Headhunter: Wenn Roboter um Talente buhlen

Headhunter: Wenn Roboter um Talente buhlen

, aktualisiert 12. Mai 2016, 07:26 Uhr
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Im vergangenen Jahr haben die Experten vor allem Vertriebs- und Marketingmanager vermittelt.

von Bert FröndhoffQuelle:Handelsblatt Online

Die Branche der Personalberater wird von der Digitaltechnik aufgemischt. Ausgefeilte Suchsoftware, automatische Ansprache und Persönlichkeitsanalyse halten Einzug. Wird der klassische Headhunter bald überflüssig?

BonnPersonalberater sind kommunikationsfreudige Menschen. Sie können sich in Firmenkulturen und Menschen einfühlen, sind gute Zuhörer und verfügen über ein großes Netzwerk, aus dem sie Manager in neue Positionen vermitteln können. Eine Job, den nur ein Mensch machen kann. Meint man.

Doch auch in der Personalsuche sind Roboter auf dem Vormarsch. Etwa beim Heidelberger Start-up Instaffo. Die junge Firma entwickelt einen, wie sie es nennt, „vollautomatischen Headhunter für anspruchsvolle Jobs“. Kandidaten können dort ihr anonymisiertes und detailliertes Profil hinterlegen, Firmen geben ihre Jobangebote ein. Dann startet die von Instaffo entwickelte Software. „Unser Matching-Algorithmus gleicht Karrierewünsche und Stellenbeschreibung anonymisiert ab“, sagt Daniel Schäfer.

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Der 29-Jährige hat das Unternehmen gemeinsam mit Christoph Zöller gegründet. Rund 850.000 Euro sammelte sie Anfang Februar in einer ersten Runde von Investoren ein. Mit Hilfe ihrer Software sollen Firmen die erste Auswahlrunde von Kandidaten bis hin zum Interview per Algorithmus erledigen können. Ein herkömmlicher Headhunter, so verspricht Schäfer, sei dazu nicht mehr nötig.

Lange Zeit war das Headhunting ein reines Kopfgeschäft – Menschen suchen Menschen. Doch die Branche ist voll von der Digitalisierung erfasst: Die riesigen Datenmengen aus den sozialen Netzen, die detaillierten Profile auf Xing und Linkedin, die Spuren der Persönlichkeit im Internet – all das ist ein Goldschatz für die Personalsuche. Roboter mit lernender Software analysieren die Daten und spucken die ihrer Analyse nach besten Talente aus.

Dass die neue Technologie die Branche der Headhunter grundlegend aufmischen wird, davon sind auch die etablierten Anbieter überzeugt. „Aber sie wird nicht das persönliche Gespräch ersetzen. Kern unserer Dienstleistung ist Arbeit von Mensch zu Mensch“, sagt Wolfram Tröger, Gründer von Tröger & Cie sowie Chef des Personalberaterverbands im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU).

Tatsächlich hat Konkurrent Roboter dem Geschäft der Personalberater noch nicht erkennbar zusetzen können. Die Branche ist im vergangenen Jahr um annähernd sieben Prozent auf einen Umsatz von 1,8 Milliarden Euro gewachsen, wie es in einer am Mittwoch vorgestellten Branchenstudie des BDU heißt. Vor allem Vertriebs- und Marketingexperten wurden vermittelt. Und auch für dieses Jahr strotzen die Anbieter vor Optimismus.


Suchmethoden werden immer leistungsfähiger

Das liegt auch daran, dass sie längst nicht mehr nur die reine Personalsuche anbieten. Stark gewachsen ist beispielsweise das Geschäft mit so genannter Managementdiagnostik: Dabei nehmen die Berater bei ihren Kunden das Potenzial junger Manager unter die Lupe, etwas durch Interviews und Rollenspiele.

Doch die Kunden verlassen sich bei der Personalsuche längst nicht mehr nur auf die externen Berater, sondern nehmen diese selbst in die Hand. Sie greifen dabei auf eigene Datenbanken und Onlinedienste sowie auf Informationen aus den etablierten beruflichen Netzen wie Xing und Linkedin zurück.

Auch dafür schaffen die Programmierer immer leistungsfähigere Suchmethoden. Xing, eine Tochter des Medienkonzerns Burda, ist sich seines Datenschatzes bewusst und investiert weiter in Personalsuchtechnik. Der Onlinedienst übernahm Anfang April das Schweizer Start-up Buddy Broker für umgerechnet 2,9 Millionen Euro. Es verspricht, dass Firmen ihre Mitarbeiter sozusagen zu Headhuntern machen können.

Kernprodukt der Schweizer ist die automatisierte Empfehlungssoftware Eqipia. Mit ihrer Hilfe können Unternehmen analysieren, ob ihre Mitarbeiter über Xing mit interessanten Kandidaten verbunden sind, die auf eine freie Stelle im Haus passen würden. Eqipia schlägt den Mitarbeitern dann vor, doch mal bei dem Freund oder Kollegen nachzuhören ob Interesse besteht. Ein ähnliche Modell der Job-Empfehlung bietet die Münchener Softwarefirma Talentry an.

Dass die firmeneigenen Recruiting-Abteilungen den Personalberater komplett ersetzen werden, daran glaubt in der Branche niemand. Ab einer bestimmten Hierarchieebene würden die Konzerne stets externe Experten beauftragen, erläutert Regina Ruppert, Chefin von Selaestus Personal Management und Vizepräsidentin des BDU. „Wir machen die Übersetzungsarbeit, ob Kandidat und Unternehmen, Persönlichkeit und Firmenkultur wirklich zueinander passen.“


Roboter merken nicht, wenn sie übertreiben

Dabei setzen auch die etablierten Berater verstärkt auf die neuen Analyse-Möglichkeiten. Die Personalberatung Odgers Berndtson will nun unter dem Stichwort „Executive Serach 4,0“ die unendlich verfügbaren Daten im Netz systematisch für die Suche auswerten.

In Zukunft könnten den Berater dabei immer ausgefeiltere Systeme helfen: Schon heute liefert etwa eine einfaches Zusatzprogramm des Google-Browsers Chrome eine überraschend tiefe Personendarstellung: Das Add-on namens Chrystal greift dazu auf Daten aus verschiedenen beruflichen und privaten Netzen zurück. Intensiv arbeiten Technologiefirmen zudem an Spracherkennungs-Software, die ein Interview mit einem Jobkandidaten mithört und sich anschließend an einer Persönlichkeitsanalyse versucht.

„Der Erfolg einer Besetzung steht und fällt jedoch nach wie vor mit der persönlichen Ansprache und Auswahl der Kandidaten“, sagt Peter Herrendorf, Geschäftsführer von Odgers Berndtson in Deutschland. Das sieht Personalberater Tröger genauso: „Kein Mensch verrät einer Maschine das, was er einem Berater in einem intensiven Gespräch anvertraut.“

Einen Nachteil haben die Headhunting-Roboter auf jeden Fall: Sie merken nicht, wenn sie es übertreiben. Laut einer Umfrage des BDU steigt die Zahl derer rasant, die von ungezielten und überzogenen Job-Anfragen über soziale Netze genervt sind. Bei attraktiven Kandidaten landen schon mal wöchentlich bis zu 40 solcher Anfragen im Mail-Postfach.

Quelle:  Handelsblatt Online
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