Großbanken unter Druck: Übernahmekandidat? Wir doch nicht!

Großbanken unter Druck: Übernahmekandidat? Wir doch nicht!

Quelle:Handelsblatt Online

Die Aktien vieler großer Geldhäuser in Europa markieren nach dem Brexit-Referendum immer neue Tiefstkurse – doch von einer Marktbereinigung durch einen Prozess der Konsolidierung wollen die Vorstandschefs nichts wissen.

Der Vorstandschef der Deutschen Bank, John Cryan, beschönigt nichts. „Der Aktienkurs ist enttäuschend. Das steht außer Frage“, sagte er dem Wochenmagazin „Der Spiegel“. Doch gleichzeitig sieht er das größte deutsche Institut  „nicht als Übernahmeziel“. Ähnlich äußerte sich Cryan schon auf einer Veranstaltung des CDU-Wirtschaftsrates vor zwei Wochen. „Eine Konsolidierung und Fusionen größerer Banken wird es nicht geben, weder national, noch über die Grenzen hinweg“, so Cryan. Die Finanzaufseher wollen in diesen Zeiten keine großen Übernahmen sehen, begründete er seine Haltung jetzt im Magazin „Der Spiegel“.

Noch immer sind manche Banken  „too big to fail“, gelten also als zu wichtig, als dass sie in eine Schieflage geraten dürfen. Fusionen würden dieses Problem wieder verschärfen.

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Der dramatisch schlechte Aktienkurs-Verlauf der Deutschen Bank hat allerdings Übernahmespekulationen ausgelöst. Angesichts der ungewissen Folgen des Brexit-Votums für die Kreditwirtschaft stürzte der Kurs auf unter 13 Euro ab. Einst hatte der Höchstkurs bei knapp 102 Euro gelegen – aber das ist viele Jahre her. Selbst in Zeiten der Finanzmarktkrise im Jahr 2009 notierte der Kurs über der Marke von 15 Euro.

Aber noch weiß niemand,  ob die milliardenschweren Rückstellungen für juristische Altlasten ausreichen. Zudem drücken die Dauerniedrigzinsen der Europäischen Zentralbank und der harte Wettbewerb unter den Banken in Deutschland auf die Margen.

Wo die Deutsche Bank überall Ärger hat

  • Geldwäsche in Russland

    Im Juni wurde bekannt, dass Ermittler rund um den Globus dem Verdacht nachgehen, russische Kunden könnten über die Deutsche Bank Rubel-Schwarzgeld im Wert von mindestens sechs Milliarden Dollar gewaschen haben. Die Bank hat versprochen, zur Aufarbeitung der Affäre mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Mehrere Mitarbeiter in der Moskauer Niederlassung wurden deshalb vor die Tür gesetzt, darunter auch der ehemalige Chef-Händler in Russland, Tim Wiswell.

    Inzwischen hat die Affäre eine neue Dimension erreicht: Das US-Justizministerium und die Finanzbehörde von New York (DFS) prüfen laut einem Medienbericht, ob die Bank gegen Sanktionen verstoßen hat. Dabei gehe es auch um die Frage, ob Geschäfte mit Vertrauten von Russlands Präsident Wladimir Putin gemacht wurden und ob die Bank intern geeignete Vorkehrungen getroffen hat, um solche Verstöße zu verhindern.

  • US-Sanktionen gegen den Iran

    Schon länger steht die Deutsche Bank im Verdacht, gegen Sanktionen verstoßen zu haben, die die USA gegen Länder wie den Iran verhängt haben. Die Gespräche über einen Vergleich laufen, wie Insider berichten. Intern gab es zuletzt die Hoffnung, dass dieses Thema zeitnah abgeschlossen werden kann. Die Bank hat betont, sie habe sich bereits 2007 aus Iran-Geschäften zurückgezogen. Einige andere Finanzinstitute mussten für Vergleiche in der Sache bereits tief in die Tasche greifen: Die französische BNP Paribas zahlte knapp neun Milliarden Dollar, die Commerzbank 1,45 Milliarden Dollar.

  • US-Hypotheken

    Ende 2013 zahlte die Deutsche Bank 1,4 Milliarden Euro für die Beilegung ihres größten Rechtsstreits im Zusammenhang mit fragwürdigen Hypothekengeschäften in den USA. Das Institut soll vor der Finanzkrise beim Verkauf von Wertpapieren, die mit Hypotheken unterlegt sind, falsche Angaben gemacht haben. Andere Verfahren, die die amerikanischen Federal Housing Finance Agency (FHFA) gegen die Deutsche Bank und weitere Häuser angestrengt hatte, sind aus dem Vergleich jedoch ausgeklammert. Auch andere Klagen liegen noch auf dem Tisch und könnten potenziell viel Geld kosten.

