Great Barrier Reef: Naturwunder auf der Intensivstation

Great Barrier Reef: Naturwunder auf der Intensivstation

, aktualisiert 28. Dezember 2016, 08:49 Uhr
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Wissenschaftler sehen das Great Barrier Reef in akuter Gefahr.

Quelle:Handelsblatt Online

Das Great Barrier Reef ist nicht nur ein Naturwunder, sondern auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Australien. Doch dem weltgrößten Korallenriff geht es schlecht – und die Aussichten sind wenig ermutigend.

CairnsWie ein Nachruf auf eines der spektakulärsten Naturwunder hörte sich der Text auf einem populären Wissenschaftsportal an: „Das Great Barrier Reef in Australien ist nach langer Krankheit im Jahr 2016 gestorben. Es war 25 Millionen Jahre alt.“

Natürlich war es eine Polemik, mit der Autor Rowan Jacobsen im Oktober wachrütteln wollte. Aber auch Wissenschaftler schlagen in jüngster Zeit Alarm: Das größte Korallenriff der Welt ist nach der schlimmsten je registrierten Korallenbleiche sozusagen auf der Intensivstation.

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„Die Korallen haben 400 Millionen Jahre Veränderungen auf dem Planeten überlebt, aber wenn jetzt nicht weltweit deutlich mehr gegen den Klimawandel getan wird, haben wir im Jahr 2100 höchstens noch hier und da ein paar Korallen, aber keine Riffe mehr“, sagt David Wachenfeld, bei der Marineparkbehörde (GBRMPA) für die Wiederherstellung des Riffs verantwortlich.

Korallenriffe sind zum einen Touristenattraktionen und damit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. So bringen die Besucher des Great Barrier Reef rund fünf Milliarden australische Dollar (3,5 Mrd Euro) pro Jahr ins Land, rund 70.000 Menschen sind direkt von diesen Einnahmen abhängig.

Eine entscheidende Rolle haben Korallenriffe zum anderen aber auch für den Lebensraum Meer: Sie sind die Kinderstube zahlreicher Fischarten. Wenn sich die kleinen Fische nicht mehr vor Raubfischen in den Korallen verstecken können, werden sie gefressen, bevor sie ausgewachsen sind und sich fortpflanzen. Die Folge: ein dramatischer Rückgang der weltweiten Fischbestände.

2016 war ein Horrorjahr für das Great Barrier Reef. Extrem hohe Wassertemperaturen, teils um 33 Grad, haben besonders im nördlichen, bislang noch weitgehend intakten Teil des 2300 Kilometer langen Riff-Systems verheerende Folgen gehabt.

Korallen sind Nesseltiere, die mit Algen in einer Gemeinschaft zum gegenseitigen Nutzen leben. Bei hohen Temperaturen werden die Algen giftig, die Korallen stoßen sie ab und verlieren ihre Farbe. Aus der Luft waren im Frühjahr kilometerweit weiße Korallenstöcke zu sehen. Ihm seien bei einem Überflug die Tränen gekommen, berichtete Terry Hughes, der das Institut für Korallenforschung an der James Cook-Universität leitet, freimütig.

In einer 700 Quadratkilometer großen Region seien mehr als zwei Drittel der Korallen abgestorben. Es gab schon früher Korallenbleichen, etwa 1998 und 2002, aber keine erreichte derartige Ausmaße. Auch in der weiter zurückliegenden Vergangenheit nicht, wie Hughes betont: Ähnlich wie bei Bäumen an den Jahresringen kann man in Korallenstöcken sehen, ob sie in längst vergangenen Jahren Stresssituationen erlebt haben. Nichts dergleichen sei je passiert.


Australien ist einer der größten Klimasünder

Auslöser der katastrophalen Entwicklung in diesem Jahr war das Klimaphänomen El Niño, das alle paar Jahre die Oberflächentemperaturen im Pazifik aufheizt. Das habe es seit der letzten Eiszeit 2000 Mal gegeben, sagt Hughes. Aber früher waren die Korallen widerstandsfähiger, weil sie durch andere Einflüsse wie Wasserverschmutzung nicht angegriffen waren. Und die Grundtemperatur des Wassers war niedriger. „El Niño löst erst Korallenbleichen aus, seit der Klimawandel die Wassertemperatur in die Gefahrenzone getrieben hat“, sagt Hughes.

Stichwort Klimawandel: „Wir sehen hier aus erster Hand, welche Bedrohung der von Menschen verursachte Klimawandel für die Korallenriffe ist“, sagt Wachenfeld von der Marineparkbehörde. Australien ist pro Kopf der Bevölkerung gemessen einer der weltweit größten Klimasünder. Das liegt auch an der riesigen Kohleindustrie, die viel exportiert. Bereits bei der Kohleförderung werden Unmengen an Treibhausgasen freigesetzt. Australien exportiert viel Kohle, sie hat aber auch einen hohen Anteil an der heimischen Energieversorgung.

„Bei den globalen Anstrengungen zur Reduzierung der CO2-Emissionen spielt Australien eine entscheidende Rolle“, sagt Amanda McKenzie, Vorsitzende des unabhängigen Klimarats von Australien. Sie stellt die konservative Regierung an den Pranger. Die hatte als erste der Welt einen Emissionshandel als Anreiz für die Reduzierung der Emissionen wieder abgeschafft, um der Industrie keine unnötigen Ketten anzulegen. „Leider hat die Regierung nur unzureichende Klimaziele verabschiedet und die Emissionen steigen weiter“, moniert McKenzie.

Auch die UN-Kulturorganisation Unesco nimmt Australien an die Kandare und fordert einen Aktionsplan: Sie droht mit dem Entzug des Weltnaturerbe-Status, wenn nicht mehr getan wird, um das Riff zu schützen. Unter anderem sollen bis 2050 zwei Milliarden australische Dollar (1,4 Milliarden Euro) investiert werden, etwa, um die Wasserqualität zu verbessern.

Für den Tourismus sind die Folgen der jüngsten Bleiche noch überschaubar. Die Region südlich von Cairns, von der die meisten Touristenboote aus starten, war deutlich weniger betroffen, wie die Korallenforscher festgestellt haben. Südlich von Mackay starb nur ein Prozent der Korallen ab – die anderen erholten sich trotzt Bleiche schnell. „Die Korallen dort haben ihre bunten Farben wieder und die Riffe sind in gutem Zustand“, sagte Korallenforscher Andrew Baird nach einer Tauchmission im Oktober und November.

Im Norden ist die Lage schlimmer: Wegen des massiven Korallensterbens könnte es da 10 bis 15 Jahre dauern, bis die Korallendecke wieder wächst, schätzen die Experten. Und das nur, wenn es keine weiteren Störungen gibt. McKenzie vom Klimarat sieht die Sache düster: „Der Klimawandel hat extreme Ozeantemperaturen ausgelöst.“ Das mache eine neue Bleiche 175-mal wahrscheinlicher als früher. „Bei der derzeitigen Entwicklung könnte es in 15 Jahren alle zwei Jahre eine Korallenbleiche geben.“

„Kann ich garantieren, dass wir das Riff retten können? Nein“, sagt Wachenfeld. „Aber es besteht auf jeden Fall Hoffnung.“ Auch für Hughes ist es fünf vor zwölf: „Es ist noch Zeit, die Korallenriffe zu schützen, aber die Zeit läuft ziemlich schnell ab“, sagt er. „In 20 Jahren könne es zu spät sein.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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