Hell's Kitchen in New York: Wo die Hölle am schönsten ist

Hell's Kitchen in New York: Wo die Hölle am schönsten ist

, aktualisiert 24. April 2017, 21:47 Uhr
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Die Bar gehört dem Sohn eines bekannten irische Ganoven.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Keiner weiß genau, warum der New Yorker Stadtteil zwischen Times Square und Hudson River „Hell's Kitchen“ genannt wird. Aber Zufall ist es sicherlich nicht. Die Gegend hat einen gruseligen Ruf. Eine Weltgeschichte.

New YorkAls wir an Mr. Biggs, Ecke 43. Straße und zehnte Avenue, vorbeilaufen, sagt eine amerikanische Freundin zu mir: „Dort haben sie Leute umgebracht und in kleine Stücke geschnitten, um sie dann besser entsorgen zu können.“ Heute ist die Bar für meinen Geschmack zu cool und die Musik zu laut, ich habe mich nur einmal hinein verirrt. Früher war sie als „Club 596“ bekannt – benannt nach der Hausnummer auf der Avenue, und sie war eine Stammkneipe der „Westies“, der irischen Mafia, die Jahrzehnte lang westlich vom Times Square ihre schmutzigen Geschäfte betrieben hat.

Ein Block weiter westlich lag bis 2015 der „Market-Diner“, der inzwischen leider abgerissen wurde. Es war ein schönes, einstöckiges Gebäude aus den 60er Jahren, das von einem David-Hopper-Gemälde stammen könnte und mich an die Hemingway-Story „A clean, Well-lighted Place“ erinnert hat. Dort habe ich häufiger an der Theke ein Bier getrunken. Regelmäßig standen die Autos oder die Harleys der New Yorker Polizei vor der Tür. Taxifahrer machten ebenfalls dort Station, weil das Restaurant 24 Stunden geöffnet hatte. Diane Keaton soll häufiger zu Gast gewesen sein. Und früher war es auch ein Anlaufpunkt für die Westies.

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Etwas weiter nördlich liegt eine Bar mit dem Namen „Mickey Spillane“, benannt nach einem der bekanntesten irische Ganoven, der 1977 von der italienischen Mafia umgelegt wurde. Einer seiner Söhne heißt auch Mickey Spillane und ist Rechtsanwalt; die Bar der gehört der Familie.

Willkommen in Hell’s Kitchen. Keiner weiß genau, warum der Stadtteil zwischen Times Square und Hudson River so genannt wird. Aber dass „Hölle“ im Namen vorkommt, ist sicher kein Zufall. Diese Gegend, auch die 43. Straße, wo ich wohne, war bis in die 80er Jahre hinein eine der gefährlichsten Ecken New Yorks. T.J. English, der selber aus einer irischen Arbeiterfamilie stammt, hat in seinem Buch „Westies“ die Geschichten der Betrüger, Erpresser, Entführer und Mörder beschrieben, die hier ihr Unwesen trieben.

Im Club 596 und an anderen Plätzen wurden tatsächlich Leute umgebracht und anschließend fachgerecht zerstückelt, um sie in Plastiktüten verpackt im East River zu versenken. Wer sich bei der Operation übergeben musste, wurde von den anderen ausgelacht. Einer der Gauner hatte im Gefängnis das Metzger-Handwerk gelernt und seinen Kumpels weiter vermittelt. Nicht alle Leichen wurden so umsichtig entsorgt. Manchmal blieben sie auch auf der Straße liegen, eine flog aus einem Hochhaus heraus auf die 10. Avenue. Ein anderer Mord wurde praktischerweise gleich in einem Beerdigungsinstitut ausgeführt.

Die irische Mafia war zwar lange nicht so groß wie die italienische, aber mindestens so brutal. Der spätere Bürgermeister Rudy Giuliani, damals noch Staatsanwalt, war maßgeblich daran beteiligt, die Täter ins Gefängnis zu bringen, soweit sie überlebt hatten.


Horror-Flair der wohlig-gruseligen Art

Hell’s Kitchen war damals eine eigene Welt. Geprägt von den Iren. Die Leute kannten sich, hielten zusammen, vor allem gegen die Polizei, aber brachten sich oft auch aus nichtigem Anlass gegenseitig um. Rauschgifthandel kam erst später in Mode. Lange Zeit ging es eher um Glücksspiel oder um kleine Darlehen, die bei Todesstrafe zurückzuzahlen waren. Hin und wieder entführte man auch Geschäftsleute und ließ sie nach Zahlung einer Geldsumme wieder frei. Gauner entführten, betrogen und erpressten sich gegenseitig, und später kam es zur tödlichen Rache. Die Ehre verbot es, zur „Ratte“ zu werden, die anderen zu verpfeifen, aber genau das ist am Ende passiert und hat zum Untergang der Bande geführt.

