Hauptversammlung des Versicherers: Auf dem Weg in die nächste Allianz-Ära

Hauptversammlung des Versicherers: Auf dem Weg in die nächste Allianz-Ära

, aktualisiert 03. Mai 2017, 13:51 Uhr
von Carsten HerzQuelle:Handelsblatt Online

Allianz-Chef Oliver Bäte legt gute Zahlen vor und versucht auf dem Aktionärstreffen, die Belegschaft zu beruhigen. Nicht jedem Mitarbeiter gefällt sein Kurs. Doch die Investoren bestärken ihn in seinem harten Kurs.

MünchenOliver Bäte weiß, was seine Anleger hören wollen. „Wenn man die tollen Zahlen der Allianz anschaut, könnte man leicht vergessen, wie schwierig das Umfeld ist“, ruft der 52-Jährige Vorstandschef des Münchener Versicherungsriesens Allianz den rund 3.200 versammelten Aktionären auf der Hauptversammlung des Konzerns am Mittwoch in der Olympiahalle zu.

Es sind selbstbewusste Worte, aber Bäte kann sie sich leisten. Wirtschaftlich steht der Konzern gut da, wie der Rheinländer kurz vor dem Treffen mit der Vorlage der Quartalszahlen noch einmal unterstreicht. So startet Europas größter Versicherer Allianz trotz höherer Katastrophenschäden besser ins Jahr als gedacht.

Anzeige

Doch auch für die rund 140.000 Mitarbeiter hat der Mann mit der Hornbrille und der hellen Falsettstimme eine Botschaft. „Der Wandel geht nur mit den Mitarbeitern“, ruft er den Aktionären zu. Die Beschäftigten würden „Großartiges“ leisten. Aber natürlich würde sich manch einer Gedanken angesichts des angeschobenen Umbaus machen. Der Vorstand sei sich der Herausforderungen bewusst und unterstütze die Belegschaft dabei, „Teil des Wandels zu sein und diesen aktiv zu unterstützen“. Denn der Konzern müsse sich anpassen, betont Bäte. Aber die Allianz agiere dabei aus einer Position der Stärke.

So lassen sich die Zahlen für das erste Quartal durchaus sehen. Der operative Gewinn stieg im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als neun Prozent auf 2,9 Milliarden Euro – und damit deutlich mehr als von Analysten erwartet. Der Überschuss sackte zwar wegen Einmaleffekten um 15 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro ab, übertraf aber ebenfalls die Erwartungen.

Bäte erneuerte vor diesem Hintergrund die Jahresprognose. Für das laufende Jahr erwarte der Konzern weiter einen operativen Gewinn von 10,3 bis 11,3 Milliarden Euro. Die Dividende werde aber nicht sinken, bekräftigte Bäte. „Wir versprechen Dividendenkontinuität.“

Die anwesenden Investoren freute das. Intern mag der Umbaukurs des Ex-McKinsey-Mannes zwar nicht jedem Mitarbeiter gefallen. Die meisten Anleger haben damit aber kein Problem. Daniela Bergdolt, Vizepräsidentin der Aktionärsschutzvereinigung DSW findet lobende Worte. „2016 war ein sehr gutes Jahr“, ruft sie den Anlegern zu. „Die Allianz strotzt vor Kraft.“

Auch Top-Investoren stärken Bäte den Rücken. „Der Konzernumbau und die Entschlackung der Holding ist richtig und notwendig und es darf dabei auch mal knirschen, solange die Motivation im Vertrieb und die Kundenzufriedenheit nicht leidet“, spricht Ingo Speich, Fondsmanager der Union Investment, einer der Top-10-Investoren des Versicherers, im weiten Rund der Münchener Olympiahalle in Richtung Podium.

Die digitale Transformation des Geschäftsmodells biete der Allianz enorme Chancen, weil es in der Versicherungswelt von morgen vor allem auf Größenvorteile und eine starke Marktstellung ankomme. „Lassen Sie sich nicht durch interne Widerstände von Ihrem Kurs abbringen“, fordert Speich.


Kein Versprechen, die Arbeitsplätze zu erhalten

Es ist ein Wandel, den Bäte so kraftvoll wie kaum ein anderer in der Branche in Deutschland vorantreibt. Innerhalb von gut zwei Jahren an der Spitze hat der Schnelldenker und -sprecher dem Versicherungsriesen eine neue Agenda unter dem Titel „Erneuerung und Kontinuität“ verordnet. Die Allianz soll damit moderner, flexibler und vor allem stärker auf den Kunden ausgerichtet werden. Zudem soll bis 2018 das Ergebnis je Aktie um durchschnittlich fünf Prozent steigen, die Eigenkapitalrendite auf 13 Prozent, die Dividende um mindestens fünf Prozent pro Jahr.

Nach zwei Jahren sieht sich der Konzernchef dabei gut auf dem Weg, auch wenn nicht alle Ziele bereits erreicht sind. Den Erhalt von Arbeitsplätzen will er trotz glänzender Zahlen jedoch nicht versprechen, ganze Managementebenen auf mittlerer Ebene will er streichen.

So sind die goldgeränderten Ziffern besser als die Stimmung bei manchem Mitarbeiter im Konzern. Bäte hat sich mit seinem Programm intern Feinde gemacht, die inzwischen versuchen, mit gezielten Indiskretionen den Chef ins Abseits zu stellen. Der Auftritt von Bäte in der Olympiahalle in München gilt darum nicht nur den Investoren. Er ist auch ein Zeichen an die eigenen Mitarbeiter.

Der häufig vergleichsweise leger gekleidete Topmanager erscheint im dunklen Anzug und gedeckter Krawatte – und ohne rote Turnschuhe, die er letztes Jahr als Werbung für einen konzernweiten Unternehmenslauf noch trug. Danach gab es für den Auftritt einige Häme, woraus Bäte offensichtlich gelernt hat. Es gibt sich konservativer – kann aber gleichwohl nicht ganz aus seiner Haut.

Manche Sätze von ihm hören sich weiter an wie aus dem Einmaleins eines Unternehmensberaters, der Bäte einst war: „Auch 2016 haben wir alle Werthebel weiter gestärkt“, ist so ein typischer Bäte-Satz. Doch vielleicht braucht es einen Mann mit dem scharfen Blick eines Prozessoptimierers, um die nächste Allianz-Ära zu begründen und dennoch das blaue Gen, das sie in München so gerne beschwören, weiterzupflegen.

Bisher ist die Allianz so etwas wie ein großer Dienstwagen: urdeutsch, premium, teurer und behäbig, dafür aber verlässlich und absolut vertrauenswürdig. Ein Image, mit dem man lange gut leben konnte. Aber der Sektor steht vor gewaltigen Herausforderungen. Sollte es Bäte tatsächlich gelingen, aus dem soliden Dienstwagen einen hippen Tesla zu bauen, hätte der Ex-Berater ein Meisterstück abgeliefert.

Für die Großinvestoren gibt es zu diesem Kurs keine Alternative: „Die Versicherungsbranche muss den Kunden im digitalen Zeitalter neu entdecken, sonst droht ihr früher oder später ein Angriff auf das Kerngeschäft durch Internetkonzerne wie Google, Apple, Facebook oder Amazon“, warnt Fondsmanager Speich. „Ein "Weiter so" ist keine Option!“ Oliver Bäte dürfte dies kaum anders sehen.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%