Grüner Wahlkampf im Ländle: Kretsche mit der Kettensäge

Grüner Wahlkampf im Ländle: Kretsche mit der Kettensäge

, aktualisiert 04. März 2016, 19:48 Uhr
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Mit Kettensägen kennt sich Kretschmann (2. v. l.) offenbar aus – jedenfalls zeigt der grüne Ministerpräsident keinerlei Berühungsängste.

von Martin-W. BuchenauQuelle:Handelsblatt Online

Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann trifft den Ton der Mittelständler. Zwar lieben sie ihn nach fünf Jahren noch immer nicht, aber sie respektieren ihn. Das könnte die Wahl entscheiden.

WaiblingenDraußen vor dem Werkstor des Motorsägen-Herstellers Stihl in Waiblingen stehen 50 Umweltaktivisten. Sie kommen immer, wenn hoher Besuch angesagt ist. Eigentlich sollte Bundeskanzlerin Angela Merkel die er 90 Millionen Euro teure Erweiterung des Entwicklungszentrum und die neue Logistik von Stihl einweihen. Aber die Bundeskanzlerin hatte abgesagt. Wichtige Geschäfte, Treffen mit Hollande in Paris.

Eine Woche vor der Landtagswahl im Südweststaat liegen die Nerven blank – zumindest bei der Landes-CDU. Geschickt wollte auch der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann zum Tête-à-Tête mit der Kanzlerin kommen. Es lockte ein Bild mit Symbolkraft für die Landtagswahl: Die schwarze Kanzlerin mit dem grünen Ministerpräsidenten.

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Davon bekam auch die eher blasse Landes-CDU um ihrem in den Umfragen stark abgesackten Spitzenkandidaten Guido Wolf Wind. Sie äußerte ihre Bedenken bei der Bundespartei, wie beim Stehempfang bei den Feierlichkeiten in Waiblingen zu hören ist. Darauf habe die Kanzlerin abgesagt. Belegt ist das nicht. Aber von Paris aus bis ins nahe Ettlingen hat sie es an diesem Nachmittag zu einer Parteiveranstaltung geschafft.

Eine Grußbotschaft von Merkel mit Deutschland-Flagge im Hintergrund wird per Video eingespielt. Als es aufhört: zunächst drei Sekunden keinerlei Reaktion im Publikum. Dann der kurze Höflichkeitsapplaus.

Es ist nicht nur ein lokales Publikum mit dem Oberbürgermeister und Landrat vor Ort, sondern auch Unternehmer wie der Kärcher-Chef Hartmut Jenner, der Chef des Kabel-Giganten Andreas Lapp und die Senior-Chefin Renate Pilz, des gleichnamigen Automatisierungsspezialisten sind gekommen. Allesamt starke Firmenchefs der mittelständischen Baden-Württemberg-AG. Ganz zu Schweigen von Bosch-Aufsichtsratschef Franz Fehrenbach und Firmen-Patriarch Hans Peter Stihl.

Dessen Sohn Nikolas Stihl führt das Unternehmen seit drei Jahren aus dem Beirat heraus. In bester Manier seines Vaters hatte er in einem Handelsblatt-Interview, das am Freitag veröffentlicht wurde, aber noch vor der Absage der Kanzlerin geführt worden war, fundamentale Kritik an den aus seiner Sicht falschen Politik der Bundesregierung geübt. Zu wenig Investitionen, ungerechte Erbschaftssteuer zu wenig Engagement für die Bildung. „Die Regierung fährt Deutschland auf Verschleiß“. Das Zitat ein Symbol, wie tief inzwischen die Gräben zwischen dem Mittelstand und er Bundesregierung sind.


„Es geht nur mit starken Unternehmen“

In diese Lücke ist Winfried Kretschmann gekonnt gestoßen. „Es geht nicht gegen die Unternehmen, sondern nur mit unseren starken Unternehmen“, sagt Kretschmann. Er hebt die Innovationskraft der Unternehmen und die Bemühungen von Stihl für Umweltverträglichkeit der Geräte hervor. Das alles hätte auch aus dem Munde eines CDUlers kommen können, da sind sich viele im Publikum an diesem Nachmittag einig.

