Hugo Boss: Gulasch, Spätzle und Ärger in den Fabriken

Hugo Boss: Gulasch, Spätzle und Ärger in den Fabriken

, aktualisiert 19. Mai 2016, 14:29 Uhr
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Der neue Chef von Hugo Boss hat zahlreiche Probleme geerbt.

von Georg WeishauptQuelle:Handelsblatt Online

Viel zu tun für den neuen Boss von Hugo Boss: Der Vorstandschef des Modekonzerns, Mark Langer, wirbt auf der Hauptversammlung um Geduld und ruft ein Jahr der Konsolidierung aus. Die Aktionäre bewegt aber anderes.

StuttgartAm Anfang versucht es Mark Langer mit Emotion: Der neue Vorstandschef von Hugo Boss zeigt in der nüchternen Stuttgarter Messehalle einen bunten Imagefilm. Unter Begleitung von lauter Musik mit hartem Beat laufen Models über den Laufsteg, Boss-Designer schneidern feine Stoffe für die Anzüge und am Schluss krönen Siegertypen wie Jogi Löws Fußballnationalelf den bunten Streifen.

Doch nach dem furiosen Auftakt kehrt wieder die Tristesse zurück in die voll besetzte Halle in der Nähe des Stuttgarter Flughafens. Mark Langer, dunkelblauer, eng anliegender Boss-Anzug, kündigt an, dass er an vielen Stellen ansetzt, um mit Einsparmaßnahmen und Effizienzsteigerungen unsere Profitabilität zu sichern. „Das ist zwar nicht sexy, das ist aber richtig und wichtig“, stimmt er die Aktionäre und die Boss-Belegschaft gleich auf Veränderungen ein. Er spricht von „einem Jahr der Konsolidierung“.

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Der neue Vorstandschef hat einen schwierigen Job übernommen. Der schlanke Betriebswirt und Maschinenbauingenieur hatte erst am frühen Montagabend den Chefposten bei Hugo Boss übernommen. Sein Vorgänger, der langjährige Vorstandschef Claus-Dietrich Lahrs, hatte den Konzern Ende Februar nach einer Gewinnwarnung Anfang des Jahres verlassen. Er hatte versucht, mit einer extremen Expansion des Filialnetzes und dem Hochschieben der Marke in das Luxussegment den Börsenkurs hochzuhalten. Doch die Story ließ sich in einem schwierigen Markt nicht mehr halten.

Knapp drei Monate suchte Aufsichtsratschef Michel Perraudin nach einem neuen Vorstandsvorsitzenden – nach Ansicht von Kritikern eine lange Hängepartie. „Das ist überhaupt kein langer Zeitraum für eine internationale Suche und für die Besetzung einer solchen Position“, hält Perraudin dagegen.

„Weil es so lange gedauert hat, wollte ich mich schon für die Position bewerben“, scherzte Filippo Siciliano. „Aber Herr Langer ist auf jeden Fall die bessere Wahl“, sagte der Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz DSW. Der Mann im rot-weiß-gestreiften Hemd lobte wie die meisten anderen Aktionärsvertreter die Entscheidung für Langer.

Siciliano mahnte aber an, dass sich die Qualität seiner Anzüge in den vergangenen Jahren verschlechtert hat. Wichtig sei, dass Boss da zu seinen Wurzeln als zuverlässige Marke für Herrenanzüge zurückkehre. Langer wollte keinen Qualitätsverlust bestätigen. Er verwies aber darauf, dass sich spätestens zum 1. November der neue Markenvorstand Ingo Wilts intensiv um Marke und Qualität kümmern wird.

Der neue Boss-Chef ist aber in dem Dilemma, dass er gleichzeitig „Kosteneinsparungen und Investitionskürzungen“ durchziehen muss. Andreas Schmidt von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger aus München hatte da einen Vorschlag: „Kürzen Sie doch das große Marketingbudget von 200 Millionen Euro“, schlug Schmidt vor. „Für ihre Kernzielgruppe Männer brauchen Sie gar nicht so viel zu werben, wir Männer sind doch einfach gestrickt“, sagte Schmidt.

Langer kündigte an, künftig mehr Marketing in digitale Medien zu investieren. Außerdem will er ab August, wie andere Modekonzerne auch, den Service „Click & Collect“, bei dem Kunden Ware online bestellen und sie dann im Laden abholen.


Intensive Diskussion um faire Löhne

Viele Aktionäre haben sich zu diesem Zeitpunkt der Diskussion bereits aus dem großen Saal der Hauptversammlung verabschiedet. Sie sitzen längst an langen Tischen im fast ebenso großen Speisesaal nebenan. Dort gibt es nicht den sonst üblichen Hauptversammlungs-Schlager Würstchen mit Kartoffelsalat, sondern große silberne Warmhaltewannen mit Gulasch, Spätzle und feinem Gemüse. Sie können so auch nur noch auf dem großen Monitor verfolgen, dass sich die Diskussion längst von Problemen in China und auf dem US-Markt oder mit den Kosten des weltweiten Filialnetzes weit entfernt haben.

Verschiedene Aktionäre und Aktivisten werfen Langer vor, unfaire Arbeitsbedingungen in Werken in Indien und der Türkei zu akzeptieren. „Befragungen bei Zulieferfirmen in Bangalore haben ergeben, dass Boss dort keine existenzsichernden Löhne zahlt“, sagte Gisela Burckhardt, Vorsitzende der Frauenrechtsorganisation Femnet in Bonn. Als Beweis holte sie eine Vertreterin des NGO Cividep aus Indien ans Rednerpult. Diese monierte, dass die Näherin 100 T-Shirts pro Stunde nähen müssten, aber nur 40 bis 60 schaffen würde.

Die Diskussion um faire Löhne bei den Zulieferern des Metzinger Konzerns wurde zeitweise so intensiv, dass Aufsichtsratschef Perraudin die Hauptversammlung um etwa eine Viertelstunden unterbrechen musste. Langer versicherte, dass der Konzern darauf achte, dass die Zulieferer die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlöhne in den jeweiligen Ländern einhalten. „Wir sind aber auch in Gesprächen, um faire Löhne einzuführen, aber das können wir nicht alleine durchsetzen“, warnte Langer, schnelle Ergebnisse zu erwarten.

Die Dauer und Intensität der Diskussion machte klar, dass der neue Vorstandschef Langer, nicht nur beim Filialnetz und auf wichtigen Absatzmärkten Kurskorrekturen vornehmen muss, sondern auch bei den Produktionsbedingungen für die Premiumanzüge.

Quelle:  Handelsblatt Online
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