Hedgefonds: Im Visier der Leerverkäufer

Hedgefonds: Im Visier der Leerverkäufer

, aktualisiert 04. März 2016, 11:23 Uhr
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Leerverkäufer verdienen an fallenden Aktienkursen.

Quelle:Handelsblatt Online

Die Attacke von Spekulanten auf die Aktie des TecDax-Schwergewichtes Wirecard verunsichert Anleger. Welche Unternehmen von Hedgefonds bevorzugt angegriffen werden – und wie Anteilseigner das frühzeitig erkennen.

FrankfurtEs ist ein skandalträchtiger Kurssturz am deutschen Aktienmarkt, der momentan wieder Wetten auf fallende Wertpapierkurse in den Fokus der Börsianer rückt – und vor allem Privatanleger verunsichert: Ein anonymer Autor wirft vergangene Woche dem Zahlungsabwickler Wirecard betrügerisches Geschäftsgebaren vor. Ein Onlinemedium berichtet darüber und die Aktie der Firma, die zu den wertvollsten Unternehmen im Technologieindex Tecdax gehört, bricht um rund ein Viertel ein.

Schnell wird klar: Hinter der fragwürdigen Studie des bis dato völlig unbekannten Analysehauses „Zatarra Research“ steht nach Einschätzung von Experten allem Anschein nach eine Attacke von Spekulanten. „Wir nehmen an, dass die Verbreitung des Berichts unseren Aktienkurs negativ beeinflussen sollte“, erklärte auch eine Unternehmenssprecherin von Wirecard.

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Während die Anteilseigner innerhalb eines Handelstages einen Verlust von insgesamt rund 1,3 Milliarden Euro verkraften müssen, erzielen sogenannte „Leerverkäufer“ hohe Gewinne.

Deren Vorgehensweise: Sie leihen sich bei anderen Marktteilnehmern Dividendenpapiere – vor allem bei Fonds -, um diese sofort wieder zu verkaufen. Sinkt der Aktienkurs wie geplant, können die im Fachjargon auch als „Shortseller“ bezeichneten Investoren die Titel später zu einem verbilligten Kurs zurückkaufen und dem Verleiher zurückgeben. Die Differenz zwischen dem Verkaufs- und dem gesunkenen Rückkaufskurs streichen die Leerverkäufer als Profit ein.


Große Fonds setzen auf fallende Kurse

Doch wer steckt hinter solchen Short-Attacken? Im Fall Wirecard gehörten dazu offenbar die unbekannten Hintermänner der dubiosen Analystenstudie mit dem „Kursziel null“ – aber nicht nur: Es gibt noch mehr Marktteilnehmer, die aus dem Absturz der Aktie einen Nutzen ziehen konnten – und die mit den größten Netto-Leerverkaufspositionen sind bekannt. So hat neben mehreren angelsächsischen Hedgefonds zuletzt etwa das „Canada Pension Plan Investment Board“ auf fallende Wirecard-Kurse gesetzt – also die kanadische Rentenkasse.

Hintergrund: In der EU müssen Investoren den Regulierern melden, wenn sie mehr als 0,2 Prozent des Aktienvolumens eines Unternehmens für Leerverkäufe halten. Überschreitet die Orders 0,5 Prozent des Volumens wird dies publik gemacht – in Deutschland ist das dann dem Bundesanzeiger zu entnehmen.

Einsehbar ist dort auch, welche Firmen die Leerverkäufer zuletzt ins Visier genommen haben: Vor kurzem hat beispielsweise Lazard Asset Management Leerverkaufspositionen in den Aktien von Heidelberger Druckmaschinen aufgebaut. Der New Yorker Hedgefonds-Riese hält nun 0,5 Prozent aller im Umlauf befindlichen Anteilsscheine, um auf fallenden Notierungen des früheren Dax-Konzerns zu wetten.

Insgesamt halten die Shortseller der bedeutenden Hedgefonds momentan Netto-Leerverkaufspositionen in Höhe von rund einem Sechstel aller Heidelberger Druckmaschinen-Aktien, wie aus den Informationen des Bundesanzeigers hervorgeht. Damit positionieren sich die beteiligten Investoren konträr zur aktuellen Einschätzung der zehn Analysten, die Heidelberger Druckmaschinen derzeit laut dem Informationsdienstleister Bloomberg unter der Lupe haben: Sämtliche Experte stufen die Aktie als "Kauf" ein.

Dazu zählen etwa die Strategen der Baader Bank, die am heutigen Donnerstag einen Studie veröffentlicht haben, in der sie dem Unternehmen eine sehr attraktiven Bewertung attestieren. Der Druckmaschinenhersteller bleibe einer der Sektorfavoriten unter den geringer kapitalisierten Unternehmen, so die Baader Bank-Analyse.

