Handelsblatt-Sparkassentagung: Der Kampf gegen die Minizinsen

Handelsblatt-Sparkassentagung: Der Kampf gegen die Minizinsen

, aktualisiert 02. Februar 2017, 12:28 Uhr
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Die Sparkassen wollen die Folgen niedriger Zinsen abfedern.

von Elisabeth Atzler und Frank Matthias DrostQuelle:Handelsblatt Online

Die deutschen Sparkassen rechnen mit heftigen Belastungen durch die Niedrigzinsen. Um einen Euro zu verdienen, müssten die Institute bald 75 Cent aufwenden, warnt Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon.

BerlinDie deutschen Sparkassen fürchten, dass sie künftig angesichts der niedrigen Zinsen deutlich weniger verdienen. Schon im vergangenen Jahr ist das Betriebsergebnis vor Bewertung um rund 800 Millionen Euro gefallen, wie Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon am Donnerstag auf der Handelsblatt Jahrestagung Zukunftsstrategien für Sparkassen und Landesbanken sagte. Das ist ein Rückgang um sieben Prozent.

Im Jahr 2015 lag das Betriebsergebnis vor Bewertung – also bevor die Werte von Krediten und Wertpapiere bilanziell berichtigt wurden – bei 10,8 Milliarden Euro. Nach Steuern und Bewertung verdienten die deutschen Sparkassen damals zwei Milliarden Euro.

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Die Entwicklung werde sich 2017 fortsetzen, so Fahrenschon. Mit Folgen für die Ertragsstärke der Sparkassen: „Die Ergebnis-Ertragsrelation wird in den kommenden drei Jahren wohl auf 75 Prozent ansteigen“, sagte er. Das bedeutet, dass die knapp 400 Sparkassen im Schnitt 75 Cent aufwenden müssen, um einen Euro zu verdienen. Die Ergebnis-Ertragsrelation ist eine wichtige Kennzahl für die Effizienz eines Unternehmens. Im Jahr 2015 lag sie bei 64 Prozent.

Fahrenschons Prognose zeigt, wie sehr die deutschen Sparkassen, aber auch andere deutsche Banken wie etwa die Volks- und Raiffeisenbanken, mit den Mini- und Minuszinsen ringen. Die Leitzinsen in der Euro-Zone betragen seit knapp einem Jahr null Prozent. Zudem müssen Geschäftsbanken einen Strafzins von 0,4 Prozent berappen, wenn sie überschüssige Liquidität über Nacht bei der Europäischen Zentralbank (EZB) parken.

Erst am Mittwoch hatten hochrangige Bundesbanker und Wissenschaftler davor gewarnt, dass länger anhaltende  Niedrigzinsen deutsche Geldhäuser heftig unter Druck setzen. „Selbst wenn die Zinsen konstant auf ihrem aktuellen Niveau blieben, würde sie die Zinsmarge im Kerngeschäft der Banken in Deutschland in den nächsten vier Jahren um 16 Prozent verringern“, so Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret und Jörg Rocholl, Präsident der Wirtschaftshochschule ESMT.   

Mit dem EZB-Nullzins sind die Margen im Kreditgeschäft der Banken bereits geschwunden. Auch wenn sie die Einlagen der Kunden anlegen, verdienen die Geldhäuser weniger. Das schmerzt, sind Zinserträge doch die mit Abstand wichtigste Einnahmequelle deutscher Kreditinstitute: Rund drei Viertel aller Erträge stammen aus dem Geschäft mit Krediten und Einlagen, zeigt ein Bundesbank-Bericht vom September vergangenen Jahres.

Sparkassen und Genossenschaftsbanken sind von den Zinsüberschüssen sogar nochmals stärker abhängig als die Großbanken: Bei ihnen stammten zuletzt 80 Prozent aus diesem Geschäftsbereich. Fahrenschon zeigte sich aber zuversichtlich, dass die Sparkassen die Herausforderungen bewältigen werden. Aber: „Das wird enorme unternehmerische Anstrengungen und konsequentes Handeln erfordern.“ Skeptischer zeigten sich die Teilnehmer der Tagung.


Angriff auf die EZB

68 Prozent meinen, dass die Situation der Sparkassen auch nach deutlichen Kosteneinsparungen existenzgefährdend seien und es zu Rettungsfusionen kommen werde. Das heiße, dass sich stabile Sparkassen mit Instituten, die allein nicht mehr zurecht kommen, zusammenschließen müssten.

Wegen des EZB-Strafzinses wird es laut Fahrenschon auf absehbare Zeit keine Zinsen auf Einlagen geben. Viele Banken verlangen bereits von Firmenkunden einen Strafzins, wenn diese bei ihnen kurzfristig Geld parken. Für private Kunden sind solche Strafzinsen noch die Ausnahme. Nur von einigen wenigen Genossenschaftsbanken ist bekannt, dass sie vermögenden Kunden etwa ab 100.000 oder ab 500.000 Euro Einlagen einen Minuszins berechnen.

„Die Sparkassen strecken sich schon erheblich, die Negativzinsen der EZB nicht an die breite Privatkundschaft weiterzugeben“, sagte Fahrenschon. Würden Sparkassen in der Breite Negativzinsen einführen, würde das das Vertrauen in das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem auf eine harte Probe stellen. Er hoffe, dass dies „nicht eines Tages doch betriebswirtschaftlich zwingend sein wird“. Im vergangenen Jahr kosteten die Minuszinsen die Sparkassen einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag.

Der Sparkassenpräsident griff die die EZB erneut scharf an. Angesichts ihrer Geldpolitik könnten positive Nettorenditen nur noch mit sehr hoher Risikobereitschaft erwirtschaftet werden. „Viele Kunden können sich das schlicht nicht leisten.“ Andere hätten ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis, so Fahrenschon.  Diese Menschen darauf zu verweisen, doch am Kapitalmarkt anzulegen, sei zynisch. „Ich halte das sozial- und gesellschaftspolitisch für unverantwortlich.“ Eine Notenbankpolitik, die eine Umverteilung von unten nach oben organisiere, gehöre nicht zu den Aufgaben einer Notenbank.

Quelle:  Handelsblatt Online
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