  • Kirch

    Die Bank ist nach Ansicht des Oberlandesgerichts München mitverantwortlich für die Pleite des Medienkonzerns im Jahr 2002. Grund ist ein Interview des damaligen Bankchefs Rolf Breuer, in dem dieser Zweifel an Kirchs Kreditwürdigkeit gesät hatte. Anfang 2014 einigten sich die Streitparteien in einem Vergleich zwar auf Schadenersatz von 925 Millionen Euro. Doch die strafrechtlichen Ermittlungen gegen einzelne Spitzenmanager der Bank wegen versuchten Prozessbetrugs liefen weiter. Die Staatsanwaltschaft München erhob schließlich Anklage gegen Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen sowie die früheren Spitzenmanager Josef Ackermann, Rolf Breuer und Clemens Börsig. Prozessauftakt war im April, das Verfahren zieht sich. Die Ermittlungen wurden zudem auf den heutigen Rechtsvorstand Stephan Leithner und die Anwälte der Bank ausgeweitet.

  • CO2

    Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Bank wegen des Verdachts der Umsatzsteuerhinterziehung im Zusammenhang mit dem Betrug mit CO2-Verschmutzungsrechten. Rund 500 bewaffnete Polizisten und Steuerfahnder hatten deshalb Ende 2012 den Hauptsitz der Bank in Frankfurt und andere Büros durchsucht. Co-Chef Fitschen und der langjährige Finanzvorstand Stefan Krause gehörten zu ursprünglich 25 Mitarbeitern der Bank, gegen die in der Affäre wegen schwerer Steuerhinterziehung ermittelt wurde. Denn Fitschen und Krause hatten die auf dem CO2-Betrug basierende Steuererklärung unterzeichnet. Im August diesen Jahres erhob die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt schließlich gegen acht beteiligte Kundenbetreuer und Händler der Deutschen Bank Anklage wegen "bandenmäßiger Steuerhinterziehung".

  • Zinsskandal

    Wegen der Manipulation wichtiger Referenzzinssätze wie Euribor und Libor musste die Deutsche Bank viel Geld abdrücken. Die EU-Kommission verhängte Ende 2013 eine Strafe von 1,7 Milliarden Euro gegen sechs Großbanken, davon entfiel mit 725 Millionen Euro der Löwenanteil auf das Frankfurter Geldhaus. Die Behörden in Großbritannien und den USA brummten der Bank eine Rekordstrafe von 2,5 Milliarden Dollar auf. Die deutsche Finanzaufsicht BaFin hat in ihrem Bericht zur Zinsaffäre eine Reihe von Top-Managern scharf angegriffen und ihnen zu laxe interne Kontrollen beziehungsweise eine mangelnde Aufklärung der Tricksereien vorgeworfen. Darunter war auch Co-Vorstandschef Anshu Jain, der im Frühsommer sein Amt zur Verfügung stellte. Einen Zusammenhang zwischen dem Rücktritt und dem BaFin-Bericht wies die Bank allerdings zurück.
    Mit vier mutmaßlich in den Zinsskandal verwickelten Händlern hat sich die Deutsche Bank in Frankfurt nach langem Hin und Her auf einen Vergleich geeinigt, der ebenfalls Geld kostete.
    Ob das Zinskapitel wirklich abgeschlossen ist, ist offen. In den USA könnten auch Sammelklagen von Anlegern gegen die Bank zugelassen werden. Sie müssen aber eindeutig nachweisen, dass ihnen durch die Manipulationen Nachteile entstanden sind.

  • Devisen und Derivate

    Aufseher, darunter auch die BaFin, gehen dem Verdacht nach, dass Banken am billionenschweren Devisenmarkt ebenfalls getrickst haben. Einige internationale Großbanken haben in der Sache bereits milliardenschwere Vergleiche geschlossen. Die Deutsche Bank als einer der größten Devisenhändler der Welt nicht. Sie hat Finanzkreisen zufolge aber mehrere Händler vom Dienst suspendiert. Sie stehen offenbar im Verdacht, an Referenzkursen gedreht zu haben. Die Deutsche Bank hat erklärt, dass sie zur Aufklärung des Skandals mit verschiedenen Aufsichtsbehörden zusammenarbeitet und zudem eine interne Untersuchung gestartet hat. Diese Untersuchung ergab nach Angaben aus Finanzkreisen, dass es bislang keinerlei Hinweise auf Tricksereien bei den großen Währungen Euro, Dollar, Pfund und Yen gibt, wohl aber vereinzelt beim russischen Rubel und dem argentinischen Peso.
    Vom Haken sind die Frankfurter aber nicht: In der US-Niederlassung der Bank installierte die New Yorker Finanzaufsicht DFS einen Kontrolleur, der sich Finanzkreisen zufolge nun schon seit einigen Monaten das elektronische Devisenhandelssystem genauer anschaut. Demnach sind Algorithmen der Plattform "Autobahn" Teil der Ermittlungen.
    Amerikanische und deutsche Aufseher gehen zudem dem Verdacht nach, dass Geldhäuser den viel beachteten Marktindex für Swap-Geschäfte (Isdafix) zu ihren Gunsten beeinflusst haben. Sie haben auch dazu Informationen von der Deutschen Bank angefordert.

