Hauptversammlung: Denkzettel für Führung der Credit Suisse

Hauptversammlung: Denkzettel für Führung der Credit Suisse

, aktualisiert 28. April 2017, 15:38 Uhr
von Ozan DemircanQuelle:Handelsblatt Online

Auf Druck von Aktionären musste die Schweizer Bank die Boni ihres Managements kürzen. Am Ende wurden die neuen Gehälter trotzdem nur mit dünner Mehrheit genehmigt. Der Sieg dürfte sich wie eine Niederlage anfühlen.

ZürichUrs Rohner hatte bei der diesjährigen Hauptversammlung der Schweizer Großbank Credit Suisse besondere Gäste zu begrüßen. Der Verwaltungsratschef des Unternehmens hieß in seiner Willkommensrede Studenten der Züricher Hochschule der Wirtschaft im Saal willkommen. Die jungen Frauen und Männer stehen kurz vor ihrem Abschluss eines Kommunikationsstudiums an der Universität – und wollten offenbar miterleben, welche Kommunikation nötig ist, wenn eigentlich alles andere falsch läuft.

Rohner wusste, worauf er sich beim Aktionärstreffen seiner Bank an diesem Freitag im Züricher Hallenstadion gefasst machen musste. Zwar hat die Großbank zuletzt viel unternommen, um ihren Kritikern Wind aus den Segeln zu nehmen. Das Top-Management verzichtet auf einen Teil seiner letztjährigen Boni. Am Mittwoch wurde schließlich auch dem langen Hin und Her um den Börsengang des Schweizer CS-Geschäfts ein Ende gesetzt. Stattdessen will Credit Suisse über die Ausgabe neuer Aktien bis zu vier Milliarden Franken einnehmen. Dieser Schritt könnte dazu führen, dass die „alten“ Aktien an Wert verlieren.

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In den vergangenen zwei Jahren häufte das Management einen Verlust von 5,7 Milliarden Franken an. Trotzdem wollte der Verwaltungsrat insgesamt 78 Millionen Franken an sich selbst und den Vorstand der Bank ausschütten. Alleine Vorstandschef Tidjane Thiam sollte insgesamt knapp zwölf Millionen Franken, zusammengesetzt aus Grundgehalt und variabler Vergütung, erhalten.

Nach heftigem Widerstand von Aktionären ruderte Verwaltungsratschef Rohner bei der geplanten Millionenausschüttung für die Chefetage zurück. Sie kürzte die schon beantragten Boni nachträglich um rund 40 Prozent. Später veröffentlichte sie einen neuen Vergütungsbericht, über den bei der heutigen Hauptversammlung abgestimmt worden ist. Statt rund 78 Millionen Franken (rund 73 Millionen Euro) zahlt die Bank demnach nur noch 48 Millionen Franken für leistungsbezogene Vergütung aus. Die Sensibilität in Entschädigungsfragen sei in diesem Jahr besonders hoch, sagte der Präsident des Verwaltungsrates, Urs Rohner.

Am Ende segneten die Groß- und Kleinanleger den neuen Vergütungsbericht ab, allerdings denkbar knapp. Gerade einmal knapp 58 Prozent stimmten dafür. Bei den weiteren Abstimmungen zu den Gehältern und Boni für das laufende Geschäftsjahr kam es zu keinen Überraschungen. Allerdings kann die CS-Führung mit den Ergebnissen alles andere als zufrieden sein. Die Honorare des Verwaltungsrats in Höhe von zwölf Millionen Franken kamen auf einen Ja-Anteil von 73 Prozent. Die kurzfristige variable Vergütung der Geschäftsleitung von insgesamt 17 Millionen Franken für das Jahr 2016 wurde mit 60 Prozent angenommen. Die langfristigen Boni für die Geschäftsleitung in Höhe von 31 Millionen Franken erhielten 74 Prozent Zustimmung.

Rohner, der mit 90 Prozent wiedergewählt worden war, versprach anschließend, sich künftig stärker mit der Vergütungspolitik auseinanderzusetzen. Das Abstimmungsergebnis nennt er „enttäuschend“. Bereits im vergangenen Jahr war die Zustimmung zum Vergütungsbericht mit 79 Prozent sehr niedrig. Für eine Entlastung des Verwaltungsrats stimmten am Ende 88 Prozent der Anleger, 98 Prozent für eine Absegnung des Bilanzgewinns und 95 Prozent für die vorgeschlagene Dividende von 0,70 Franken pro Aktie.

Die Aktionäre stören sich offenbar immer noch daran, dass Konzernchef Tidjane Thiam trotz eines Verlustes von 2,7 Milliarden Franken im vergangenen Jahr immer noch 10,2 Millionen Franken Gehalt bekommen soll. Viele Kleinanleger sowie Vertreterinnen und Vertreter von Interessengruppen hatten in ihren „Votum“ genannten Redebeiträgen zudem die Geschäftsleitung mehr oder weniger direkt angegriffen. Der Kleinaktionär Hermann Struchen, dessen Auftritte an Generalversammlungen von Schweizer Unternehmen geradezu legendär sind, erklärte, bei der jüngsten Kapitalerhöhung habe er noch mitgemacht. An der nächsten werde er sich aber vermutlich nicht beteiligen.