Alles war mit allem verbunden. Mickey Spillane heiratete in der katholischen „Sacred-Heart“-Kirche eine Tochter aus der McManus-Familie, die die Politik des Stadtteils bestimmte. Die Gewerkschaften zweigten Gelder ab und verschafften den Banditen Jobs, bei denen sie nicht einmal zur Arbeit erscheinen mussten. Der Bau des Javits Centers an der elften Avenue, einer großen Kongress-Halle, in der Hillary Clintons Siegesfeier im November dann doch nicht stattfind, war auch für die irische Mafia ein großes Geschäft, bei dem sich allerlei illegal beiseiteschaffen ließ.

Die Horrorgeschichten prägen bis heute den Ruf von Hell’s Kitchen, aber auf die wohlig-gruselige Art, die man bei der Lektüre von Krimis empfindet. Ich kenne Leute, die die raue Zeit noch erlebt und Freunde durch Mord verloren haben. Ansonsten ist die Gegend heute gerade auf dem Weg von einem alten, unordentlichen zu einem modernen, teuren Stadtteil. Es gibt noch die Kneipe „Rudy’s aus dem Jahr 1919, in der angeblich schon Norman Mailer gebechert hatte. Das Bier ist gut und kostet nur drei Dollar, deswegen fallen am Wochenende Scharen junger Leute ein. Insgesamt liegen wahrscheinlich mehr als 50 Bars und Restaurants weniger als zehn Minuten zu Fuß von meiner Wohnung entfernt. Zwei Hochhäuser in meiner Straße sind von Schauspielern und Musikern bewohnt. Sie wurden in den 70ern gebaut, waren aber wegen des schlechten Rufs der Gegend nicht teuer zu vermieten und wurden daher in Sozialwohnungen für weniger bemittelte Künstler umgewandelt. Und die meisten Künstler in New York sind weniger bemittelt.

Weiter westlich wurde aber gerade ein spiegelnder Wohnblock mit über 1000 Apartments hochgezogen, und die sind richtig teuer. Mein Stamm-Café, das Cup Cake Cafe auf der neunten Avenue, ist leider geschlossen worden. Es stammte noch aus den 80ern, der Kaffee war gut und billig, und Mike, der Chef, erzählte mir manchmal was über Fußball, weil er dachte, alle Deutschen kennen sich da aus. Jetzt gibt es fast nur noch Cafés, wo man in der Gesellschaft von autistisch in ihre Laptops oder Smartphones vertieften Leuten auf unbequemen Barhockern aus Pappbechern seinen Kaffee trinkt.

In diesem Stadtteil gibt es alles: arme Leute, reiche Leute, relativ wenige Familien und relativ viele Schwule, Imbissbuden, feine Restaurants, schräg gegenüber von meiner Wohnung zwei Theater. Vor meiner Wohnung wurde der Film „Birdman“ gedreht, der später den Oscar bekam, mein Schlafzimmerfenster ist für einen kurzen Moment zu erkennen. Am Ende meiner Straße, unten am Hudson, liegt der Flugzeugträger „Intrepid“ als Museumsschiff. Vom Pier aus, der in den Fluss hineinragt, konnte man noch vor wenigen Jahren das Empire State Building sehen, jetzt ist die Sicht verbaut mit neuen Glaskästen. Aber immer noch ist in der Nacht der Blick zurück auf die erleuchtete Stadt großartig, oder hinüber nach New Jersey, oder nach rechts, wo in der Ferne die gewaltige George-Washington-Brigde mit ihren 14 Fahrspuren auf zwei Etagen zu sehen ist.

Das ist Hell’s Kitchen, heute wahrscheinlich die schönste Hölle der Welt. Die gleichnamige Serie, die auf Netflix zu finden ist, hat wenig mit dem Stadtteil zu tun, aber lebt von dem früheren, gruseligen Ruf der Gegend. So ist das in New York: Die Gegenwart ist harmlos im Vergleich zur Vergangenheit, aber verliebt in den rauen Charme der Zeit, als die Mörder noch ihr Unwesen trieben und dabei derbe Witze machten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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