Hannes Ametsreiter und Peter Terium: „Wir teilen nicht, wir multiplizieren“

Hannes Ametsreiter und Peter Terium: „Wir teilen nicht, wir multiplizieren“

, aktualisiert 24. März 2017, 06:47 Uhr
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Wenn Windräder mit Sim-Karten vernetzt werden.

von Ina Karabasz und Franz HubikQuelle:Handelsblatt Online

Zwei Manager, zwei Branchen, eine Partnerschaft: Vodafone-Deutschland-Chef Hannes Ametsreiter und Innogy-Vorstandschef Peter Terium sprechen im Doppel-Interview über Geschäftsmodelle, die nur noch gemeinsam funktionieren.

HannoverAm Morgen erklärte Hannes Ametsreiter dem japanischen Premier Shinzo Abe und Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Technologiemesse Cebit, wie er unsere Städte intelligent vernetzen will. Der Deutschland-Chef von Vodafone sprach über Mülltonnen, die ihren Füllstand automatisch melden, smarte Straßen, die vor Unfällen und Staus warnen, und Straßenlaternen, an denen Elektroautos Strom zapfen können. Bei den Laternen kooperiert Vodafone mit Innogy, der Ökotochter des Energieriesen RWE. Innogy-Chef Peter Terium ist eigenes von einer Start-up Konferenz aus Berlin nach Hannover angereist, um den Vertrag mit Ametsreiter zu unterzeichnen. Noch bevor die Partnerschaft schriftlich besiegelt wird, erläutern die beiden Manager dem Handelsblatt, was diese Kooperation bringen soll.

Herr Ametsreiter, Herr Terium, sind Sie verzweifelt?
Terium: (lacht) Mache ich einen verzweifelten Eindruck? Wir haben gerade die Innogy gegründet und sind die Belastungen von RWE losgeworden – es geht aufwärts.
Ametsreiter: Verzweifelt? Im Gegenteil: Hier tun sich gerade zwei große Infrastruktur-Spieler zusammen und schaffen völlig neue, digitale Möglichkeiten.

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Sie kommen beide aus Branchen, die Schwierigkeiten damit haben, ihr Kerngeschäft weiter profitabel zu betreiben. Und jetzt wollen Sie auch noch Ihre spärlichen Gewinne teilen. Ist das wirklich keine Allianz der Verzweifelten?
Terium: Das ist ein Missverständnis: Wir teilen nicht, wir multiplizieren. Zusammen haben wir Zugang zu Geschäftsmöglichkeiten, die wir allein nicht hätten. Unsere intelligente Straßenlaterne ist dafür ein gutes Beispiel. Da verbinden wir die klassische Straßenbeleuchtung mit Kommunikation. Aus dieser Kombination entstehen ganz neue Geschäftsmodelle, von denen wir beide profitieren.
Ametsreiter: Wir haben noch nie mit so vielen Partnern zusammengearbeitet wie heute. Und das ist gut so. Gerade Energie- und Kommunikationsnetze können gemeinsam etwas Neues hervorbringen.

Wie sieht denn Ihre Partnerschaft konkret aus?
Terium: Wir wollen bis zum Jahresende die Funktionsfähigkeit unseres Modells erproben. Als Innogy betreiben wir in ganz Europa 1,5 Millionen Straßenlaternen. Warum sollen diese Laternen nur unsere Wege beleuchten? Man kann die Laternen genauso gut als Ladesäulen für Elektroautos nutzen, die Sicherheit vor Ort mit Hilfe von Kameras erhöhen, Werbung über Info-Screens schalten oder die Smogbelastung vor Ort mit Sensoren messen. Künftig werden zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Das bringt Herausforderungen. Einige davon können wir gemeinsam lösen.

Gehen Sie aktiv auf die Städte zu?
Ametsreiter: Das treiben sowohl wir als auch die Städte. Viele beginnen sich für das Thema Smart City zu interessieren. Da gibt es einfach enorm viele Möglichkeiten. Neben intelligentem Energiemanagement kann man auch die Müllentsorgung verbessern, Staus und Verkehrsunfälle durch clever gesteuerte Verkehrsströme vermeiden oder die vorhandenen Parkplätze optimal auslasten.
Aber sind die Städte auch bereit, dafür zu zahlen?
Ametsreiter: Solche Systeme kosten kein Geld, sie sparen Geld. Denn so kann man die Stadt viel effizienter managen.

