Hillary fährt U-Bahn, Bernie zum Papst: Nervenkrieg um die Frauen im US-Wahlkampf

Hillary fährt U-Bahn, Bernie zum Papst: Nervenkrieg um die Frauen im US-Wahlkampf

, aktualisiert 09. April 2016, 17:24 Uhr
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Der Milliardär und Republikaner Donald Trump will Präsident werden – und dafür ist ihm fast jedes rhetorische Mittel recht. Das zeigt er bei jedem Auftritt und bei jedem TV-Duell. Seine Behauptungen polarisieren und sind oft mehr als zugespitzt. Auch seine republikanischen Kontrahenten stellen Behauptungen auf. Doch was daran ist eigentlich wahr? Wir dokumentieren acht Aussagen aus dem vergangenen TV-Duell und checken sie auf ihren Wahrheitsgehalt.

von Axel PostinettQuelle:Handelsblatt Online

Die Nerven liegen blank. Nach einer turbulenten Woche versucht Hillary Clinton Ruhe in den Wahlkampf zu bringen und die dringendsten Probleme anzugehen: Die Frauen und New York. Doch Sanders zieht noch eine Trumpfkarte.

San FranciscoEs ist zum Haare raufen: Lächelnd bahnte sich Hillary Clinton Anfang April auf einer Wahlkampfveranstaltung den Weg durch Unterstützer, schüttelte Hände, als ein junge Frau sie auf den Klimawandel ansprach und darauf, dass sie Spendengelder von der Öl- und Kohle-Industrie nehme. Der sonst so beherrschten 68-jährigen platzte da unvermittelt der Kragen, „Ich bin es so leid“, fuhr sie die verschreckte Frau lautstark und mit fuchtelndem Zeigefinger vor der Nase an, „Ich bin es so leid, wie die (Bernie) Sanders-Truppe über mich lügt.“

Dann ließ sie die Fragestellerin einfach stehen, die sich später als junge Greenpeace-Aktivistin herausstellte, nicht als Sanders-Mitarbeiterin. Mittlerweile verzeichnet ihr Ausraster 2,5 Millionen Views auf Youtube. Die Großmutter Hillary, so sieht es aus, lässt sich nur ungerne von ihrer Enkeltochter belehren.

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Es steht viel auf dem Spiel für Hillary Clinton, und die vergangenen zwei Wochen waren nicht gut. Sie hat sich mit jungen Frauen angelegt, mit Bernie Sanders ein hitziges Fernduell über ihre Befähigungen zur Präsidentin geleistet und war am Donnerstag ganz volksnah zwei Stationen mit der New Yorker U-Bahn gefahren. Bernie Sanders dagegen hatte wenige Tage zuvor in einem Park eine Rede gehalten und über 18.000 Menschen angezogen. Das war zwei Tage lang Thema in New Yorks Zeitungen und TV-Sendern.

Dabei ist Hillary Clinton eigentlich kampferprobt. „Flotus” – First Lady of the United States – war sie schon einmal. Und sollte sie als „Potus“ – President of the United States – in das Weiße Haus einziehen, wird die Welt sich an ein an ein neues Kürzel gewöhnen müssen. Bill Clinton wird dann der erste “Fhotus”: Der First Husband of the United States.

Doch bis es soweit kommt, gibt es noch einige Hürden zu überwinden. Eine davon sind die Frauen in den USA. Denn viele haben eine Abneigung gegen die frühere First Lady und Außenministerin. Als sie ihren Wahlkampf begann, führte sie insgesamt noch mit 50 Punkten Vorsprung vor dem unbekannten 74-jährigen Senator Sanders aus Vermont. Jetzt sind es, je nach Umfrage, noch zehn oder zwölf Punkte: 53 Prozent Clinton gegen 42 Prozent Sanders. Das nicht zuletzt, weil besonders die jungen Menschen sich Sanders zuwenden.

Das Problem zeichnete sich schon sehr früh ab, als ihr der einzige parteiinterne Konkurrent, Bernie Sanders, eine schmerzhafte Niederlage in New Hampshire bereitet hatte. Vor allem jüngere Frauen unter 45, zeigten die Wahlanalysen, hatten sich dem bekennenden „demokratischen Sozialisten“ zugewandt. Und das, obwohl Clinton ihren Kampf für die Rechte der Frau als zentralen Punkt ihrer Kampagne verkündet hat.

Wie gespannt das Verhältnis ist, das zeigte nicht zuletzt Madeleine Albright. In den ersten Tagen des Wahlkampfs fiel die 78-jährige mit einem witzig gemeinten Spruch unangenehm auf: „Es gibt da einen besonderen Platz in der Hölle für die Frauen, die sich nicht gegenseitig helfen“, ließ sie auf einer Wahlkampftour für Hillary Clinton Anfang Februar durchblicken, kaum verholen an junge Frauen gerichtet, die Sanders unterstützten.

