Griechenland: Schatzsuche in der Ägäis

Griechenland: Schatzsuche in der Ägäis

, aktualisiert 12. November 2015, 19:28 Uhr
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Eine griechische weiße Kirche auf der berühmten Insel Santorini.

von Matthias von ArnimQuelle:Handelsblatt Online

Griechenlands Staatsschulden-Krise ist noch lange nicht gelöst. So kosten griechische Aktien nur noch Bruchteile ihrer einstigen Werte. Für Schnäppchenjäger bietet das derzeitige Kursniveau attraktive Gelegenheiten.

Wenn derzeit von Griechenland die Rede ist, dann fast nur noch im Zusammenhang mit Flüchtlingen, die an den Küsten griechischer Inseln landen. Schuldenkrise? Grexit? War da was? Seit Alexis Tsipras die Neuwahlen Ende September gewonnen hat, scheint ein „Grexit“, das Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone, erst einmal vom Tisch zu sein. Dabei sind die grundsätzlichen Probleme noch lange nicht gelöst.

In einem Stellungspapier, das der IWF bereits Mitte Juli veröffentlichte, stellte Christine Lagarde lapidar fest, dass Griechenlands Schulden mit einer Schuldenquote von fast 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für den Staat nicht mehr tragfähig seien, ganz egal wie viele Rettungspakete es gebe. An dieser Situation hat sich bis heute nichts geändert. Damit der IWF trotzdem bei weiteren Hilfspaketen für Griechenland im Boot bleiben kann, wollen EZB und Europäische Union nun die Schuldentragfähigkeit mit einer neuen Formel berechnen.

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Neutrale Beobachter wundern sich über die neue Volte. „Eine Schuldentragfähigkeit ist nicht verhandelbar“, sagt etwa Klaus Bauknecht, Chefvolkswirt bei der IKB. Zinszahlungen an das BIP-Wachstum zu koppeln und somit diese auf Sicht zu senken helfe zwar in der Berechnung der Schuldentragfähigkeit, komme aber einem Schuldenschnitt gleich. Das Gleiche gelte für ein Hinausziehen von Tilgungen. „So gibt es keine neue Formel für die Schuldentragfähigkeit, denn volkswirtschaftlichen Gesetze können nicht ausgehebelt werden. Wer dies glaubt, lügt sich etwas vor“, so Bauknecht.

Doch der notorische Optimismus der Gläubiger fußt schon lange nicht mehr auf seriösen volkswirtschaftlichen Berechnungen, sondern auf dem Prinzip Hoffnung. Zum Beispiel auf der Hoffnung, dass die aktuelle Regierung die Reformzusagen gegenüber den Institutionen einhält. Eine Grundvoraussetzung dafür ist seit der Wahl im September immerhin gegeben, nämlich eine handlungsfähige Regierung.

„Die Linksaußen der Partei haben in der neuen Regierung von Ministerpräsident Tsipras nichts mehr zu sagen. Damit ist Griechenland politisch so stabil wie lange nicht mehr. Das ist das wichtigste Ergebnis der vergangenen Wahl“, sagt Vermögensverwalter Christos Arbaras von ANODOS Asset Management, der zusammen mit dem Athener Fondsmanager Alpha Trust den Hellas Opportunities Fonds (WKN A1WZH5) an den Start gebracht hat – nach eigener Aussage der einzige in Deutschland ausschließlich auf griechische Aktien spezialisierte Fonds.

Arbaras beobachtet in seiner Heimat eine neue Aufbruch-Stimmung. „Griechenland hat harte Jahre der Konsolidierung hinter sich. Vor allem die einfachen Arbeiter, Rentner und die sozial Schwachen haben darunter zu leiden. Doch die positiven Zeichen sind erkennbar“, so Arbaras. Nun folge noch das letzte, abschließende Kapitel, nämlich die verbliebenen Banken auf sichere Füße zu stellen. Dann sei der Weg frei für mehr Wachstum.

Das Land könne immerhin mit preiswerten, gut ausgebildeten Fachkräften punkten, der Euro-Austritt sei vom Tisch, und die Wirtschaft habe das Schlimmste überstanden. „Viele junge Griechen, die im Ausland leben, wollen nun wieder nach Griechenland zurückkehren und das Land neu aufbauen. Das ist ein sehr positives Zeichen, das Mut macht“, so Arbaras. In der Wahrnehmung internationaler Anleger gingen solche Signale leider unter.


Börsianer strafen auch gesunde Unternehmen ab

Unterschätzt werde auch die Entwicklung vieler Unternehmen im Land, erklärt der Griechenland-Experte. „Viele Anleger haben auf dem Höhepunkt der Krise griechische Aktien verkauft, völlig unabhängig von deren Qualität. Doch dabei sind auch Unternehmen abgestraft worden, die solide wirtschaften und gesund sind“, so Arbaras. Für Investoren mit langem Atem würden sich deshalb derzeit besondere Kaufgelegenheiten ergeben.

