Hierarchievorstellungen in Thailand: Wenn Stewardessen in die Knie gehen

Hierarchievorstellungen in Thailand: Wenn Stewardessen in die Knie gehen

, aktualisiert 14. September 2016, 18:18 Uhr
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Eine Mitarbeiterin der Fluggesellschaft machte einen Kniefall nach einer Kundenbeschwerde. In sozialen Medien war später von moderner Sklaverei die Rede.

von Mathias PeerQuelle:Handelsblatt Online

Thailands Gesellschaft ist zutiefst hierarchisch. Doch als eine Air-Asia-Stewardess vor einer verärgerten Passagierin in die Knie geht, löst dies einen Shitstorm aus. Schließlich schaltet sich sogar der Konzernchef ein.

BangkokBei den Deutschen bleibt der Kniefall meist den großen historischen Momenten vorbehalten: Willy Brandt in Warschau, Heinrich IV. in Canossa. In Thailand ist die symbolträchtige Geste dagegen fester Alltagsbestandteil: Kinder fallen ihren Eltern und Lehrern vor die Füße, Gläubige den Mönchen und Premierminister gehen vor dem König auf die Knie. Hierarchisches Denken ist in der Kultur des südostasiatischen Landes fest verankert. Doch die Frage, wie viel Unterwürfigkeit wirklich sein muss, sorgt neuerdings für hitzige Diskussionen.

Ausgelöst wurde die nationale Kniefall-Debatte durch einen Vorfall bei der Billig-Airline Air Asia. Eine Passagierin beklagte sich nach dem Flug nach Phuket darüber, dass eine Flugbegleiterin ihre Tochter schlecht behandelt habe. Gelöst wurde das Problem schließlich auf thailändische Art: Im Beisein ihrer Vorgesetzten verneigte sich die Air Asia-Mitarbeiterin auf Knien vor der Tochter der aufgebrachten Dame, den Kopf bis zum Boden vorgebeugt – so als sei die Kundin wirklich König.

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Berichte über den Zwischenfall kursierten zunächst in sozialen Medien und wurden später von Air Asia bestätigt. Obwohl die Fluggesellschaft die Mitarbeiterin nach eigenen Angaben nicht zum Kniefall zwang, gab es in den sozialen Medien einen Empörungssturm. Die Sklaverei sei in Thailand längst abgeschafft, hieß es dort. Im Jahr 2016 solle sich niemand mehr bei seiner Arbeit vor Fremden auf den Boden werfen müssen.

Andere kritisierten den Kniefall von Phuket, da sie ihn als unangemessen hielten: Die Flugbegleiterin habe vermutlich vor einer deutlich jüngeren Person knien müssen – und das sei ein eklatanter Verstoß gegen die allgemeinen Hierarchievorstellungen. Alter spielt in Thailand eine große Rolle. So bringt man den traditionellen Gruß Wai nur Älteren entgegen. Die Anrede hängt davon ab, ob der Gesprächspartner älter oder jünger ist als man selbst.

Die Einpassung ins Hierarchiegefüge fällt vor allem Ausländern in Thailand oft schwer, meint Rachawit Photiyarach, der an der Kasetsart-Universität in Bangkok interkulturelle Kommunikation lehrt. Kritik an Vorgesetzten ist seiner Meinung nach ein besonders heikles Thema. Während im Westen jede Stimme zähle, müsse man in Thailand erst Alter, Rang und sozialen Status bedenken, bevor man den Mund aufmacht. Der Chef werde nur äußerst selten hinterfragt.

Das Problem kenne ich ganz gut. Ich bin Anfang 30 und wenn ich Interviews mit Firmenchefs führe, habe ich es meistens mit Älteren zu tun. Übertriebenen Respekt kann man sich als Journalist aber nicht leisten – wer einen guten Artikel schreiben will, muss unabhängig von Alter und Status seines Gegenübers kritische Fragen stellen. Das Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Kulturen bekam ich vor ein paar Monaten beim Gespräch mit einem Konzernchef zu spüren. Meine Fragen machten ihn so wütend, dass er das Interview vorzeitig abbrach. Zu Gesprächsbeginn hatte er erklärt, dass ich seiner Meinung nach überraschend jung sei.

Der Vorfall bei Air Asia zeigt aber auch, dass sich auch in Südostasien längst nicht alle Chefs für unfehlbar halten. Nachdem der Kniefall der Stewardess in allen großen Medien Schlagzeilen machte, schaltete sich Konzernchef Tony Fernandes ein und suchte das Gespräch mit der Belegschaft. Entschuldigen musste sich offenbar niemand bei ihm und zu Füßen werfen erst recht nicht. „Wir brauchen für solche Fälle bessere Prozeduren“, schrieb Fernandes stattdessen hinterher auf Facebook mit Blick auf Kundenbeschwerden Er stellte sich vor seine Mitarbeiter. „Es war mein Fehler. Ich bin der Chef.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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