Großbritannien nach dem Attentat: „Hass ist giftig“

Großbritannien nach dem Attentat: „Hass ist giftig“

, aktualisiert 17. Juni 2016, 12:14 Uhr
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Großbritannien steht unter Schock und trauert um die tote Politikerin Cox

von Katharina SlodczykQuelle:Handelsblatt Online

Land unter Schock. Das Attentat auf eine britische Abgeordnete beendet die erhitzt geführte Debatte um die Vor- und Nachteile der EU-Zugehörigkeit – vorerst. Die politischen Auswirkungen der Bluttat sind völlig offen.

LondonEs waren bewegende Worte, mit denen sich Brendan Cox an die Öffentlichkeit wandte: Es müssten sich jetzt alle zusammentun, um gegen den Hass zu kämpfen, der seine Frau getötet habe, appellierte er am Donnerstag Abend nach dem tödlichen Attentat auf seine Frau Jo, eine Labour-Abgeordnete. „Hass hat keine Überzeugung oder Religion, er ist giftig“, schrieb er über den Kurznachrichtendienst Twitter.
Am Tag danach kam daher das Innehalten im Schock und in Trauer über den Tod der 41-jährigen Politikerin. Hunderte von Menschen legten vor vor dem Parlamentsgebäude in London Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Schweigend blieben sie für einige Minuten davor stehen. „Mir fehlen einfach die Worte“, sagte eine Londonerin. Und ihr Mann ergänzte: „Das ist unfassbar, dass es soweit kommen konnte.“

Die Flaggen vor dem Regierungsgebäude in der britischen Hauptstadt wurden auf Halbmast gesetzt, um der Politikerin zu gedenken. Labour-Chef Jeremy Corbyn schrieb bei Twitter: „Die ganze Labour-Partei und Labour-Familie – und sicherlich das ganze Land – werden angesichts dieses abscheulichen Mordes an Jo Cox heute schockiert sein.“

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Der Anschlag auf sie brachte die zuletzt erhitzt geführte Debatte über die Vor- und Nachteile der EU-Zugehörigkeit eine Woche vor dem entscheidenden Referendum zu einem abrupten Stopp. Politiker beider Lager sagten ihre Wahlkampfauftritte vorübergehend ab, obwohl das genaue Motiv für den Angriff auf Jo Cox noch unklar bleibt.

Unklar war am Freitag, wann die Politiker ihre unterbrochene Kampagne zum EU-Referendum am 23. Juni wieder aufnehmen. Auch die möglichen Auswirkungen der Bluttat auf den Ausgang des Votums sind noch völlig ungeklärt.

Medienberichten zufolge, die sich auf Augenzeugen berufen, hat der Angreifer „Britain First“ (Britannien zuerst) gerufen, als er sich mit einem Messer und angeblich einer selbstgebastelten Schusswaffe auf Jo Cox stürzte. Das passierte in der Nähe einer Bücherei in ihrer Heimatstadt im Norden Englands. Sie wollte dort ihre Bürgersprechstunde abhalten.

„Britain first“ ist eine politische Vereinigung, die sich gegen Einwanderung und für den britischen EU-Austritt. Paul Golding, der Gründer der Vereinigung distanzierte sich von dem Anschlag. Das sei ein schrecklicher Tag für die Demokratie des Landes und das Regierungssystem, sagte er und ergänzte: Seine Vereinigung habe mit dem Attentat nichts zu tun.


Cox galt als große Hoffnungsträgerin

Die Polizei nahm kurz nach der Tat im Norden England einen 52-jährigen Tatverdächtigen fest. Dessen Angehörige, Nachbarn und Freunde haben den Mann im Gespräch mit britischen Medien als einen Einzelgänger beschrieben, der nicht besonders politisch gewesen sei, sondern psychisch krank. Es habe da eine lange Vorgeschichte psychischer Probleme gegeben und habe deswegen Hilfe in Anspruch genommen, sagte sein Bruder dem „Daily Telegraph“.

Jo Cox war die erste amtierende Abgeordnete seit mehr als zwei Jahrzehnten, die Opfer eines tödlichen Anschlags wurde. 1990 war ein konservativer Parlamentarier bei einer Explosion einer von IRA-Terroristen gelegten Autobombe gestorben.

Cox galt als große Hoffnungsträgerin der Labour-Partei. Sie saß seit 2015 im britischen Unterhaus und engagierte sich gegen einen Austritt Großbritanniens aus der EU. Bevor sie Abgeordnete wurde, hatte sie bei der internationalen Hilfsorganisation Oxfam gearbeitet und war in zahlreiche Konflikt- und Elendsregionen gereist. Zudem war sie vier Jahre lang Vorsitzende einer Frauenorganisation in der britischen Labour-Partei, wo sie eng mit der Frau des damaligen Premierministers Gordon Brown zusammengearbeitet hatte. Brown erklärte nach dem Anschlag auf Cox: „Sie ist an einige der gefährlichsten Orte der Welt gereist. Der letzte Ort, an dem sie in Gefahr hätte sein sollen, war ihre Heimatstadt.“
Medienberichten zufolge hat Jo Cox in den Monaten vor ihrem Tod eine ganze Reihe von Drohbotschaften bekommen. Angeblich sei überlegt worden, um man verstärkte Sicherheitsmaßnahmen für sie einführe.
Nach dem Attentat auf Cox wurden Politiker gewarnt, dass sie vorsichtiger sein und ihre Sicherheitsmaßnahmen überprüfen sollten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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