In der Tat erscheint der griechische Aktienmarkt derzeit ausgebombt. „An der Börse kosten viele weniger als sie allein an Vermögen, Immobilien, Waren und Maschinen in ihren Büchern stehen haben“, so Arbaras. Ein Beispiel dafür ist das Maschinenbauunternehmen Metka, das seit einiger Zeit auch Kraftwerke baut. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) liegt derzeit bei 0,8. Die Marktkapitalisierung an der Börse ist also 20 Prozent niedriger als der Buchwert des Unternehmens.

„Der Konzern ist gesund und erwirtschaftet 80 Prozent seiner Erträge außerhalb Griechenlands. Die niedrige Bewertung ist eigentlich nur darauf zurückzuführen, dass es ein griechisches Unternehmen ist“, rechnet Christos Arbaras vor. Noch deutlicher ist der Kursabschlag auf den Mischkonzern Ellaktor, sich in den vergangenen Jahren vor allem den Geschäftszweig Abfallwirtschaft ausgebaut hat. An der Börse kostet das Unternehmen gerade einmal 35 Prozent seines Buchwertes.

Gemessen daran ist der griechische Börsenstar Follie Follie, ein Schmuckunternehmen, das weltweit expandiert, mit einem KBV von 0,97 verhältnismäßig teuer. Blickt man auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis von gerade einmal acht, dann relativiert sich dieser Eindruck allerdings schnell. Follie Follie zählt zweifellos zu den Schnäppchen auf dem griechischen Börsenparkett. Mit einem KGV von zwölf ist die Lotteriegesellschaft OPAP kein Schnäppchen, aber ein seit Jahren grundgesundes und profitables Unternehmen.

Der Konzern hat keine Schulden, ist in Griechenland per Monopol-Lizenz konkurrenzlos und schüttet jedes Jahr eine Dividende aus. Mit einer erwarteten Dividendenrendite von 7,4 Prozent für das Jahr 2015 ist OPAP ein solides Investment. Für das Jahr 2016 erwarten Analysten beim aktuellen Aktienkurs sogar ein KGV von neun.

Eine Kaufgelegenheit könnte auch der griechische Energiekonzern Public Power Corporation sein. Das Unternehmen wird an der Börse nur mit 0,7-fachen seines Vermögens bewertet und gilt als Übernahmekandidat. Doch der Optimismus, was die Entwicklung von Aktien an der Athener Börse betrifft, kennt auch bei Christos Arbaras Grenzen: Seinen Kunden rät er von einer Investition in griechische Bankaktien seit vielen Jahren und immer noch ab. Niemand wisse sicher, welche Risiken noch in den Portfolios der Banken schlummern.


Anleger sollten nichts überstürzen

„Griechische Aktien können langfristig für Investoren interessant sein. Als privater Anleger würde ich jedoch nicht unbedingt in Einzelwerte investieren“, warnt Manfred Rath von KSW Vermögen. Viele Titel sind wenig liquide und intransparent, die Spreads hoch, und die Gefahr, dass die Politik für zusätzliche Unsicherheit sorgt, sei immer vorhanden. „Der Aktienmarkt erscheint im Moment zwar billig. Aber das hat natürlich auch Gründe“, so Rath. Vor allem die geringe Liquidität sei ein riskanter Faktor.

„In stürmischen Phasen wird es schwer, griechische Aktien schnell wieder zu verkaufen“, so Rath. Wer in seinem Portfolio eine spekulative Position aufbauen wolle, sollte sich besser einen ETF oder ein Indexzertifikat ins Depot legen, so der Portfoliomanager. Zwar sind im Athener Leitindex FTSE Athex 20 auch die vier angeschlagenen Banken National Bank of Greece, Alpha, Piraeus und Eurobank vertreten. Doch deren Kurse und damit ihre Gewichtungen im Index sind in den vergangenen Monaten drastisch gesunken.

Beispiele für Index-Produkte sind der Lyxor FTSE Athex 20, der lange Zeit der einzige ETF war, mit dem man in die größten Aktien Griechenlands investieren konnte. Index-Zertifikate auf den FTSE Athex 20 gibt es schon länger, zum Beispiel von der UBS (WKN UB76SG), von der Deutschen Bank (WKN DB0CFF) und Hypo-Vereinsbank onemarkets (WKN HV16HR).

Fazit: Mit der zwischenzeitlichen Schließung der Athener Börse im Sommer dieses Jahres hat die Stimmung am griechischen Aktienmarkt ihren Tiefpunkt erreicht. Seit Ende August steigen die Kurse wieder. Der griechische Aktienmarkt erholt sich zusehends. Noch ist das Kursniveau sehr niedrig. Auch die Aktienkurse grundsolider griechischer Unternehmen sind in den Sommermonaten unter die Räder gekommen.

Wer die Situation nutzen möchte, um vorsichtig erste Positionen in griechischen Aktien aufzubauen, kann auf einzelne Aktien setzen, die attraktive Kurschancen bieten. Ein Risiko ist aber die geringe Liquidität an der Athener Börse. Problemloser ist ein Investment in Griechen-ETFs oder Index-Zertifikate. Was Anleger grundsätzlich bedenken sollten: Die politischen Entwicklungen in Brüssel und Athen sorgen immer wieder für Überraschungen und können zuweilen großen Einfluss auf die Börsenkurse haben.

Quelle:  Handelsblatt Online
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