Die Führung taumelt schon ins nächste Fettnäpfchen

Die Kritik kam nicht nur von Kleinaktionären. Nicole Weidknecht, Vertreterin der Aktionärsgruppe Actares, forderte konkrete größere Kürzungen bei den Boni. Selbst große Stimmrechtsberater wie ISS und Glass Lewis empfahlen zuvor, mehrere Anträge des Verwaltungsrats abzulehnen. Klar war, dass große Ankeraktionäre wie die saudiarabische Olayan-Gruppe, der norwegische Staatsfonds oder der US-Fonds Harris Associates kaum gegen die CS-Führung stimmen würden.

Die Umweltorganisation Greenpeace schickte zwar ebenfalls eine Vertreterin an das Mikrofon. Das reichte den Aktivisten jedoch offenbar nicht. Kurz nach Beginn seiner Präsentation seilten sich Greenpeace-Aktivisten gleich über dem Kopf von Vorstandschef Tidjane Thiam von der Decke des Hallenstadions ab. Sie protestieren dagegen, dass sich die Bank an der Finanzierung von umstrittenen Pipelines in Nordamerika beteiligt. Thiam ließ sich von der Aktion zunächst kaum ablenken und bemerkte lediglich, jeder habe das Recht, seine Meinung zu äußern.

Wenn es nur ein Pipeline-Projekt wäre, mit dem sich der operative Chef der Bank herumschlagen muss. Doch Thiam und Verwaltungsratschef Rohner schreiten derzeit von einem Fettnäpfchen ins nächste. Erst am Mittwoch hatte die Bank bekannt gegeben, die anderthalb Jahre andauernde Planung eines Börsengangs der Schweiz-Tochter abzublasen. Auch finanziell sieht es nicht rosig aus. Zwar verdiente Credit Suisse im ersten Quartal dieses Jahres wieder Geld. Aber gerade der ärgste Konkurrent – die zweite Schweizer Großbank UBS – überraschte am Freitag mit einem Überschuss in Milliardenhöhe. Die von Ex-Bundesbankchef Axel Weber sowie Sergio Ermotti geführte Schweizer Großbank verdiente im ersten Quartal 1,3 Milliarden Franken und damit mehr als doppelt so viel wie Credit Suisse.

Und auch sonst kommt Credit Suisse aus den Schlagzeilen nicht mehr heraus. In Zusammenhang mit einer breit angelegten Jagd auf Steuersünder hatten zuletzt Ende März Behörden die Büros der Bank in London, Paris und Amsterdam durchsucht. Zuvor hatten niederländische Behörden Hinweise auf 55.000 verdächtige Konten einer Schweizer Bank erhalten. Doch auf diese Zahl kann sich die Credit Suisse keinen Reim machen. Das Institut habe im Vermögensverwaltungsgeschäft in Europa gar nicht so viele Konten, erklärte der Leiter des internationalen Vermögensverwaltungsgeschäfts der Bank, Iqbal Khan, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Trotzdem: Der Imageschaden war da längst vollzogen. Die Geschäftsleitung versuchte zu retten, was noch zu retten ist; zum Beispiel mit ganzseitigen Anzeigen in internationalen Medien wie der Financial Times: Credit Suisse verfolge gegenüber Steuerhinterziehung eine Nulltoleranzpolitik, hieß es in einer doppelseitigen Anzeige der zweitgrößten Schweizer Bank. Ähnliche Beteuerungen wurden in britischen, französischen und niederländischen Zeitungen abgedruckt.

Die knappe Zustimmung für die variablen Vergütungen der Geschäftsleitung dürften Rohner zwar kurzfristig Ruhe verschaffen. Er darf sich jedoch sicher sein, in Zukunft unter noch stärkerer Beobachtung zu stehen. Rohner ging zum Ende seiner Rede auf die Diskussionen um die Höhe der Boni für das Management ein. Er entschuldigte sich dafür, dass seine Sensibilität für das Thema – rückblickend betrachtet – nicht hoch genug gewesen sei.

Er vertrete folgende Meinung: Der einzige Unterschied zwischen dem Verwaltungsrat und den Kreisen, welche die Höhe der Vergütungen des Managements kritisierten, sei eigentlich die Einschätzung, ob eine im vergangenen Jahr ausgehandelte Milliardenstrafe in den USA bei der Berechnung der Boni berücksichtigt werden sollte oder nicht. Er meinte, solche Vorgänge, die das aktuelle Management von ihren Vorgängern übernommen hatte, sollte nicht deren Bezahlung belasten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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