Handelsblatt Wirtschaftsclub: Von Salz- und Brackwasserökonomen

Handelsblatt Wirtschaftsclub: Von Salz- und Brackwasserökonomen

, aktualisiert 15. April 2016, 13:51 Uhr
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Bert Rürup: „Jeder Wissenschaftler hat eine Brille auf der Nase, und die ist nicht dazu da, um die Realität scharf zu sehen. Sondern sie ist das Paradigma, das seine Arbeit bestimmt.“

von Corinna NohnQuelle:Handelsblatt Online

Bei der ersten Veranstaltung des Handelsblatt Wirtschaftsclubs in Düsseldorf dreht sich alles um Vorhersagen und Wahrscheinlichkeiten. Und der Präsident des Handelsblatt Research Institute Bert Rürup liefert davon einige.

DüsseldorfMittags das Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute, am Abend der Europapokal-Krimi zwischen dem FC Liverpool und Borussia Dortmund – die Wettbewerbslage am Donnerstag war durchaus ambitioniert für die erste Veranstaltung des Handelsblatt Wirtschaftsclubs in Düsseldorf. Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI), und sein Team hatten geladen, um exklusiv und persönlich ihre Konjunkturprognose für 2016 und 2017 zu erläutern.

Die Konkurrenzlage scheuten die Gastgeber nicht, wie Handelsblatt-Chefökonom Dirk Heilmann bei der zur Begrüßung im Foyer des Verlagshauses in der Düsseldorfer Kasernenstraße mit humorvollem Unterton klarmachte: „Wir können Ihnen heute Abend nicht Jürgen Klopp bieten, aber Bert Rürup steht ihm im Unterhaltungspotential um nicht viel nach.“ Eine gewagte Prognose für einen Ökonomen – weniger, zumal zu diesem Zeitpunkt keiner ahnen konnte, wie der BVB das fulminante Spiel erst dominieren und doch am Ende 3:4 unterliegen und ausscheiden würde.

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Um Vorhersagen und Wahrscheinlichkeiten sollte es weiterhin an diesem Abend gehen. 80 Gäste hatten sich eingefunden, um Bert Rürups Einschätzungen aus erster Hand zu erhalten. Und der wortgewandte Redner machte das Versprechen, Infotainment auf hohem Niveau zu liefern, wahr: Mit einer Mischung aus prägnanter Einführung in die Volkswirtschaftslehre, kurzweiliger Analyse der weltwirtschaftlichen Herausforderungen und pointierter Kritik der aktuellen politischen Lage in Deutschland bettete er die Zahlen, die am Ende der Rechnungen des HRI standen: Um 1,3 Prozent wird die Wirtschaft in Deutschland in diesem Jahr nach Ansicht von Rürup, Heilmann und ihrer Ko-Autoren wachsen, 2017 soll sich das Wachstum auf ein Prozent verlangsamen.

Die ausführliche Analyse zu Binnenkonsum, Außenhandel und Inflationsrate dazu findet sich im Handelsblatt, doch den Gästen vom Donnerstagabend wurde mehr geboten: Etwa der seltene Einblick in die Gemütslage eines Ökonomen, von dem erwartet wird, all seine Berechnungen, Schätzungen und Annahmen am Ende in einer einzigen Zahl mit Kommastelle zu präzisieren. „Jeder Wissenschaftler hat eine Brille auf der Nase, und die ist nicht dazu da, um die Realität scharf zu sehen. Sondern sie ist das Paradigma, das seine Arbeit bestimmt.“

Zur Veranschaulichung ließ der Ökonom Kleckse aus einem Rorschachtest an die Wand beamen und rief die Zuschauer auf, die Bildnisse zu deuten. Klar: Wo die junge Mutter vielleicht ein Nest sieht, erblickt ein anderer einen Schmetterling, und manch einer deutet einen Klecks als Frosch, den andere als Nase erkennen. Rürups Fazit: „Jedes Lebewesen deutet die Realität anders, und so ist das auch bei Ökonomen.“

Hans-Werner Sinn etwa, der seit 1999 dem Münchner Ifo Institut für Wirtschaftsforschung als Präsident vorstand und gerade erst in den Ruhestand gewechselt ist, „den können Sie zu jedem Problem in der Welt fragen, und die Löhne werden immer zu hoch sein.“ Beim Wirtschaftsweisen Peter Bofinger hingegen „sind sie immer zu niedrig“, rief Rürup ins amüsierte Publikum.


