Hinkley Point C: Neues Atomkraftwerk wird zum Milliardengrab

Hinkley Point C: Neues Atomkraftwerk wird zum Milliardengrab

, aktualisiert 03. Juli 2017, 20:30 Uhr
von Kerstin LeitelQuelle:Handelsblatt Online

Der Flughafen BER sorgt im Ausland nicht selten für Schadenfreude. Dabei spielt sich im Südwesten Englands ein ähnliches Drama ab: Das Atomkraftwerk Hinkley Point droht für den Energiekonzern EDF zum Fiasko zu werden.

LondonEs war ein Projekt, das von Anfang an von allen Seiten heftig kritisiert wurde: Der Bau des Atomkraftwerks Hinkley Point C an der Südwestküste von England. Erstmals seit 20 Jahren und zum ersten Mal seit der Katastrophe im japanischen Fukushima im Jahr 2011 sollte in der Europäischen Union wieder ein solches Kraftwerk gebaut werden. Ein Milliardenprojekt.

Der Bau dieser zwei Atomreaktoren sei eine „wichtige strategische Entscheidung“, erklärte der britische Wirtschaftsminister Greg Clark. Eine neue Welle an Investitionen in Nukleartechnik sollte das Projekt Hinkley Point auslösen und der britischen Wirtschaft „immensen Schub“ geben.

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Nur wenige Monate nach Baubeginn ist klar, wie das zu verstehen ist: Die Kosten für das Atomkraftwerk mit zwei Druckwasserreaktoren in der Grafschaft Somerset schießen in die Höhe. Der Zeitplan für den Bau ist schon jetzt, Jahre vor der geplanten Fertigstellung der Meiler, nicht einzuhalten. Eine Blamage – allerdings in erster Linie für den französischen Energiekonzern EDF.

Denn der Konzern, der mehrheitlich dem französischen Staat gehört, ist der größte Investor des Projekts. EDF muss für zwei Drittel der Kosten aufkommen. Ein Drittel steuert der zweite Investor bei, der chinesische Partner China General Nuclear Corporation (CGN).

Der gemeinsame Bau des Atommeilers in Großbritannien war eine Win-win-Situation, so schien es auf den ersten Blick. Das französische Unternehmen freute sich über den Milliardenauftrag zu einer Zeit, als Deutschland den Ausstieg aus der Atomkraft durchsetzte, Italien ein geplantes Atomprogramm gestrichen und Frankreich eine Verringerung seiner Abhängigkeit vom Atomstrom angestrebt hatte. Die chinesischen Partner hofften, durch die Zusammenarbeit einen Fuß in den britischen Markt zu bekommen.

Und die Briten rechneten damit, dass Hinkley Point die nächsten 60 Jahre sieben Prozent des Energiebedarfs decken und 26.000 Arbeitsplätze schaffen könnte. Großbritannien will bis 2025 alle Kohlekraftwerke abschalten, um seine Klimaschutzziele einzuhalten. Gas und Kernenergie soll die Lücke zu dem tatsächlichen Verbrauch schließen.

So setzte sich die britische Regierung über Kritiker hinweg, die das Projekt als zu teuer und – nicht zuletzt wegen der chinesischen Beteiligung – zu riskant gehalten hatten. Auch aus Frankreich wurden Vorbehalte an dem teuren Mammutprojekt laut, der Finanzchef von EDF trat aus Protest gegen die Neubauten zurück. Doch vergangenen September gab die britische Premierministerin Theresa May grünes Licht für den Bau von Hinkley Point C, und die Bagger rollten an. Die Probleme waren da aber noch nicht zu Ende.


Auf die Steuerzahler kommen hohe Kosten zu

Die Kosten für das Mega-Projekt, das 2025 abgeschlossen werden sollte, wurden ursprünglich auf knapp 16 Milliarden Pfund (18,3 Milliarden Euro) veranschlagt. Doch diese Zahlen sind längst überholt. Zum Baubeginn im vergangenen September wurde die Summe auf rund 18 Milliarden korrigiert. Mittlerweile rechnet EDF mit bis zu 20,3 Milliarden Pfund (23,2 Milliarden Euro), wie das Unternehmen am Montag mitteilte.

Zudem bestehe das Risiko, dass der Bau der ersten Einheit des Atomkraftwerks sich um 15 Monate verzögere, die des zweiten um neun Monate. Grund dafür sei „das bessere Verständnis für Anpassungen der Ausgestaltung“, die man vornehmen müsse, um den britischen Vorschriften Rechnung zu tragen sowie dem „Umfang und der Abstimmung der Arbeiten und Leistungen der Zulieferer“. Höhere Kosten mindern natürlich die erhoffte Rendite: EDF erwartet nun eine Rendite des Gesamtprojektes bei 60 Jahren Laufzeit von 8,5 Prozent pro Jahr, zuvor hatte der Konzern neun Prozent einkalkuliert.

Diese Zahl basiert nicht zuletzt darauf, dass die britische Regierung den Investoren eine Preisgarantie gegeben hat. Über 35 Jahre erhält Hinkley Point einen Preis von 92,50 Pfund pro Megawatt-Stunde. Das wurde bereits am Anfang der Verhandlungen 2013 festgelegt. Sollte der Marktpreis unter diesem Wert liegen, zahlt der britische Steuerzahler die Differenz.

Diese Vereinbarung hatte in Großbritannien für viel Kritik gesorgt. Schließlich erwarten viele Experten, dass der Strompreis in den kommenden Jahren sinken dürfte und alternative Energiequellen günstiger Strom produzieren. Einer Untersuchung des britischen Rechnungshofes zufolge kommen deswegen auf die Steuerzahler in Großbritannien Milliardenkosten zu. Die zu erwartenden Kosten seien von anfangs sechs Milliarden Pfund auf nunmehr 30 Milliarden Pfund gestiegen. „Die von der Regierung erzielte Vereinbarung für Hinkley Point C verpflichtet die Verbraucher zur Teilnahme an einem riskanten und teuren Projekt mit ungewissen strategischen und wirtschaftlichen Vorteilen“, kritisierte der Rechnungshof.

Das Drama um Hinkley Point ist ein Kapitel länger – und keineswegs zu Ende, selbst wenn die nun mitgeteilten Verzögerungen den britischen Steuerzahler nicht treffen sollen: „Für die Baukosten, einschließlich möglicher Budgetüberschreitungen, kommt der Bauunternehmer auf“, sagte eine Regierungssprecherin der BBC. „Bis Hinkley Point gebaut ist, zahlen die Verbraucher keinen Penny“. Aber bis dahin kann noch viel passieren.

Quelle:  Handelsblatt Online
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