Hannover Messe: Schaulaufen mit Barack und Angie

Hannover Messe: Schaulaufen mit Barack und Angie

, aktualisiert 25. April 2016, 13:03 Uhr
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Spektakel: Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama auf der Hannover Messe.

von Martin Wocher und Simon BookQuelle:Handelsblatt Online

Die Kanzlerin und der US-Präsident schlendern gut gelaunt über die Hannover Messe – und Journalisten und PR-Menschen sind gleichermaßen entzückt. Wenn da nicht das Freihandelsabkommen TTIP wäre.

HannoverSo hatte sich Angela Merkel (CDU) das wohl vorgestellt, als sie am Sonntagabend versprach, diese Hannover Messe werde Industrie 4.0 zum Anfassen bringen. Die Kanzlerin steht am Montagvormittag in Halle 11 des Messegeländes und besichtigt mit US-Präsident Barack Obama den Stand der Firmen Weidmüller und Kuka. Vor Merkel dreht ein Roboterarm seine Runden. „Dieser Roboter kann drahtlos Energie aufnehmen“, sagt Weidenmüller Chef Peter Köhler, 240 Watt werden über 0,5 Zentimeter übertragen.“

Merkel staunt. Doch dann kommt Kuka-Chef Till Reuter: „Und dieser Roboterarm reagiert außerdem auf Menschen. Fassen Sie mal an, Frau Kanzlerin.“ Merkel schaut ungläubig, traut sich aber dann doch, packt den drehenden Roboterarm, alle Gesichtsmuskel angespannt. Und tatsächlich, die Maschine bleibt stehen: „Das ist ja toll. Kann mir so einer künftig dann auch in der Küche beim Zitronenpressen helfen?“ Obama steht staunend daneben: „Impressive – Beeindruckend“, meint er dann. Kameras lösen aus, das Fernsehen hält drauf, die Journalisten jubeln – und die PR-Menschen der beiden Firmen auch. Visite gelungen.

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Der Messerundgang der Kanzlerin und der US-Präsidenten ist der Höhepunkt für die ausstellenden Firmen. Vor Wochen schon mussten sie sich um einen Besuch der beiden Staatschefs an ihrem Stand bewerben – schriftlich im Kanzleramt und im Weißen Haus. Die Stäbe von Merkel und Obama wollten dann lesen: Was macht ihren Stand besonders, warum steht ihre Firma gut für die deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen oder welches extraordinäre Fotomotiv können sie bieten? Zwei Stunden nehmen sich Merkel und ihr Gast, um insgesamt 13 Ständen die Aufwartung zu machen.

So testet Obama dann eine 3D-Brille, Merkel und der Präsident bestaunen ein Diner im 50er Jahre-Look – Sandwiches von Serviererinnen im Petticoat wollen sie dann aber doch nicht. Beim Anlagenbauer ABB lernen die beiden eine Motorsteuerung kennen, die auch alte Elektromaschinen noch zehn Prozent leistungsfähiger macht und beim Stuttgarter Kabelspezialisten Lapp nimmt es Obama fast im Basketball gegen einen Roboter auf – unglücklich nur, dass der Secret Service all die Bälle eingesammelt hat, auch Sicherheitsgründen. „Ich hätte das Ding besiegt, Angela“, bleibt dem Präsidenten also nur zu scherzen.

Gute Stimmung also beim Abschluss des öffentlichen Teils von Obamas Deutschlandbesuch. Am gestrigen Sonntag was der US-Präsident Mittags in Hannover gelandet und hatte die Stadt für 24 Stunden in Ausnahmezustand versetzt: 2.000 Gullydeckel wurden versiegelt, im Innenstadtbereich durften Kinder in einigen Straßen nicht zum Spielen in den Garten, aus manchen Vierteln verschwanden gleich ganz alle Papierkörbe und Streusandkisten, und das Gebiet um das Congress Centrum im Stadtpark wo am Abend die Eröffnungsfeier stattfand: eine einzige Hochsicherheitszone, sowieso.


