Historiker Brendan Simms: „Großbritannien ist die letzte große Macht in Europa“

Historiker Brendan Simms: „Großbritannien ist die letzte große Macht in Europa“

, aktualisiert 23. Juni 2016, 19:01 Uhr
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Europa braucht Großbritannien deutlich dringender als Großbritannien Europa.

von Michael MaischQuelle:Handelsblatt Online

Wie sollte es mit der europäischen Einigung weitergehen? Der irische Historiker Brendan Simms hat dazu eine klare Meinung. Prophezeiungen über den Niedergang Großbritanniens hält er für stark übertrieben.

LondonIn seinem Buch „Britain’s Europe“ haucht Simms einer alten Vision von Winston Churchill neues Leben ein: Der Professor für internationale Beziehungen an der Universität Cambridge glaubt, dass wir die „Vereinigten Staaten von Europa“ brauchen, allerdings ohne Großbritannien – leider.

Professor Simms, warum tun sich die Briten so schwer mit der Idee der politischen Einigung Europas?
Die Geschichte der Briten in Europa unterscheidet sich fundamental von der des Kontinents, sie ist sehr viel freundlicher, mit deutlich weniger geschichtlichen Traumata. Anders als die Völker auf dem Kontinent blicken die Briten seit Jahrhunderten auf eine ungebrochene Tradition als Demokratie und Nationalstaat zurück. Für Europa als Rettungsprojekt und politische Vision hatte Großbritannien deshalb nach 1945 keinen wirklichen Bedarf. Für Großbritannien und die Briten war die EU in erster Linie immer ein wirtschaftliches Projekt.

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Für den Rest des Kontinents reicht das aber Ihrer Meinung nicht aus.
Nein, mit dem Euro hat sich Kontinentaleuropa für eine einheitliche Währung und mit dem Schengen-Abkommen für eine einheitliche Außengrenze entschieden. Aber die Partner verfügen nicht über die föderalen Instrumente, um diese Errungenschaften zu verteidigen, wie eine einheitliche Wirtschafts- und Finanzpolitik oder eine gemeinsame Außenpolitik. Was Kontinentaleuropa braucht, ist eine vollständige parlamentarische, multinationale, politische Union.

Aber wären diese Vereinigten Staaten von Europa nicht sehr viel stärker, wenn die Briten mit dabei wären?
Natürlich, ich kann mir im Moment nur überhaupt nicht vorstellen, dass die Briten das wollen. Natürlich wäre ein Scheitern des gegenwärtigen europäischen Projekts auch für Großbritannien ein katastrophaler Schlag. Aber Europa braucht Großbritannien deutlich dringender als Großbritannien Europa.

Überschätzen Sie da nicht den wirtschaftlichen und geopolitischen Einfluss Großbritanniens?
Nein, das glaube ich nicht. Für mich ist Großbritannien die letzte verbliebene große Macht in Europa mit einer einsatzfähigen und einsatzwilligen Armee, einem permanenten Sitz im Uno-Sicherheitsrat und einer atomaren Streitmacht. Dazu kommt die wirtschaftliche Stärke und die politische Stabilität. Meiner Meinung nach sind ähnlich wie im Fall der USA alle Prophezeiungen über den Niedergang Großbritanniens stark übertrieben.

Als Ire, der in Großbritannien lebt, dürfen Sie mit über den Brexit abstimmen, wie wählen Sie?
Ich werde nicht zur Abstimmung gehen, weil ich finde, dass es sich nicht gehört, sich als Ausländern in die Verfassungsangelegenheiten dieses Landes einzumischen. Aber wenn ich wählen würde, wäre ich für den Verbleib der Briten in der EU, bis Kontinentaleuropa seine vielen Probleme gelöst hat.

Professor Simms, vielen Dank für das Gespräch.

Quelle:  Handelsblatt Online
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