Und am vergangenen Mittwoch eröffnete die zum weltgrößten Hedgefonds „Man Group“ gehörende Gesellschaft „AHL Partners LLP“ ein Short-Engagement in den Aktien des Biotech-Spezialisten MorphoSys. Und am Freitag hat „BlackRock Investment Management“ seine Netto-Leerverkaufsposition bei Aktien des auf Geschäftskunden spezialisierten Telekom-Anbieters QSC auf 0,90 Prozent ausgebaut.

Blackrock Investment – der weltweit größte Vermögensverwalter – ist in Europas seit Jahren der größte Leerverkäufer. Das geht aus einer vor kurzem publizierten Studie der privaten Frankfurt School of Finance & Management hervor, in der öffentliche Daten über die größten Short-Positionen von November 2012 bis Ende 2014 analysiert worden sind. Auf Platz zwei folgt „AQR Capital Management“ – dieser Hedgefonds hatte seit vergangenem Monat unter anderem 0,5 Prozent aller Wirecard-Aktien zu Leerverkaufszwecken gehalten.


Welche Firmen ins Beuteschema der Short-Seller fallen

Wirecard war in der Vergangenheit schon häufiger Ziel von Anschuldigungen, die den Aktienkurs einbrechen ließen. Das Unternehmen, das sich als ein führender Dienstleister im Bereich der bargeldlosen Bezahlsysteme präsentiert, sah sich wiederholt Behauptungen über Geldwäsche und Bilanzmanipulationen konfrontiert. 2010 war der Kurs nach dem Vorwurf illegaler Geldtransfers zeitweise um rund ein Drittel eingebrochen. Zwei Jahre zuvor hatte ein Streit mit der Aktionärsschützervereinigung SdK für Aufregung gesorgt.

Maßgeblicher Grund dafür, dass sich Leerverkäufer immer wieder auf Wirecard einschießen, dürfte Fachleuten zufolge sein, dass Geschäftsmodell und Zahlenwerk des Unternehmens zu komplex sein. Vor allem immer neue Akquisitionen von Zahlungsanbietern auf der ganzen Welt haben die Transparenz der Bilanz seit der Börsennotierung 2005 reduziert – und rufen Kritiker auf den Plan.

Damit scheint der Tec-Dax-Wert dem Beuteschema vieler Leerverkäufer zu entsprechen: „Einige der besten „Shorts“ sind natürlich jene Firmen, deren Management unethish oder krumm agiert“, sagte Carson Block, einer der international derzeit prominentesten Leerverkäufer, kürzlich auf einer Fachtagung in New York. Bekannt geworden ist der US-Hedgefonds-Manager vor allem für mehrere erfolgreiche Attacken gegen chinesische Firmen, die er als betrügerisch oder überbewertet eingestuft hatte.

Aktuell richten sich die Aktivitäten seines Hedgefonds Muddy Waters Research vor allem gegen europäische Firmen. Darunter etwa TeliaSonera, eine in Finnland und Schweden führende Telekom-Firma sowie der französische Supermarktbetreiber Casino Group, dessen Aktie Block wegen einer zu hohen Schulden langfristig einbrechen sieht.

Shortselling war hierzulande lange Zeit ausschließlich Profis vorbehalten. Inzwischen können aber auch Privatanleger über einige Online-Broker mit geliehenen Wertpapieren auf fallende Kurse wetten. In Krisenzeiten gelten diese umstrittenen Geschäfte immer wieder als Brandbeschleuniger – und werden von den Regulierer oft vorübergehend untersagt. Die ohnehin fallenden Kurse würden durch Leerverkäufe weiter nach unten getrieben. So hatte zuletzt China während des jüngsten Crashs solche Börsengeschäfte verboten.

Im Börsenkrimi um Wirecard richten sich die Schuldzuweisungen inzwischen nicht nur gegen die vermuteten Hintermänner der Studie, die den Aktienkurs zum Einbruch brachte: "Wie kann es sein, dass alle anderen Journalisten nach wenigen Klicks im Internet wussten, dass es sich bei der vernichtenden Analystenstudie um ein Fake handeln muss - der Autor des "Alphaville"-Blogs aber offensichtlich nicht?" Diese Frage habe Wirecard der Chefredaktion des Blogs übermittelt, der zur "Financial Times" (FT) gehört - das sagte ein Firmensprecher dem Handelsblatt. Man behalte sich rechtliche Schritte gegen die Verantwortlichen vor.

Quelle:  Handelsblatt Online
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