  • US-Steuerstreit

    Das US-Justizministerium ermittelt seit mehr als fünf Jahren gegen Finanzinstitute in der Schweiz wegen mutmaßlicher Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Am Haken haben die Behörden seit 2013 auch die Deutsche Bank. Deren Schweizer Tochter erstatte Selbstanzeige. Finanzkreisen zufolge hat sich die Deutsche Bank bei den US-Behörden gemeldet, weil sie den Verdacht hegte, einige US-Kunden könnten ihr Vermögen in der Schweiz vor dem heimischen Fiskus versteckt haben. Seither würden Daten an die USA geliefert und Anfragen beantwortet. Eine Strafzahlung könne die Bank damit aber wohl nicht abwenden, sondern nur auf einen Rabatt hoffen. Eine Entscheidung steht noch aus. Das Bußgeld kann sich auf bis zu 50 Prozent der versteckten Gelder belaufen.

Auch der Vorstandschef der Schweizer Großbank Credit Suisse, Tidjane Thiam, gerät unter Rechtfertigungsdruck. Seit der 53-jährige Ivorer vor einem Jahr den Chefposten übernahm, verlor die Aktie der Bank rund 60 Prozent an Wert. Thiam, der einmal als „Barack Obama der Finanzbranche“ bezeichnet worden war, hatte eigentlich den Auftrag, die Bank wieder in eine Spitzenposition zu bringen.

Ein Kritikpunkt an Thiam lautete, dass es ihm an Feingefühl fehle. Einerseits lasse er massive Sparprogramme umsetzen, andererseits empfange er seine Geschäftspartner in Hotelsuiten in New York und anderen Metropolen der Welt. Die plötzliche Ankündigung, das Schweizer Bankgeschäft von Credit Suisse abzukoppeln und gar an die Börse zu bringen, gefiel einigen Mitarbeitern ebenso wenig wie der Plan, das traditionell wichtige Investmentbanking herunterzuschrauben und den Fokus künftig auf Asien zu setzen.


Langfristig denkender Stratege?

Und dann muss sich Thiam vorwerfen lassen, den Aktienkurs vernachlässigt zu haben. Andere Beobachter und Insider betrachten Thiam hingegen als jemanden, der langfristig denke. Ein Stratege, der kurzfristigen Nebenentwicklungen wenig Beachtung schenke und stattdessen den großen Plan verfolge.

Deutsche Bank Cryan: Wir sind Branchenprimus, kein Übernahmekandidat

Seit einem Jahr steht der Brite John Cryan an der Spitze der Deutschen Bank. Die Probleme, die er zu lösen hat, sind noch immer auf dem Tisch. Die Aktie des größten deutschen Bankhauses fiel zuletzt immer weiter.

Deutsche Bank: John Cryan: Nur Aufräumer oder doch Visionär? Quelle: dpa

In einem Interview mit der Schweizer Boulevardzeitung „Blick“ versprach Thiam nun: „Die Gruppe bleibt zusammen. Eine Übernahme ist kein Thema!“  Thiam betont auch, dass Credit Suisse über mehr Eigenkapital denn je verfüge. Sein Kommentar zur miserablen Entwicklung der Aktie: „Das Umfeld ist volatil und stellt uns vor Herausforderungen.“

Beinahe noch schlimmer sieht es in Italien aus. Nach dem Brexit-Votum führten italienische Banken die Liste mit den größten Kursverlusten an. Italien hat sich bereits den Segen der Europäischen Kommission geholt, seine Banken mit Liquiditätsgarantien in Höhe von bis zu 150 Milliarden Euro unterstützen zu dürfen. Der Ex-Direktor der Europäischen Zentralbank, Lorenzo Bini Smaghi, plädiert in dieser Situation bereits für einen Prozess der Konsolidierung – innerhalb Italiens. Ein Beispiel dafür sei der gelungene Zusammenschluss von Banca Popolore di Milano und Banco Popolare.

Quelle:  Handelsblatt Online
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