Großbritannien: Aufregung um britischen Leitzins verpufft

Großbritannien: Aufregung um britischen Leitzins verpufft

, aktualisiert 02. August 2017, 15:26 Uhr
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Der britische Leitzins verbleibt wohl auf dem historisch niedrigen Stand von 0,25 Prozent.

Quelle:Handelsblatt Online

Obwohl die britische Inflationsrate trotz Rückgangw noch deutlich über der Zwei-Prozent-Markt liegt, verbleibt der Leitzins voraussichtlich auf seinem Rekordtief. Die Zahlen sprechen für sich.

Die helle Aufregung um eine nahende Zinserhöhung der Bank of England erscheint mittlerweile ein wenig überzogen. Drei der acht Mitglieder im geldpolitischen Ausschuss (MPC) hatten im Juni für eine Straffung der Geldpolitik gestimmt, und Zentralbankgouverneur Mark Carney sowie Chefökonom Andy Haldane sagten kurz darauf, dass sie eine Zinsanhebung bald in Betracht ziehen dürften. Doch der Ausblick hat sich verändert: Die Inflation kühlte sich ab und das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich im ersten Halbjahr stärker als erwartet.

Die Investoren sind nun weniger davon überzeugt als noch vor ein paar Wochen, dass der MPC seinen Leitzins vor dem Jahresende 2017 anheben wird. Händler preisen eine Wahrscheinlichkeit von etwa 40 Prozent für eine Straffung ein – verglichen mit 56 Prozent Ende Juni, als Carney gesagt hatte, dass ein gewisser Abbau der geldpolitischen Impulse notwendig werden könnte.

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Ökonomen gehen davon aus, dass der Leitzins bei der am Donnerstag anstehenden Sitzung auf dem Rekordtief von 0,25 Prozent belassen wird. Die britische Notenbank wird zudem neue Prognosen für Wachstum und Inflation veröffentlichen. Carney hält dann um 13:30 Uhr MESZ eine Pressekonferenz in London ab.

Dieses Mal dürfte die Entscheidung für einen unveränderten Kurs in der Geldpolitik mit sechs zu zwei Stimmen fallen, ergab eine Umfrage von Bloomberg. Demnach werden Michael Saunders und Ian McCafferty wieder für eine Zinserhöhung votieren. Für Silvana Tenreyro wird es die erste Zinsentscheidung im MPC sein. Ihre Meinung über den geldpolitischen Kurs ist nicht bekannt – anders als bei ihrer Vorgängerin Kristin Forbes, die freimütig die Notwendigkeit zur Eindämmung des Preisauftriebs betont hatte.

Die Inflationsrate in Großbritannien ging im Juni überraschend auf 2,6 Prozent zurück. Damit liegt die Teuerung zwar weiter über dem BoE-Zielwert von zwei Prozent, fiel aber niedriger als im Mai mit 2,9 Prozent. Die Abwertung des Pfund Sterling seit dem Brexit-Votum, dem Haupttreiber für den Preisschub, hat seit dem letzten MPC-Treffen nachgelassen: Die britische Landeswährung gewann seit dem 15. Juni mehr als drei Prozent zum Dollar.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Inflationsrate über drei Prozent steigt, „scheint sich verflüchtigt zu haben“, sagte Howard Archer, Wirtschaftsberater von EY ITEM Club. „Auch das gedämpfte Gewinnwachstum und die stotternde Wirtschaftsaktivität in Großbritannien scheinen den heimischen Preisdruck im Zaum zu halten.“

Auch die nachlassende Konjunkturdynamik könnte dafür sorgen, dass die Notenbanker einer restriktiveren Geldpolitik gegenüber eher abgeneigt sind. Von dem enttäuschenden Jahresauftakt erholte sich die Wirtschaft im zweiten Quartal kaum – das Wachstum belief sich auf 0,3 Prozent. Die BoE hatte im Mai noch mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 0,4 Prozent gerechnet. Vor diesem Hintergrund gehen Ökonomen davon aus, dass die BoE ihre Wachstumsprognosen nach unten revidieren wird.

Volkswirte rechnen einer Bloomberg-Umfrage zufolge mit einem Wachstum von 1,6 Prozent 2017 und 1,3 Prozent 2018. Ihre Annahmen liegen unter den Schätzungen der BoE, die dieses Jahr einen BIP-Anstieg von 1,9 Prozent erwartet und kommendes Jahr von 1,7 Prozent.

Der stellvertretende Notenbankchef Ben Broadbent fasste die Problematik, mit der sich der MPC konfrontiert sieht, so zusammen: „Es gibt noch immer viele Unwägbarkeiten, es ist derzeit ein wenig knifflig, eine Entscheidung zu fällen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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