Handelsblatt-Video löst Diskussion aus: Chinesen wollen Elternzeit wie in Deutschland

Handelsblatt-Video löst Diskussion aus: Chinesen wollen Elternzeit wie in Deutschland

, aktualisiert 10. November 2016, 13:01 Uhr
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Ein Video auf Weibo sorgte für große Aufmerksamkeit in China. Hunderttausende haben sich die Straßenumfrage zum Thema Elternzeit angesehen.

von Stephan ScheuerQuelle:Handelsblatt Online

Ein Handelsblatt-Video auf dem Mikroblog „Weibo“ schlägt in China hohen Wellen. Viele sind erstaunt von einem deutschen Privileg: der Elternzeit. Das Familienbild in der Volksrepublik ist im Umbruch. Eine Weltgeschichte.

PekingEs begann mit einem Tweet. Auf unserem neueingerichteten Account im chinesischen Mikroblog Weibo verbreitete das Handelsblatt ein Kurzvideo – eine Straßenumfrage unserer Kollegen in den USA, mit der Frage, was die US-Amerikaner von der deutschen Elternzeit von 14 Monaten halten. Die Frauen und Männer zeigten sich erstaunt, und forderten teilweise ähnlich großzügige Regeln für ihr Land.

Doch während das Video zunächst wenig Echo fand, kreierte es eine weitreichende Debatte auf Weibo. Der in Peking lehrende Ökonom John Ross teilte das Video mit seinen knapp 690.000 Follower. „Menschen in Deutschland leben auch 1,9 Jahre länger als Menschen in den USA (in Großbritannien liegt der Unterschied bei 2,1 Jahren)“, fügte der britische Wirtschaftswissenschaftler hinzu.

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Die Diskussion über das Video hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine eigene Dynamik entwickelt. Nutzer erkundigten sich nach den Details des deutschen Modells. Besonders viele Fragen wurden zur Aufteilung der Elternmonate zwischen Vätern und Müttern gestellt. Wir ergänzten Informationen zum deutschen System und beantworteten Fragen zur Finanzierung.

Bis heute hat das Video rund 300.000 Zugriffe erzeugt. Aufgehend von dem Beitrag stießen Nutzer eine Debatte über den Umbruch des traditionellen Familienmodells in der Volkrepublik an. 2013 hatte Peking die einst drakonisch umgesetzte Ein-Kind-Politik gelockert und 2015 in eine Zwei-Kind-Politik umgewandelt. Ein wichtiger Grund ist Chinas rasant alternde Gesellschaft. Kommen heute 7,6 Arbeiter auf einen Rentner, werden es 2050 laut Berechnungen der vereinten Nationen 2,1 Arbeiter pro Rentner sein.

Grundlegender Wandel im chinesischen Familienmodell

Die Lockerung der Geburtenkontrolle reicht jedoch nicht, meint Demografie-Forscher Jiang Baoquan von der Jiaotong Universität in Xi’an. „Das Land muss mehr unternehmen, um sich auf eine alternde Gesellschaft vorzubereiten.“ Doch schon jetzt zeichnet sich ein grundlegender Wandel im Familienmodell der Volksrepublik ab. Frauen haben Angst, dass sie Aufgrund des Drucks, zwei Kinder zu bekommen, stärker in eine Rolle als Mutter gedrängt werden.

Genau das müsse verhindert werden, fordert Lu Pin, Chefredakteurin von Online-Magazin „Nüshengwang“. „Wir brauchen den richtigen gesetzlichen Rahmen, der Frauen die Freiheit gibt, sich für ein Kind zu entscheiden, sie aber vor einer Diskriminierung am Arbeitsplatz schützt“, fordert Lu. Die Möglichkeit, zwei Kinder zu bekommen, mache Frauen aus Sicht chinesische Arbeitgeber weniger begehrt.

Diese Überlegungen machen Ansätze wie die deutsche Elternzeit so attraktiv in China. Ke Qianting, Professor für Gender Studies an der Sun Yat-sen Universität in Guangzhou fordert ein Umdenken in China. Auf der einen Seite dürfe der Staat nicht mehr in den intimsten Bereich der jedes Menschen eingreifen, die Geburtenplanung müsse also ganz abgeschafft werden. Auf der anderen Seite sei die Regierung jedoch gefordert, Regeln aufzustellen, damit die Geburt eines oder mehrerer Kinder nicht zum Karriere-Killer für Frauen wird.

Quelle:  Handelsblatt Online
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