„Da bin ich dann auch neidisch auf Herrn Sinn“

Ganz grob ließen sich die Ökonomen derzeit in drei Kategorien einteilen, deren Benennung an der geografischen Lage ihrer jeweiligen Kaderschmieden festzumachen sei: einerseits Salzwasser-Ökonomen, also die Keynesianer, deren herausragende assoziierte Lehrstätten MIT, Harvard und Stanford eben an Atlantik und Pazifik lägen; andererseits die Süßwasserökonomen, also die Neoklassiker und vor allem die Chicago Boys mit geografischer Nähe zum Lake Michigan. Und dann noch eine dritte Kategorie, die Rürup kreiert hat und der er sich selbst zurechnet: „Die Brackwasserökonomen, die sagen: Vielleicht ist an beiden was dran?“ Brackwasser, das ist entgegen landläufiger Meinung keine trübe Suppe, sondern eine Mischung aus Salz- und Süßwasser, in der nur einige hochspezialisierte Tier- und Pflanzenarten überleben.

Nun denn, so weit zur theoretischen Grundlage. Der Brackwasserökonom Rürup zeigte sich zwar durchaus stolz, dass er mit seiner letzten Prognose für 2015 und 2016 näher an der Realität lag als die meisten anderen Wirtschaftsforschungsinstitute und diese sich nach und nach in Richtung HRI-Vorhersage hinunterkorrigiert hätten. Aber er gab dann, für manchen der Gäste durchaus erstaunlich, zu, dass auch seinen Prognosen viele Unwägbarkeiten zu Grunde lägen. Wechselkurse und Ölpreise zum Beispiel: „Da sollten sich Ökonomen nie zu Prognosen hinreißen lassen, dass geht immer schief!“ Aber was macht man dann? „Man geht von einer sogenannten naiven Prognose aus, also einfach davon, dass alles so weitergeht wie bisher.“

Im Anschluss an die Vorstellung gab es dann die Chance, dem ehemaligen Chef der Wirtschaftsweisen Fragen zu stellen. Und so unterschiedlich die beruflichen Interessen der Gäste waren – darunter Studenten und Ökonomen, Berater und Juristen, Vertreter aus dem Bankwesen und der Industrie – so breit gefächert war auch die Palette der Themen, zu deren Rürups Meinung gefragt war: Stets fundiert und pointiert äußerte er sich etwa zu den Auswirkungen der Flüchtlingskrise, von Digitalisierung und disruptiven Technologien, zur Arbeitsmarktpolitik und dem zu erwartenden Wahlkampfgeschachere um die schwarze Null , nicht zuletzt ging es auch um sein Lieblingsthema: die private Altersvorsorge.

Ein Besucher meldete sich schließlich ein wenig ungläubig zu Wort, er habe an diesem Abend der vielen Prognosen eine „persönliche Frage“: „Ich habe gerade zehn Mal glauben, und 20 Mal ,ich weiß nicht' von Ihnen gehört. Wie können Sie mit diesem Berufsbild überleben? Ich habe Maschinenbau studiert und weiß, dass man rechnen kann. Aber Sie?“ Handelsblatt-Chefökonom Dirk Heilmann verwies darauf, dass auch die Wirtschaftswissenschaften einige Jahrzehnte lang als exakte Wissenschaft galten. „Das Ende kennen Sie: Es heißt Finanzkrise.“

Und Bert Rürup? Er nahm den Kommentar mit Humor auf: „Ach, wir rechnen auch sehr viel. Und glauben Sie nicht, dass Naturwissenschaftler ohne Annahmen auskommen! Wir können und gern mal über kalten und warmen Maschinenbau unterhalten.“ Um dann, halb im Ernst, hinzuzufügen: „Ich will ehrlich sein und bekenne mich dazu, dass ich bestimmte Dinge nicht weiß. Da bin ich dann auch neidisch auf Herrn Sinn. Nicht nur, weil er ein toller Ökonom ist, sondern weil er immer alles genau weiß.“

Weitere Informationen zu den Veranstaltungen des Handelsblatt Wirtschaftsclubs und der Teilnahme gibt es hier.

Quelle:  Handelsblatt Online
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