„Ich werde ihr mal zeigen, wie man damit Golf spielt“

So wurde der Obama durch eine abgeriegelte Stadt gefahren, hinaus ins Schloss Herrenhausen wo er mit Merkel zusammentraf. Es folgte eine Pressekonferenz, in der sich beide mit Herzlichkeiten und Freundschaftsbekundungen nur so überboten: Beim Flüchtlingsthema, sagte Obama, sei „Angela auf der richtigen Seite der Geschichte.“ Die Kanzlerin sei eine verlässliche und loyale Partnerin und das Beste, was Deutschland passieren könne. „Außerdem hat sie einen sehr guten Sinn für Humor. Den zeigt sie nur nicht auf Pressekonferenzen wie dieser.“ Gelöstes Gelächter, auch bei Merkel.

Die so Gelobte revanchierte sich bei ihrem Gast auf der Eröffnungsfeier am Abend: „Lieber Barack: Wir lieben den Wettbewerb mit euch, aber wir gewinnen auch gerne“, sagte sie da. Deutschland könne auf eine starke Industrie bauen, den „Motor unserer Volkswirtschaft“. Eben die wolle sie mit dem transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP stärken: „Wir haben ein einzigartiges Zeitfenster, wenn es um TTIP geht. Wir kennen die Vorbehalte und die Ängste. Aber ich bin zutiefst überzeugt: wenn wir es richtig machen, die Zeit nutzen und sagen: Die Standards bleiben oder werden erhöht, wir können Globalisierung gestalten und nicht ihr hinterherlaufen, dann können wir in diesem Jahr noch einen großen Erfolg erzielen.“

Denn das ist natürlich der Grund hinter all den Schmeicheleien und Lobeshymnen: ein US-Präsident verteilt keine Komplimente umsonst, auch nicht am Ende seiner Amtszeit. Obama will mehr Engagement von Deutschland, nicht nur beim Verteidigungsbündnis Nato, vielleicht auch beim Kampf gegen den Islamischen Staat – und ganz sicher bei TTIP. Um das Abkommen noch in seiner Amtszeit fertig zu verhandeln, muss jetzt alles glatt laufen.

In Deutschland aber ist der Widerstand gegen TTIP der größte Weltweit. Auch am Samstag vor Beginn der Hannover Messe gingen wieder zehntausende Menschen auf die Straße. Sie haben das Gefühl, Europa und die USA verhandelten im geheimen ein Papier, das den Konzernen Klagen vor Geheimgerichten erlaubt, die Standards im Verbraucherschutz senkt und die öffentliche Sicherheit gefährdet.

Diese Bedenken wollen Merkel und Obama zerstreuen. Und so ist TTIP natürlich auch Thema beim Messerundgang. Prädestiniert für diesen Akt: Siemens. Joe Kaeser, Chef des Industrieriesen tritt auf, wirbt für die Digitalisierung der Industrie und das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP. Schließlich bietet er Siemens als Vorzeigeobjekt an, man sei ja schon seit über 100 Jahren in den USA, beschäftige dort gut 50.000 Mitarbeiter. Außerdem stünde Siemens wie kaum jemand für Industrie 4.0: „Viele befassen sich damit, aber nur wenige können es“, sagt Kaeser in gewohnt selbstbewusstem Ton. „Die Digitalisierung erhöht die Produktivität und den Wohlstand.“
Da kann der Präsident nur zustimmend nicken und sein Abschiedsgeschenk von Kaeser entgegennehmen, digital designed und produziert in einem der Siemens-Werke in den USA: ein Golfschläger mit dem Signet „Yes we can“. Obama, meint Kaeser noch, werde ja wahrscheinlich im kommenden Jahr nach dem Ende seiner Amtszeit mehr Zeit für den Golfplatz haben. Und weil auch Angela Merkel das ja irgendwann mal lernen muss, gibt es für die Kanzlerin gleich auch noch einen Golfbolzen. Ihrer trägt die Marke „Wir schaffen das“. Der US-Präsident schaut kurz zu ihr rüber: „Ich werde ihr mal zeigen, wie man damit Golf spielt.“ So schön kann die deutsch-amerikanische Freundschaft sein.

Quelle:  Handelsblatt Online
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