Hochfrequenzhandel an der Börse: Britische Finanzaufsicht mag die „Flash Boys”

Hochfrequenzhandel an der Börse: Britische Finanzaufsicht mag die „Flash Boys”

, aktualisiert 18. April 2016, 12:03 Uhr
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Schnellere Rechner, höhere Arbitrage: Die Börsenhändler haben in den vergangenen Jahren aufgerüstet.

von Katharina SlodczykQuelle:Handelsblatt Online

Hochfrequenzhändler haben einen schlechten Ruf: Mit schnellen Rechnern würden sie andere Investoren übervorteilen und sogar ganze Märkte zum Einsturz bringen, heißt es. Die britische Finanzaufsicht sieht das ganz anders.

LondonEs sind ungewöhnlich positive und beruhigende Worte für äußerst umstrittene Finanzmarktakteure: „Es gibt keine Belege, dass Hochfrequenzhändler eher als andere den wahren Markt sehen und Millisekunden ausnutzen, um vor ihnen zu handeln“, schreiben Experten der britischen Finanzaufsicht FCA in einer jüngst erschienenen Untersuchung. Und weiter heißt es in der Studie der beiden Wissenschaftler Matteo Aquilina and Carla Ysusi: Der Geschwindigkeitsvorteil sei nicht so entscheidend wie in anderen Bereichen.
Die Ökonomen der FCA widerlegen damit einen wesentlichen Kritikpunkt, der seit einigen Jahren gegen Hochfrequenzhändlern ins Feld geführt wird: dass sie zum Nachteil langsamerer Investoren agieren und sich mit blitzschnellen Computerprogrammen Vorteile verschaffen. Zumindest der britische Aktienmarkt sei nicht anfällig für einige der Strategien, die der Wall-Street-Kritiker und US-Bestsellerautor Michael Lewis in seinem Buch „Flash Boys” beschreibt, heißt es in der FCA-Studie.

In den vergangenen Jahren hat die Fähigkeit, schneller als die anderen zu sein, erheblich an Bedeutung gewonnen. Mit schnelleren Rechnern können die Händler sich bessere Chancen auf Arbitrage-Gewinne sichern. In den USA hat das beispielsweise dazu geführt, dass zwischen der Chicagoer und der New Yorker Börse nun ein Glasfaser-Kabel liegt, das ein privates Unternehmen an Aktienhändler vermietet. Händler können Computer-Stellplätze in Börsen-Rechenzentren mieten, um noch schneller handeln zu können.

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Auch in Europa ist Hochfrequenzhandel erlaubt. Dieser ist seit Mai 2013 allerdings reguliert. So unterliegen Hochfrequenzhändler einer Erlaubnispflicht. Außerdem sind die Börsen dazu verpflichtet, für mögliche technische Probleme vorzusorgen. Die Deutsche Börse setzt beispielsweise auf sogenannte „Circuit Breaker” – Aussetzung des Handels, sobald die Schwankungen an den Märkten zu groß werden. Auch sollen die Hochfrequenzorders als solche gekennzeichnet werden.

Dennoch fühlen sich viele Marktteilnehmer durch das Wettrüsten um die schnellsten Rechner übervorteilt: Michael Lewis beschreibt in seinem 2014 erschienenen Buch, dass das Vorgehen von Hochfrequenzhändlern andere Börsenakteure zweistellige Milliardensummen jährlich kostet. Denn Hochfrequenzhändler könnten Vorhaben auf Grund ihrer technischen Ausstattung schneller erkennen, dadurch Aktien eher kaufen als andere interessierte Käufer und sie dann zu einem höheren Preis an diese verkaufen. Zudem würden diese Händler den Markt durch kurzzeitige Orders, die schnell wieder storniert würden, manipulieren.

Und: Nicht alle Börsen haben sich auf die Speed-Trader eingestellt. Zuletzt sorgte ein Fall in Indien für Unmut unter den Händlern: Ein Regierungsreport legte nahe, dass die Handelsregeln der größten Börse des Landes, der National Stock Exchange of India (NSE), die Firma OPG Securities übervorteilten. OPG ist einer der größten Hochfrequenzhändler des Landes. Zwischen 2012 und 2014 wurden die Aufträge der schnellsten Händler zuerst abgefertigt. OPG-Gründer Sanjay Gupta sieht kein Problem darin: „Die Leute neiden mir den Erfolg und beschuldigen mich völlig grundlos”, kommentiert er die Vorwürfe. „Sie verstehen nicht, warum ich beim Hochfrequenzhandel immer gewinne.”


Hochfrequenzhandel macht die Preise genauer

Die FCA-Experten dagegen rücken die Branche nun in ein vorteilhafteres Licht. Sie haben Daten aus dem Jahr 2013 untersucht, die etwa 85 Prozent der börsengehandelten Aktiengeschäfte abdecken, und können keine Belege dafür entdecken, dass Hochfrequenzhändler in Großbritannien wirklich Geschwindigkeitsvorteile zum Nachteil anderer Anleger ausnutzen können. Handelsstrategien seien auf der Insel möglicherweise schwieriger durch Computeralgorithmen vorherzusagen als in anderen Regionen, heißt es in dem Report.

Bereits vor gut einem Jahr hat die Bank of England eine Studie veröffentlicht, die die Kritik von Michael Lewis teilweise widerlegt. Darin heißt es: Hochfrequenzhandel trage dazu bei, dass Marktpreise genauer ausfielen. Das mache die Märkte effizienter.
Nach wie vor ist allerdings unklar, ob ein anderer Vorwurf, der Speed-Tradern gemacht wird, zutrifft: dass sie zu Marktzusammenbrüchen beitragen oder diese sogar auslösen. So wird einem britischen Hochfrequenzhändler vorgeworfen, dass er hinter dem so genannten „Flash Crash” im Mai 2010 steht, der binnen kürzester Zeit fast eine Billion Dollar an Marktkapital vernichtete. Der Brite soll an die USA ausgeliefert werden, hat ein Londoner Gericht im März entschieden. Ihm werden Börsenmanipulation und Betrug vorgeworfen. Er will gegen die Entscheidung des Gerichts Widerspruch einlegen. Eine Reihe von Fachleuten bezweifelt, dass der Brite wirklich allein den „Flash Crash” ausgelöst haben soll.

In ihrer Studie kommen die FCA-Wissenschaftler durchaus zu dem Schluss, dass Hochfrequenzhändler über längere Zeiträume betrachtet in der Lage seien, das Verhalten ihrer Konkurrenten und ihre Order zu antizipieren. Das könne aber auch daran liegen, dass diese Speed-Trader schneller auf Neuigkeiten und andere öffentlich zugängliche Informationen reagierten als andere Händler.
In die Studie sind auch Daten über Geschäfte eingeflossen, die nicht an der Börse abgewickelt wurden. Über bankinterne Handelsplattformen, die sogenannten Dark Pools, werden etwa zwölf Prozent des Handels mit in London gelisteten Aktien abgewickelt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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