Globalisierung: Vorsicht, Protektionismus

Globalisierung: Vorsicht, Protektionismus

, aktualisiert 04. November 2016, 12:05 Uhr
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Die Scheu vor exotischen Märkten ist vor dem Hintergrund der immens gestiegenen Risiken, vor allem im politischen Bereich, nur allzu verständlich.

von Florian FlickeQuelle:Handelsblatt Online

Wegen steigender Unsicherheiten reduzieren viele deutsche Firmen und Mittelständler ihr Engagement im Ausland und investieren lieber vor der Haustür. Diese Strategie hat ihren Preis.

DüsseldorfWas für ein Jahr: Obwohl 2016 noch gar nicht zu Ende ist, sprechen manche Medien bereits vom „schlimmsten Jahr der Geschichte“. Der Brexit, das faktisch gekippte Freihandelsabkommen TTIP, der Niedergang der einstigen Weltmacht USA, dazu die politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen in den einstigen Aufsteigernationen Russland, Brasilien oder der Türkei - die Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein.

Angesichts dieser Rahmenbedingungen sind viele Experten verwundert über die robuste wirtschaftliche Verfassung Deutschlands. Sie nehmen zudem erstaunt die Tatsache zur Kenntnis, dass die ohnehin exportstarken deutschen Konzerne und Mittelständler 2016 auf einen neuerlichen Rekordwert zusteuern.

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So erwartet der Außenhandelsverband BGA für das laufende Jahr bei den Ausfuhren ein leichtes Plus von bis zu zwei Prozent auf 1.220 Milliarden Euro. Das dynamische Tempo, mit dem die Exporte in den vergangenen Jahren wuchsen, ist jedoch Geschichte. Verbandschef Anton F. Börner kennt auch den Hauptgrund dafür: „An allen Ecken und Enden der Welt kriselt es.“

Die Unsicherheit, die daraus resultiert, trifft das klassische Exportgeschäft, noch stärker aber die Investitionen deutscher Firmen im Ausland. „Die Globalisierung stockt derzeit gewaltig“, beobachtet Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank. „Die Direktinvestitionen im Ausland gehen rund um den Erdball zurück. Der Welthandel stagniert. Der Protektionismus nimmt zu, und die Anhänger des Freihandels werden weniger.“

Dazu kommt: Viele Schwellenländer, die um die Jahrtausendwende als neue Standorte mit günstigen Arbeitskräften bei extrem niedrigen Transportkosten erschlossen wurden, sind heute keine Billigheimer mehr. Ihr Lohnstückkostenvorteil ist deutlich zurückgegangen, die Wettbewerbsfähigkeit hat gelitten. Gleichzeitig hat sich die Technologie weiterentwickelt. In vielen Industrien ist die Arbeitsintensität deutlich geringer als vor zehn Jahren.


Konzerne bleiben in Europa

Eine nachlassende Euphorie deutscher Unternehmer bei Auslandsengagements haben auch die Experten von KPMG ausgemacht. In ihrem jüngst veröffentlichten „Investment Report 2016“ analysieren die Berater die Auslandsinvestitionen deutscher Unternehmen. Dazu haben sie 200 große, international agierende Firmen befragt. Das Fazit: „Deutsche Unternehmen scheuen zunehmend die Wachstumsmärkte und verpassen dadurch Chancen“, sagt Andreas Glunz, Bereichsvorstand International Business bei KPMG in Deutschland.

In Zahlen bedeutet das: Um fast ein Fünftel sind die deutschen Investitionsprojekte im Ausland von 2011 bis 2015 zurückgegangen. Über die Hälfte dieses Rückgangs entfällt dabei laut der KPMG-Studie auf die vier BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China. „Insbesondere in den Wachstumsmärkten China und Indien gehen die Investitionen deutscher Unternehmen seit einiger Zeit zurück“, registriert Glunz.

In den kommenden fünf Jahren treibt es deutsche Firmenchefs wieder stärker in Richtung eigener Scholle: 59 Prozent der Befragten wollen in den kommenden fünf Jahren verstärkt im europäischen Ausland investieren - die Multis mit mehr als einer Milliarde Euro Jahresumsatz sogar noch häufiger als mittelständische Unternehmen. Auch die USA, die sich gerade reindustrialisieren, werden als Investitionsstandort in den nächsten Jahren laut der KPMG-Umfrage vermehrt an Bedeutung gewinnen. China hält sich bei den beliebtesten Investitionszielen der nächsten fünf Jahre mit 51 Prozent immerhin wacker auf Platz zwei.