Doch die Reaktionen auf den Ulk waren heftig. Vor allem jüngere demokratische Wählerinnen sind nicht mehr bereit, sich auf einfach gestrickte „Feminismus über alles“-Parolen a la Alice Schwarzer einzulassen. Auch eine Frau muss es sich verdienen, als Präsidentin gewählt zu werden.

Albright bezeichnete später ihren Witz als „unangemessen“, aber es war zu spät. Eine Umfrage von WSJ und NBS im Februar brachte alarmierende Ergebnisse. Ihr einstmals erheblicher Vorsprung bei den Wählerinnen von insgesamt von 77 Prozent gegenüber Sanders war da bereits auf 58 Prozent gesunken. Hauptsächlich, weil sie junge Frauen weniger überzeugen kann. Zusammengefasst, so die Umfrage, führt Sanders bereits bei Frauen unter 50 und Clinton nur noch bei den über 50-Jährigen.


Clintons verspielt ihren Vorsprung

Und jetzt kommt New York. Die Wahlheimat von Clinton und Geburtsort von Sanders. Kevin Chavous, strategischer Berater der demokratischen Partei, glaubt, dass mit einem Sieg von Bernie Sanders in New York am 19. April das Rennen „wieder völlig offen“ ist, wie er auf dem Sender Fox News erklärte. In Bundesstaat New York werden 247 Delegiertenstimmen vergeben. Sanders hat sechs Siege in Folge, der Gewinn in New York wäre ein massiver Schlag gegen Clinton und dann folgen Staaten wie Pennsylvania und das liberale und widerspenstige Kalifornien.

Revoluzzer wie Sanders sind hier gut gelitten. Eine Studie von RealClearPolitics, basierend auf dem Durchschnitt mehrerer Umfragen von Mitte März 2016, zeigte zudem eine klare Mehrheit von 53,5 Prozent der Befragten, die den Saubermann Sanders klar gegen Donald Trump siegen sehen würden. Hillary Clinton kämpft noch immer mit Redehonoraren in sechsstelliger Höhe, Stiftungsfinanzierungen von Ländern, die Frauenrechte mit Füßen treten und ihrer unseligen Email-Affäre.

Was wird nun mit New York? Die renommierte Quinnipiac-Universität zeigt für Clinton in ihrer jüngsten Umfrage zwar noch einen Vorsprung von 22 Punkten bei den demokratischen Wählerinnen in New York. Aber der Vorsprung schmilzt kontinuierlich und mit dem enormen Rückenwind aus sieben gewonnenen Vorwahlen könnte Sanders das Blatt wenden.

Der gebürtige New Yorker brachte bei seinem Wahlkampfauftritt in einem Park in der South-Bronx 18.000 Unterstützer auf die Beine. Und erstmals schien auch die Demografie gemischter zu sein. Der besonders bei weißen und jungen Wählern beliebte Politiker brachte im politischen Woodstock in New York erkennbar auch mehr Latino- und Afroamerikanische Wähler. Nicht zuletzt ihre extrem starke Position bei diesen Wählergruppen hatten ein noch deutlicheres Abrutschen der Zustimmungswerte von Hillary Clinton verhindert. Schafft Sanders hier das gleiche Wunder wie bei den weiblichen Wählern, wird der Kampf für Clinton noch härter als bisher.

Am Freitag setzt des dann noch den jüngsten Tiefschlag. Bernie Sanders hat eine Einladung in den Vatikan bekommen, um am 15. April auf einer Konferenz über den moralischen Kapitalismus zu sprechen. Sanders hält große Stücke auf den Papst, wie das Kirchenoberhaupt setzt er sich stark für eine Reduzierung der Einkommens- und Vermögensungleichheit auf der Welt ein und fordert bezahlten Urlaub für Mütter. Themen, die bei der christlich-liberalen weiblichen Wählerschaft in New York gut ankommen. Und auch bei der stark christlich geprägten spanischen Wählerschaft.

Bislang ist zwar kein direktes Treffen mit dem Papst geplant, aber die Wirkung der Reise ist nicht zu verkennen. Die Konferenz liegt zudem nur einen Tag nach der großen TV-Debatte der beiden Streithähne im New Yorker Hip-Stadtteil Brooklyn und vier Tage vor der vorentscheidenden New-York-Wahl.

Da hilft es auch nicht gerade, dass Hillary Clinton, die Frau des Volkes, es erst beim fünften Anlauf geschafft hatte ihre U-Bahn-Karte zu entwerten und durch das Drehkreuz zu marschieren.

Quelle:  Handelsblatt Online
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