Klingt so, als würden Sie jetzt auf alles wetten, was vielleicht irgendwann mal Erfolg verspricht. Aber bis jetzt rollen eben kaum Elektroautos auf deutschen Straßen. Was bringen da Ihre Laternen?
Ametsreiter: Man darf die Entwicklung von Elektroautos nicht unterschätzen. Das geht sehr schnell. Noch vor Jahren ist Tesla belächelt worden. Das ist heute nicht mehr der Fall. Inzwischen reden wir von einem Massenmodell – das wird kommen.
Terium: Wir wetten nicht auf alles Mögliche. Wir werden keine Autos bauen und auch keine Ladesäulen produzieren, das können die Koreaner und Chinesen viel günstiger. Aber eine Ladesäule aufzubauen und den Anschluss ans Stromnetz zu legen – das ist unsere Kernkompetenz. Dafür braucht es profundes Wissen über das Netzmanagement. Wir können dafür sorgen, dass bei starker Auslastung das Netz nicht in die Knie geht und die Rechnung bezahlbar bleibt. Da gibt es wohl kaum jemanden, der besser positioniert ist als Innogy.


Stromverbrauch intelligent steuern

Was hat Vodafone davon?
Ametsreiter: Damit der Stromverbrauch intelligent gesteuert werden kann, müssen Windräder, Solaranlagen und Gaskraftwerke mit Elektroautos, Boilern oder Batteriespeichern vernetzt sein. Dafür brauchen diese Geräte aber eine Sim-Karte – und da kommen wir ins Spiel.

Wo endet die Partnerschaft und wird zur Konkurrenz?
Terium: Es gibt Modelle, bei denen Zusammenarbeit Sinn macht, und andere, wo es keinen Sinn macht. Wir suchen uns die Sachen aus, in denen wir gemeinsam stärker werden, und wir werden bei anderen Sachen auch mit anderen Partnern zusammenarbeiten.

Ist die Quintessenz der Digitalisierung, dass Unternehmen heutzutage in Ideen investieren müssen, ohne zu wissen, ob es sich irgendwann rentiert?
Terium: Die Herangehensweise hat sich verändert. Heute überlegen wir, wie viel Kapital wir einsetzen wollen, um ein Geschäftsmodell bis zur Marktreife zu bringen. Dabei achten wir sehr kritisch darauf, wie groß das Marktpotenzial ist und ob das Geschäftsmodell skalierbar ist. Die großen Ausgaben kommen erst, wenn sie skalieren. Das ist heute der große Vorteil im Vergleich zu früher. Da musste man für 2,5 Milliarden Euro ein Kraftwerk bauen und dann hoffen, dass sich diese Investition in 25 Jahren bezahlt macht.

Die Lasten bei Ihrem Konzept scheinen ungleich verteilt: Innogy muss jedes Mal die ganze Straßenlaterne bereitstellen, während Vodafone nur die Software liefert – wie passt das zusammen?
Terium: Die Laterne gehört ja oft nicht uns, sondern der Kommune. Deswegen ist die Hardware überhaupt nicht das Thema. Was zählt, ist das Management, die Instandhaltung oder Störungsbeseitigung. Da treffen wir uns dann wieder mit Vodafone.

Das heißt, Sie werden auch zu einem Softwarekonzern?
Terium: Ich würde sogar einen Schritt weitergehen: Wir werden zu einem Datenmanagementkonzern. Denn der Strom wird immer günstiger, Wind weht gratis, und die Sonne stellt auch keine Rechnung. Wir leben in einer Welt des Überflusses. Deshalb braucht es neue Geschäftsmodelle auf Basis des Datenaustauschs über das Netz. Das ist genauso wie mit den Datenmengen bei Telekommunikationskonzernen. Was kostet heute ein Kilobyte oder Megabyte? Nichts, verkauft wird Bandbreite. Das kommt auch im Energiesektor. Die einzelne Kilowattstunde Strom ist fast nichts mehr wert.

Ihr Kernproblem in dieser neuen Welt ist doch, dass die Millionen von Kunden, die Sie heute haben, binnen weniger Klicks schon morgen weg sein könnten, weil sie zu einem anderen Anbieter wechseln.
Ametsreiter: Nein, unser Problem ist nicht, dass wir Millionen von Kunden verlieren könnten, sondern, dass wir Millionen von Kunden dazubekommen werden.


"Es ist spannend, was sich da entwickelt"

Das müssen Sie bitte erklären.
Ametsreiter: Jede Person in Deutschland hat heute bereits 1,4 Sim-Karten. Das heißt: Wir verbinden bereits mehr Maschinen als Menschen. Künftig wird jeder etwa zehn Dinge besitzen, die vernetzt sind und daher eine Sim-Karte haben. Das ist eine Versiebenfachung.

