Großanleger: Richtig taktieren

Großanleger: Richtig taktieren

, aktualisiert 15. November 2017, 12:19 Uhr
von Anke RezmerQuelle:Handelsblatt Online

Europäische Großinvestoren wollen Verluste vermeiden und trotzdem Rendite erzielen. Um ihre Renditeziele zu erreichen, gehen sie in der Anlagestrategie teils neue Wege. Mit Derivaten versuchen sie, beides zu erreichen.

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Zur Absicherung eingesetzt, schonen sie die vorgeschriebenen Kapitalpuffer.

FrankfurtBloß keine Verluste - das scheint das oberste Gebot für Großanleger in Deutschland und Europa zu sein, wenn sie ihr Portfolio steuern. Mit Blick auf die rekordhohen Aktienkurse und Niedrigzinsen bei Anleihen fürchten Versicherungen, Pensionseinrichtungen, Firmen, Banken oder Stiftungen offenbar Kursverluste bei den traditionellen Anlagen. So nutzen sie bereits Derivate zur Absicherung ihrer Portfolios.

Einer Studie der Universität Hamburg zufolge können solche Strategien etwa mit Optionen, Futures, Swaps aber nicht nur das Verlustrisiko verringern, sondern auch die Rendite erhöhen. Um ihre Renditeziele von im Mittel drei bis vier Prozent pro Jahr zu erreichen, gehen Großanleger in der Anlagestrategie teils neue Wege.

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„Mit Abstand am wichtigsten“ sei es deutschen und auch europäischen Großinvestoren, keine Verluste im Portfolio zu erleiden, resümierte Alexander Szimayer, Professor für Finanzwirtschaft der Universität Hamburg, mit Blick auf eine Umfrage unter 101 deutschen und 104 europäischen Großinvestoren für die von ihm erstellte „Risikomanagement-Studie 2017“. Danach gaben 89 Prozent der Deutschen und 83 Prozent der Europäer dies als oberstes Anlageziel an. Die Europäer hätten sich in puncto Verlustvermeidung zuletzt dem deutschen Niveau angenähert, erklärte Szimayer auf einer Konferenz des genossenschaftlichen Fondsanbieters Union Investment zum Thema Risikomanagement in Mainz. Interessant ist, dass aber das Thema Rendite für knapp die Hälfte der europäischen Investoren gleichwohl vor der Sicherheit ihrer Anlagen steht. Für knapp drei Viertel der Deutschen ist dagegen Sicherheit am wichtigsten und zuletzt auch noch bedeutender geworden.

Hilfreich beim Spagat zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit und dem Streben nach laufenden Erträgen sind nach Auffassung von Wissenschaftler Szimayer Strategien mit Derivaten. In seiner Studie ermittelte er „Mehrwert“ durch Derivate auf drei Ebenen: einem „Türöffnereffekt“, einem Renditeplus und einer Risikoverringerung. Anlegern werde mittels Derivaten ermöglicht, das gesamte Anlagespektrum zu spielen, sagte er: Sie könnten etwa auf spezielle Segmente wie Aktien mit geringen Kursschwankungen oder kleine oder unterbewertete Titel setzen und dabei das Gesamtmarktrisiko ausschließen.

Der Einsatz von Derivaten, etwa über das Schreiben von Optionen, kann laut Szimayer ein Renditeplus von bis zu zwei Prozent im Jahr bringen. Eingesetzt im Risikomanagement, hätten Investoren etwa in den Jahren zwischen 1998 und 2013 mithilfe von Derivaten ihre Rendite leicht erhöhen und das Marktrisiko um 13 Prozent verringern können. Grundsätzlich funktioniere eine solche Risikominimierung in allen Marktphasen, auch in Krisenzeiten, betonte der Ökonom. Auch angesichts einer immer stärkeren Regulierung der Anlagestrategien vieler Großinvestoren machen Derivate Sinn, wie er betont: Zur Absicherung eingesetzt, schonen sie die vorgeschriebenen Kapitalpuffer.


