht werden.

Bisher scheiterte Modi an der starken Opposition im Oberhaus. Bald könnte er jedoch Rückenwind bekommen: Derzeit wird in fünf indischen Bundesstaaten gewählt, die Ergebnisse werden am 19. Mai veröffentlicht. Sollte Modis Partei BJP erfolgreich sein, könnten sich die Mehrheitsverhältnisse so verändern, dass der Regierungschef seine Versprechen an die Wirtschaft leichter einlösen kann.


Äthiopien: Aufstieg zum Schwellenland

Gewaltige Infrastrukturprojekte bilden die Basis für den Aufschwung: Innerhalb von nur zehn Jahren ist der frühere Krisenstaat Äthiopien fast unbemerkt zum neuen Wachstumsstar in Afrika avanciert. Seit 2005 legt die Wirtschaft im Schnitt zwischen acht und zehn Prozent pro Jahr zu. Mittlerweile hat der mit Macht vorangetriebene Ausbau von Bahnlinien, Straßen und Dämmen auch das Interesse ausländischer Unternehmen geweckt.

Haupterwerbsquelle des Landes allerdings bleibt die Landwirtschaft. Eine verheerende Dürre bedroht nun die Bevölkerung. Angesichts der anhaltenden Trockenheit sind gegenwärtig eine Million Äthiopier von Hunger bedroht. Die Regierung in Addis Abeba spielt die Lage herunter - aus Angst, das neue Image des Landes zu gefährden. Einige Kommentatoren warnen jedoch vor einer Hungerkatastrophe von ähnlichem Ausmaß wie vor 30 Jahren - damals starben eine Million Äthiopier.

Es besteht berechtigte Hoffnung, eine solche Krise zu verhindern. Trotz einer Vielzahl selbst errichteter Hürden wie etwa die extreme Kontrolle der Wirtschaft, ist der allgemeine Aufschwung nach Meinung vieler Beobachter noch ungebrochen. Beträchtliches hat das Land geleistet, um die Lage der Menschen zu verbessern. So galten im Jahr 2000 rund 56 Prozent der Bevölkerung als extrem arm - bis 2010 sank der Wert auf 31 Prozent. Gleichzeitig stieg die Lebenserwartung, die Kindersterblichkeit ging massiv zurück. Die Regierung habe beim Abbau von Armut die "weltweit beeindruckendsten Zahlen", sagt ein britischer Entwicklungshelfer.

Der mit über 90 Millionen Einwohnern nach Nigeria bevölkerungsreichste Staat Afrikas ist zur fünftgrößten Volkswirtschaft in Subsahara-Afrika aufgestiegen. Zwar zählt Äthiopien beim Pro-Kopf-Einkommen dennoch weiter zu den ärmsten Ländern der Welt - doch es wird international heftig umworben.

Zahlreiche Beobachter glauben, dass das Land langfristig mit Südafrika und Nigeria zu den Wirtschaftslokomotiven des Kontinents zählen wird. Bis 2025 will Äthiopien den Status eines Schwellenlandes erreichen. Das wäre allerdings selbst ohne die gegenwärtige Megadürre eine gewaltige Herausforderung. Wolfgang Drechsler IRAN Ende der Sanktionen.


Iran: Ende der Sanktionen für das Eldorado am Gold

Stagnation über Jahre: Die internationalen Sanktionen haben in der iranischen Wirtschaft auch einen hohen Investitionsstau verursacht. Dieser soll nun aufgelöst werden - und dabei setzt das Land vor allem auf deutsche Produkte und Kooperationen mit deutschen Investoren. Aber es gibt starke Konkurrenz: Frankreich, Italien, Österreich, China, Russland und Südkorea haben bereits Kontakte zu Teheran auf höchster politischer Ebene geknüpft.

"Wir hoffen sehr, dass die sehr lange und sehr gute Kooperation mit deutschen Unternehmen so schnell wie möglich wieder beginnt", sagte die neue Präsidentin der National Petrochemical Company von Iran (NPC), Marzieh Shahdaee, kürzlich dem Handelsblatt. Insgesamt steht "Made in Germany" zwischen Kaspischem Meer und Persischem Golf hoch im Kurs. Allerdings haben die Sanktionen im Atomstreit tiefe Spuren in der deutschen Handelsbilanz mit der zweitgrößten Volkswirtschaft am Golf hinterlassen: Binnen fünf Jahren hat sich das Im- und Exportgeschäft mit Iran bis 2015 auf 2,4 Milliarden Euro halbiert.

Politisch werden deutsche Firmen jetzt von der Bundesregierung unterstützt: Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) leitet Anfang Mai die deutsch-iranische Wirtschaftskommission in Teheran, die erstmals nach 15 Jahren wieder zusammenkommt. Mit dabei: Dutzende deutsche Unternehmer.

Aber auch ein großes Problem hat Gabriel im Gepäck: Hermes-Kreditversicherungen für Iran wird es erst wieder geben, wenn er mit Teheran die leidige Altschuldenfrage gelöst bekommt. Iran steht bei der Bundesregierung mit 500 Millionen Euro nicht bezahlter Rechnungen in der Kreide, für die Berlin im Zuge der Hermes-Versicherungen haften musste. Weitere Schwierigkeit: In den USA mussten zahlreiche Banken wegen ihres Iran-Geschäfts hohe Strafen zahlen - große deutsche Institute mit US-Engagement sind trotz Aufhebung der Sanktionen kaum bereit zu Kreditlinien für Iran-Aufträge.

Die Zeichen für einen Aufschwung sind dabei deutlich: Der Tedpix, Teherans Börsen-Leitindex, ist von knapp über 25.000 Punkten im August 2012 auf ein Niveau von zuletzt über 80.000 Zähler gesprungen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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