Händler vor dem Brexit-Referendum: „Die Frage ist nur, ob man ein bisschen Schlaf bekommt“

Händler vor dem Brexit-Referendum: „Die Frage ist nur, ob man ein bisschen Schlaf bekommt“

, aktualisiert 22. Juni 2016, 15:29 Uhr
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Nicht nur die Unsicherheit, wie die Briten über den Brexit entscheiden, macht es den Bankern so schwer, sich am Markt auf die richtige Seite zu schlagen.

Quelle:Handelsblatt Online

London ist das Zentrum, um das sich dieser Tage die ganze Finanzwelt dreht. Für Händler gibt es viel Geld zu gewinnen – und zu verlieren. Führungskräfte bei der Deutschen Bank & Co. müssen auf Abruf bereitstehen.

LondonDas Fingerfood ist schon bestellt, die Hotelzimmer in der Nähe der Büros sind gebucht: Die weltgrößten Banken bereiten sich auf eine aufreibende Nachtschicht in den Büros und Handelsräumen nach der Abstimmung über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) vor. Die Turbulenzen an den Devisen- und Anleihemärkten, aber auch im Aktienhandel dürften dann nur mit dem „Schwarzen Mittwoch“ im September 1992 vergleichbar sein, an dem Großbritannien den Europäischen Wechselkurs-Mechanismus verließ, erwarten Banker. Nick Parsons, Co-Chef-Devisenstratege bei der National Australia Bank, war damals schon dabei: „Wenn der Brexit kommt, wird das mindestens die Größenordnung des 'Schwarzen Mittwochs' haben.“

London ist nicht nur an diesen Tagen das Zentrum, um das die ganze Finanzwelt kreist. Die britische Hauptstadt steht für 41 Prozent des weltweiten Devisenhandels, weit vor den USA, und das Pfund Sterling ist die am viertmeisten gehandelte Währung der Welt. „Alle Händler werden da sein. Sie mögen es nicht, wenn sie große Momente verpassen. Dann wollen sie an ihrem Desk sein“, sagt ein hochrangiger Banker aus dem Finanzviertel um Canary Wharf. „Jeder will mitmischen. Die Frage ist nur, ob und wann man ein bisschen Schlaf bekommt“, sagt ein Devisenhändler.

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Doch nicht nur Devisen- und Bond-Trader selbst dürften ihre Büros in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni nur für ein kurzes Nickerchen verlassen. Auch Führungskräfte bei Citi, der Deutschen Bank, HSBC oder Goldman Sachs sollen sich zumindest telefonisch in Rufbereitschaft halten, wie es in Finanzkreisen heißt.

Nicht nur die Unsicherheit, wie die Briten über den Brexit entscheiden, macht es den Bankern so schwer, sich am Markt auf die richtige Seite zu schlagen. „Wir werden nicht wissen, was es bedeutet. Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten, wie das ausgeht“, sagte JPMorgan -Chef Jamie Dimon bei einem Besuch in London vor Mitarbeitern. Dimon sähe Großbritannien am liebsten weiter in der EU und warnt vor Stellenstreichungen in London, wenn die Briten sich dagegen entscheiden.

Die ersten Abstimmungsergebnisse werden gegen 23.00 Uhr deutscher Zeit erwartet, das Endergebnis dürfte wegen des Kopf-an-Kopf-Rennens zwischen EU-Befürwortern und -Gegnern erst am nächsten Morgen vorliegen, kurz bevor in Europa die Märkte öffnen. Doch ein normaler Handelstag dürfte dieser Freitag nicht werden. „Wir hatten US-Wahlen, wir hatten Parlamentswahlen in Großbritannien, wir hatten das Referendum in Schottland, den Zusammenbruch von Lehman und QE (Quantitative Easing; die ultralockere Geldpolitik der EZB), aber das ist bei weitem das Ereignis mit dem größten Risiko für Großbritannien“, sagt Chris Huddleston, Leiter des Geldmarkt-Geschäfts bei Investec.

Vor allem das britische Pfund steht im Fokus. Schon Umfragen reichen, um seit Wochen heftige Kursschwankungen auszulösen. Das dürfte aber nichts sein im Vergleich dazu, was der Währung nach dem 23. Juni bevorsteht. Banken erwarten, dass es bei einem Ja zur EU von derzeit 1,41 bis auf 1,50 Dollar nach oben schnellt. Bei einem Brexit könnte das Pfund dagegen bis auf 1,30 Dollar oder noch tiefer fallen. Die größten Pessimisten sehen es sogar bei 1,20 Dollar - und in der Parität zum Euro.

Das könnte nicht nur die Computersysteme an ihre Grenzen bringen, auf denen gehandelt wird. Auch britische Notenbanker stehen bereit, notfalls noch in der Nacht einzugreifen. Die Bank of England (BoE) werde sich nicht gegen Kursanpassungen stemmen – doch sie werde sich darum kümmern, dass die Märkte funktionierten, sagte BoE-Chef Mark Carney.

Marktteilnehmer haben die BoE aufgefordert, sich notfalls an die US-Notenbank Fed zu wenden, wenn es allzu turbulent werde. Die britische Notenbank könnte mit Dollar-Krediten der Fed Pfund kaufen und die Währung damit stützen - das hatten die beiden 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise erstmals gemacht. Denn Händler und Analysten befürchten eine Abwärtsspirale der britischen Währung: Wenn angesichts einer Flut von Verkaufsorders die Käufer fehlten, müssten Banken das Pfund zu Kursen verkaufen, die weit unter den üblichen Limits lägen.

Die Institute sehen sich gewappnet. Ein hochrangiger Banker berichtet, sein Haus habe große Pfund-Reserven aufgebaut, um im Notfall Kunden unter die Arme zu greife, die angesichts des Auf und Ab kurzfristig zusätzliche Sicherheitsleistungen für den Handel aufbringen müssen. Ein Vermögensverwalter berichtet, sein Unternehmen habe in einem Probelauf getestet, wie es mit einem 30-prozentigen Verfall des Pfundes zurechtkommen würde. Man habe die Kassenbestände aufgestockt und habe Händler über Nacht ins Büro beordert, um bei Bedarf hurtig andere Anlagen zu verkaufen, wenn man mehr Geld brauche.

„Man freut sich auf Tage wie diese“, sagt ein Anleihehändler einer Londoner Großbank. „Da gibt es viel Geld zu verdienen – und zu verlieren. Man muss nur darauf hoffen, dass man auf der richtigen Seite steht und nicht derjenige ist, den man zur Tür hinausträgt.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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