„In den Hauptwachstumsmärkten Indien, Afrika und Südamerika bleibt hingegen die Investitionsbereitschaft deutscher Unternehmen überraschenderweise weiterhin niedrig“, stellt Glunz fest. Dabei lohne gerade Indien einen intensiveren Blick, meint Frank Hemker, Leiter Country Practice Indien bei KPMG in Deutschland: „Indiens Wirtschaft befindet sich, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, erst auf dem Stand Chinas von 2007. In vielerlei Hinsicht ist das Potenzial Indiens allerdings sogar noch größer. In wenigen Jahren wird der asiatische Subkontinent das bevölkerungsreichste Land der Erde sein.“ Auch um Afrika machen deutsche Unternehmer bei direkten Engagements nach wie vor einen weiten Bogen, lässt sich aus der KPMG-Studie herauslesen.


Die Scheu vor exotischen Märkten

Auf Dauer könnte das Zögern beim Sprung ins Ausland zum echten Problem für die deutsche Volkswirtschaft werden, warnt Glunz: „Deutsche Unternehmen haben mit rund 27.000 Unternehmen mehr Tochtergesellschaften im Ausland als US-amerikanische Firmen und stehen damit an Position eins in der Welt. Allerdings laufen sie durch ihr vergleichsweise zurückhaltendes Engagement auf den weniger entwickelten Märkten Gefahr, im internationalen Wettbewerb zurückzufallen.“

Erschwerend kommt eine typisch deutsche Besonderheit hinzu: Hiesige Unternehmen bevorzugen laut KPMG organisches Wachstum und setzten auf sogenannte Greenfield-Investments aus eigener Kraft. Anders die Konkurrenz aus den USA, aus China oder Japan. Die startet nicht bei null auf der grünen Wiese, sondern steigt im großen Stil ein und kauft Firmen vor Ort, um sich rasch Marktanteile in diesen Ländern zu sichern.

Die Scheu vor exotischen Märkten ist vor dem Hintergrund der immens gestiegenen Risiken, vor allem im politischen Bereich, nur allzu verständlich. Tatsächlich jedoch scheinen die höheren Risiken aber gar nicht der Hauptgrund dafür zu sein, dass deutsche Firmen zögerlicher bei ihren ausländischen Direktinvestments werden, stellt KPMG fest. Nur eines von vier deutschen Unternehmen hält es für wahrscheinlich, dass innerhalb der kommenden fünf Jahre ein unvorhergesehenes Ereignis wie Naturkatastrophen oder politische Umwälzungen massiven Einfluss auf sein Auslandsgeschäft haben könnte.

Risiken im Blick behalten Gerade mit Blick auf die Türkei - einem Land, dessen politische und rechtliche Situation sich innerhalb kurzer Zeit nahezu komplett gewendet hat - , wird deutlich, wie fahrlässig diese Strategie sein kann. Dem Risikomanagement kommt nach den Worten von KPMG-Bereichsvorstand Glunz daher eine ganz wesentliche Bedeutung zu, wenn man im Ausland keine Bruchlandung erleben will. Er rät, beispielsweise die Lieferketten so zu gestalten, dass der Ausfall eines wichtigen Partners ohne weiteres kompensiert werden kann.

DZ-Bank-Chefvolkswirt Bielmeier warnt aber vor der Illusion, dass es Going Global jemals zum Vollkaskotarif geben könne. „Das Risiko gehört zum Investoren- und Unternehmerleben dazu. Sie können politische Risiken immer nur einpreisen. Entscheidend ist, dass sie an die positive Zukunft eines Landes oder Standorts glauben sollten, bevor sie investieren.“ Und Martin Schubert, Partner bei der Personalberatung Eric Salmon & Partners, fordert: „In Deutschland müssen wir die Internationalität im Führungskreis verstärken und die Integration von ausländischen und deutschen Führungskräften vorantreiben.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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