Das ist Kretschmanns Trick: Er kombiniert Bodenständigkeit mit dem hohen Lied auf Innovationen. Nur am Schluss spricht er davon, dass eine Ökonomie nur Erfolg habe, wenn sie umweltverträglich ist. Aber genau das sei ja die Stärke von Unternehmen wie Stihl.

Kretschmann spannt den Bogen zu den Ausgaben, die seine Regierung für die Hochschulausbildung beschlossen hat und dass 170 Millionen jährlich in den Straßenbau gesteckt würden. Das alles bringt er so gekonnt und gelassen vor, dass er den ein oder anderen im Unternehmerlager mitreist. Renate Pilz sagt nach der Rede: „Ich verrate nicht, was ich wähle. Aber Herr Kretschmann gibt ein gutes Bild ab als Landesvater. Ich kann verstehen, wenn er gewählt wird.“

Kretschmann hat am Anfang seiner Wahlperiode klein angefangen, sich sogar mit der starken Autolobby verkracht, als er sagte, dass weniger Autos besser sein als mehr. Aber Kretschmann hat schnell gelernt. Er hat in einem Kreis „Wirtschaft und Innovation“ sich die Argumente der Unternehmen angehört und mit Offensiven für Bildung und Digitalisierung auch umgesetzt.

Schwäbische Unternehmer haben ein feines Gefühl dafür, ob ein Politiker ökonomisch und intellektuell auf Augenhöhe ist. Mappus fiel dabei ebenso durch wie der ländliche, eher wirtschaftsferne Erwin Teufel. Wolf ist auf dem besten Wege, ebenso durchzufallen. Erst vor sechs Monaten hat er einen wirtschaftlichen Beraterkreis aufgemacht, viel zu spät, um in der Wirtschaft zu punkten. Macher und Schaffer wie einst Lothar Späth oder auch Günther Oettinger kamen bei den Unternehmern besser an.

„Es hätte noch viel mehr passieren müssen“, moniert denn auch Kärcher-Chef Hartmut Jenner.


„Kretschmann ist nicht seine Partei“

Aber Kretschmann hat es immerhin geschafft, nicht ganz durchzufallen, was für einen grünen Ministerpräsidenten schon einmal eine Leistung ist. Lang anhaltender ehrlicher Beifall und den von fleißigen schwäbischen Unternehmern, wie bei der Werkseröffnung in Waiblingen, muss man sich im Ländle erst einmal verdienen. „Nur man darf sich nicht täuschen. Kretschmann ist nicht seine Partei. Die Verkehrspolitik von Herrn Herrmann bleibt doch eine Katastrophe“, sagt Jenner, ein strammer CDU-Mann.

Kretschmann strahlt an diesem Nachmittag bei Stihl präsidiale Gelassenheit aus. Er ist sich nicht zu schade, auf der Bühne mit einer Akku-Kettensäge einen Baumstamm zu durchsägen. Auf die Demonstranten vor dem Werkstor angesprochen, reagiert er extrem entspannt.

„Das Abholzen der Regenwälder hat zunächst einmal nichts mit dem Sägenhersteller zu tun“, sagt Kretschmann nüchtern, „sondern mit den Menschen, die das Abholzen erlauben und tun.“ Man könne doch nicht die Messer abschaffen, nur weil jemand damit umgebracht werden könnte. Und der Ministerpräsident setzt noch einen drauf. „Das gilt auch für Heckler & Koch – oder sollen wir unsere Polizei und Soldaten unbewaffnet losschicken?“

Kretschmann ist Realpolitiker durch und durch und trifft mit einer erstaunlichen Sicherheit den Ton, der bei seinen Landsleuten ankommt. „Ich bin nicht schwarzer geworden, vielleicht ist das Land in den letzten fünf Jahren grüner geworden“, sagt Kretschmann. Erstmals können die Grünen in Baden-Württemberg die meisten Stimmen bei einer Landtagswahl in einem Bundesland bekommen. „Ich kann ja nicht alleine regieren. Ich bleibe auf dem Teppich, selbst wenn er fliegt.“ Wenn es mit der SPD nicht reicht, ob er auch mit der CDU regiert? Kretschmann zwinkert mit den Augen und geht.

Die Regenwalddemonstranten sieht er nicht mehr. Sie haben ihre Plakate längst eingerollt und sind heim.

Quelle:  Handelsblatt Online
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