Mehr alternative Anlagen

Großinvestoren nutzen Derivate denn auch vor allem zur Absicherung. 60 Prozent der befragten deutschen Investoren geben an, Futures, Optionen oder Swaps einzusetzen, in Europa ist es gut die Hälfte. 80 Prozent der Deutschen geben an, darüber Zinsrisiken absichern zu wollen, unter den Europäern sind es vor allem Währungsrisiken. Rund die Hälfte will zudem mithilfe von Optionen die Rendite steigern und über Futures Kosten senken.

Die meisten Investoren zeigen sich zufrieden mit ihren Strategien. Vor allem Währungs-, Aktien- und Zinsrisiken haben sie demnach erfolgreich absichern können. Die Steuerung von Inflationsrisiken gelang dagegen weniger, was an der nach wie vor geringen Teuerungsrate liegen kann. Mit Derivaten auf Aktien und Zinsen ließ sich demnach die Rendite erhöhen. Deutsche Großanleger setzen vor allem Swaps, Optionen sowie Futures und Forwards ein. Kombinierte Strategien nutzen sie dagegen weniger. Vor allem die Abhängigkeit verschiedener Anlageklassen voneinander könnten Investoren als zusätzliche Renditequelle nutzen, wie die Studie ergibt. In solchen sogenannten Cross-Asset-Korrelationen erkennt Alexander Schindler, Vorstand bei Union Investment für Institutionelle Anleger, mittelfristig Renditechancen.

Um ihre Renditeziele trotz Niedrigzinsen zu erreichen, stecken Großinvestoren ihr Geld immer stärker in Aktien und alternative Anlagen. Die Pensionseinrichtungen der BASF beispielsweise, eine Pensionskasse und ein Treuhandfonds CTA, legen ihre 27 Milliarden Euro Vermögen zu 53 Prozent in Anleihen an, 28 Prozent in Aktien, vier Prozent in Immobilien und 15 Prozent in weiteren Anlagen wie Private Equity und Infrastruktur. Der Aktienanteil werde großenteils aktiv gemanagt, erklärte Gerhard Ebinger, verantwortlich für Asset-Management bei BASF. Hinzu kommen Smart-Beta-Strategien etwa auf Aktien mit niedriger Volatilität oder wenig konjunktursensiblen Titeln sowie Indexfonds. Bei Bonds zahlten sich längerfristig Schwellenländertitel aus, sagte Ebinger. In den vergangenen zehn Jahren erzielte er rund vier Prozent Rendite pro Jahr.

Bei der W&W Asset Management, die die Pensionsgelder der Wüstenrot&Württembergischen Gruppe managt, setzt man ebenfalls auf alle gängigen Anlageklassen. Besonderes Augenmerk legt Alexander Mayer, Sprecher der Geschäftsführung, auf den Ausbau der alternativen Anlagen: Für Private Equity, erneuerbare Energien, Infrastruktur und Private Debt hat er ein Team mit sechs Anlageexperten geschaffen. Rund sieben Prozent des Vermögens von knapp 40 Milliarden sind in diesen Strategien investiert. „Sauber zu diversifizieren“ sei in den illiquiden Anlageklassen besonders wichtig, betonte Mayer. Mit Private Equity strebt er eine Rendite von gut zehn Prozent im Jahr an, in den anderen Anlageklassen jährlich rund vier Prozent.

Für die VBV Vorsorgekasse Wien hat Nachhaltigkeit Priorität. Das Vermögen von 3,3 Milliarden Euro steckt zu 42 Prozent in Anleihen, zu 30 Prozent in Schuldscheinen, zu einem Zehntel in Aktien, zu acht Prozent in Immobilien und zu drei Prozent in Rohstoffen und Liquidität. Mit einer Ausschlussliste und Positiv-Kriterien werden die Anlagen ausgewählt. Dies schaffe qualitatives Risikomanagement, sagte Anlagechef Günther Herndlhofer. In den vergangenen Jahren erzielte das Portfolio eine Jahresrendite von drei Prozent.

Quelle:  Handelsblatt Online
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