Dennoch: Wie wollen Sie die Oberhand an der Kundenschnittstelle behalten, Sie haben Dutzende neue Wettbewerber – vom Start-up bis hin zu Google?
Terium: Genau das ist das Spannende, und da tasten wir uns gerade heran. Das sind Konzepte, die noch unter das Prädikat „unter ferner liefen“ fallen, aber die eher schneller als langsamer kommen. Darauf wollen wir vorbereitet sein.
Ametsreiter: Was wir merken ist, dass plötzlich in Industrien, wo man das vorher nicht kannte, Software auftaucht. Wer hätte bitte gedacht, dass Telekommunikationsunternehmen einmal mit Autokonzernen kooperieren? Niemand. Das war vor zehn Jahren überhaupt kein Thema. Gibt es schon die perfekte, alles umfassende Plattform? Nein. Aber es ist spannend, was sich da entwickelt. Und wir wollen beide als Unternehmen nicht einfach abwarten, sondern die Zukunft aktiv gestalten – etwa mit unseren Straßenlaternen.

Schaffen Sie es wirklich nicht mehr, allein erfolgreich zu sein?
Ametsreiter: Diese Zeiten des Allein-Machens sind vorbei, das geht nicht mehr. Mehrwert wird heute darüber generiert, dass man verschiedenste Informationen miteinander verbindet. Das gelingt aber nur, wenn wir uns öffnen.
Terium: Die Zeiten, in denen Ingenieure sich etwas Tolles ausdenken und dann zehn Jahre im Verborgenen daran herumtüfteln, sind endgültig vorbei.

Ist die Digitalisierung und dieser Kooperationsgedanke wirklich schon bei Ihren Mitarbeitern angekommen?
Ametsreiter: Ja, das ist angekommen. Wir versuchen wirklich sehr stark zu digitalisieren. Wir setzen Messaging-Systeme ein und versuchen auch im Personalbereich neue Module einzusetzen, wo man über Video agiert. Da tut sich schon sehr viel.
Terium: Wir haben noch zu Zeiten von RWE im Jahr 2012 ein großes Kulturwandelprogramm aufgesetzt. Das war notwendig, weil sich die Welt drastisch geändert hat. Statt Strompreisen von 80 Euro hatten wir plötzlich Preise von 20 Euro, das bedeutet, dass jegliche Sicherheit verloren gegangen ist. Und dieser Kulturwandel dient dazu, den Leuten klarzumachen, dass wir aus der Komfortzone raus müssen. Auf dieser Grundhaltung haben wir Innogy aufgesetzt. Und heute kriegen wir Bewerbungen von Leuten, von denen wir früher nicht mal träumen konnten. Die wollen beim Wandel der Energiewelt dabei sein.


Mitarbeiter wegdigitalisieren

Digitalisierung ist ja auch ein gutes Vehikel, um die eigenen Strukturen schlanker aufzustellen. Wie viele Mitarbeiter werden Sie denn wegdigitalisieren?
Terium: In den nächsten Jahren werden sich viele Aufgaben verändern. In manchen Funktionen werden wir weniger Arbeitsplätze brauchen, aber wir werden in anderen Bereichen auch neue Arbeitsplätze schaffen und Mitarbeiter einstellen.
Ametsreiter: Natürlich werden wir weiter die Produktivität steigern, etwa indem wir Routinetätigkeiten automatisieren. Aber wir sind auch drauf und dran, neue Geschäftsbereiche aufzubauen. Wir suchen derzeit beispielsweise 60 Programmierer, zudem Big-Data-Experten und Leute für den Iot-Bereich. Das sind Sektoren, da wollen wir massiv hinein und wachsen – und so Zukunft gestalten.

Herr Ametsreiter, Herr Terium, vielen Dank für das Interview.

Vita Peter Terium

Der Manager: Als RWE-Chef spaltete der Niederländer den Energieriesen in zwei Teile. Die „grüne“ Tochter Innogy (Netz, Vertrieb, Ökostrom) führt er seit knapp einem Jahr selbst, die fossilen Kraftwerke hat er abgegeben.
Der Mensch: Entspannen kann der Vater von zwei Kindern am besten beim Yoga. Der 53-Jährige achtet auf eine bewusste Ernährung, isst kein Fleisch und hört gern Jazz, Rock und Klassik.

Vita Hannes Ametsreiter

Der Manager: Seit er im Oktober 2015 Chef der deutschen Vodafone geworden ist, positioniert Ametsreiter das Unternehmen als „Giga-Company“ – also als Telekomanbieter für hohe Geschwindigkeiten und Bandbreite. Der Mensch: Der 50-jährige Salzburger war vor seinem Ruf nach Düsseldorf Chef der Telekom Austria. Mittlerweile wohnt er mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in München.

Quelle:  Handelsblatt Online
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