Handelsblatt-Reporter Sönke Iwersen: Meine Spurensuche nach Edward Snowden

Handelsblatt-Reporter Sönke Iwersen: Meine Spurensuche nach Edward Snowden

, aktualisiert 07. September 2016, 10:53 Uhr
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Sönke Iwersen, Leiter für investigative Recherche (rechts), Flüchtling Vanessa (Mitte), und Anwalt Robert Tibbo (links) im Gespräch.

von Sönke IwersenQuelle:Handelsblatt Online

Sönke Iwersen leitet seit fünf Jahren das Ressort Investigative Recherche beim Handelsblatt. Doch eine Spurensuche wie im Fall Edward Snowden hat er auch noch nicht erlebt. Ein Werkstattbericht.

Ich sitze im Mira Hotel in Hongkong, mir gegenüber sitzt der Anwalt von Edward Snowden. Der Ort ist historisch. 2013 hat Edward Snowden in diesem Hotel im Juni 2013 das Interview gegeben, das ihn zum meist gesuchten Mann der Welt machte. Ich bin nach Hongkong gekommen, um seinen Schritte nachzugehen.

Die Idee Snowden's Anwalt Robert Tibbo ausgerechnet hier zu treffen, entstand spontan. Ein Zimmer im Mira habe ich nicht, also schleiche ich mich ein paar Stockwerke hoch zu einer Sitzgruppe. Mancher Angestellte schaut überrascht, als meine Fotografin ihre Gerätschaften auspackt. Aber niemand spricht uns an. Keiner weiß, wer wir sind. Es kann losgehen.

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Die Spurensuche nach Edward Snowden war abenteuerlich. Spannend war das Projekt von Anfang an. Doch wer konnte ahnen, dass mich die Recherche in die dunkelsten Ecken von Hongkong führen würde? Zu vergewaltigten Frauen aus Sri Lanka und den Philippinen, die für Snowden in Hongkong kochten? Zu einem ehemaligen Soldaten, der in seiner Heimat gefoltert wurde und in Hongkong als Snowdens Bodyguard auftrat?

Der Anfang der Recherche liegt Monate zurück – und wie so oft war ihr Anfang das Ende einer anderen Recherche. In einer Geschichte zu einem völlig anderen Thema spielte der Anwalt Robert Tibbo eine wichtige Rolle. Ich wusste, dass er Snowdens Anwalt war, doch wochenlang war sein berühmter Mandant in unseren Gesprächen kein Thema. Erst im späten Frühling ergab sich plötzlich die Gelegenheit, eine Geschichte über Snowdens Flucht zu schreiben. Ich griff zu.

Die Operation Snowden wird mir lange in Erinnerung bleiben. Die brütende Hitze in Hongkong. Das Elend der Menschen, die Snowdens Leben retteten und heute noch immer im Dreck sitzen. Die umständliche Kommunikation mit dem amerikanischen Whistleblower in Moskau, dem ich nur mit einem besonderen Programm verschlüsselte Fragen zukommen lassen konnte, um dann genauso umständlich seine Antworten zu empfangen.

Freilich, die ganze Arbeit hat sich gelohnt. Doch bei aller Freude über die vollendete Geschichte und über Snowdens Lebensretter, bleibt doch auch eine Gewissheit: Dass Snowden mir schrieb, wie sehr er seine Helfer bewundert, wird sie freuen. Helfen wird es ihnen aber nicht.

Hier finden Sie das Interview mit Edward Snowden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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