Ikea der Zukunft: Möbelriese auf dem Öko-Trip

Ikea der Zukunft: Möbelriese auf dem Öko-Trip

, aktualisiert 21. Mai 2016, 10:05 Uhr
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100 Millionen Euro investieren die Schweden in das neue Einrichtungshaus

von Florian KolfQuelle:Handelsblatt Online

Schraubst du noch oder lebst du schon? Ikea will zeigen, dass es mehr kann, als billige Selbstbaumöbel zu verkaufen. In Kaarst am Niederrhein entsteht das nachhaltigste Möbelhaus der Welt – mit überraschenden Ideen.

KaarstNoch ist von dem grünen Vorzeigeobjekt nicht viel zu erkennen. Bagger schieben Sandberge über die flache Mondlandschaft neben dem Autobahnkreuz Kaarst, Kräne hieven Betonwände in Position, Lastwagen rollen über die staubige Baustellenzufahrt. Nur ein Banner mit der Aufschrift „Ikea“ an einem Baucontainer signalisiert, dass hier am Niederrhein eins der weltweit wichtigsten Zukunftsprojekte des schwedischen Möbelriesen entsteht.

„Das Projekt hat internationale Bedeutung für uns, da schaut die ganze Ikea-Welt drauf", betont Johannes Ferber, der in der Geschäftsführung von Ikea Deutschland für die Expansion zuständig ist. „Wir bündeln hier alle Ideen, die wir zum Thema Nachhaltigkeit haben, an einem Platz.“ Wie in einem Baukastenprinzip sollen dann die Ideen, die sich bewährt haben, bei Neubauten von Filialen weltweit übernommen werden.

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Das lassen sich die Schweden einiges kosten. 100 Millionen Euro investieren sie in das neue Einrichtungshaus in Kaarst. „Das sind 30 Million Euro mehr als in eine vergleichbare Standardfiliale“, so Ferber. Dafür entsteht aber auf der Fläche von 124.000 Quadratmetern nicht nur ein Möbelmarkt. „Das ist ein völlig neuartiger Ansatz, mit dem wir das Thema Nachhaltigkeit so umfassend wie möglich darstellen wollen.“

Die Eröffnung des Hauses, für das jetzt feierlich der Grundstein gelegt wurde, ist für Mitte kommenden Jahres geplant. „Wir hatten die Chance, ganz unkonventionell an die Planung heranzugehen und haben manches, was man von Ikea gewohnt ist, auf den Kopf gestellt“, erklärt Ferber.

4.000 Quadratmeter Photovoltaikfläche auf dem Dach, eine Solarthermieanlage und ein eigenes Blockheizkraftwerk sorgen für eine möglichst ressourcenschonende Energieversorgung. Die Solarzellen erzeugen rund 273.000 Kilowattstunden Strom pro Jahr. Zugleich sorgen Maßnahmen wie eine tageslichtabhängig gesteuerte LED-Beleuchtung für einen um 30 Prozent reduzierten Energieverbrauch. „Wir haben noch kein Passivhaus, aber wir kommen immer näher ran“, sagt Ikea-Manager Ferber.

Langfristig ist es das Ziel von Ikea, sich ganz von fossilen Energien abzukoppeln. Schon heute deckt der Konzern seinen gesamten Energieverbrauch zu 53 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Das Unternehmen hat jetzt weitere 600 Millionen Euro bereitgestellt für Investitionen in erneuerbare Energien.


Öffentlicher Grillplatz und Dachgartencafé

Damit das Schlagwort Nachhaltigkeit auf über die ganze Wertschöpfungskette mit Leben gefüllt wird, hat Ikea einen Verhaltenskodex für Zulieferer entwickelt, den das Unternehmen „Iway“ nennt. Dieser umfasst soziale Standards genau so wie Umweltschutzvorgaben, die von hundert eigenen Auditoren vor Ort überprüft werden. In den vergangen Jahren hat sich der schwedische Konzern von 75 Zulieferern, vornehmlich in Asien, getrennt, weil sie diese Vorgaben nicht erfüllen konnten oder wollten.

Entsprechend fasst auch das Projekt in Kaarst den Begriff Nachhaltigkeit bedeutend weiter und beschränkt sich nicht nur auf grüne Energieversorgung. So legt das Konzept des sogenannten „More Sustainable Store“ auch einen starken Fokus auf den sozialen Bereich. Zum einen wurden die Mitarbeiter nach ihren Wünschen gefragt. So wird es künftig Sport- und Kochbereiche für Beschäftigten geben und Tageslicht in allen Verkaufsräumen.

Aber auch die Nachbarschaft durfte und darf weiterhin Anregungen für die Gestaltung und Ausstattung machen. Dafür hat Ikea ein Onlineforum eingerichtet. „Wir möchten das Ikea-Haus zu einem richtigen Treffpunkt für Kunden und Anwohner machen“, sagt Projektleiter Detlef Boje. So wird es einen öffentlichen Grillplatz geben, ein Dachgartencafé, Spielplätze und großzügige Grünflächen rund um das Haus. Bei der umweltfreundlichen Gestaltung des Hauses und des Geländes lässt sich Ikea vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) beraten. „Bei dem Projekt steht erkennbar der Mensch im Mittelpunkt“, schwärmt Hans-Jürgen Petrauschke, der Landrat des Rhein-Kreises Neuss.

Neue Wege geht Ikea auch beim Verkehrskonzept. Zwar gibt es weiterhin große Parkplätze, aber daneben eben auch E-Tankstellen, an denen Kunden ihre E-Bikes und Elektroautos kostenlos aufladen können. Das Möbelhaus bekommt seine eigene Bushaltestelle und es wird ein Shuttleverkehr mit Elektrobussen zur Regionalbahn eingerichtet.

Denn das einzige, was fehlt, ist ein Bahnanschluss. Der bisherige Markt in Kaarst, der mit der Neueröffnung geschlossen wird, ist zwar die kleinste Ikea-Filiale Deutschlands, hat aber eine eigene Bahnstation. Doch Ikea-Manager Ferber hofft, dass langfristig auch der neue Ikea-Markt an den Schienenverkehr angeschlossen wird. „Wir wären sogar bereit, uns an den Kosten dafür zu beteiligen“, verspricht er.

Dass Ikea seinen Zukunftsmarkt ausgerechnet in Kaarst baut, ist wahrscheinlich kein Zufall. Denn nicht weit weg, in Neuss, ließ sich 1936 die Schraubenfabrik Bauer & Schaurte das Schraubenformat „Inbus“ patentieren. Und ohne den berühmten Inbus-Schlüssel wäre der Weltkonzern Ikea heute kaum denkbar.

Quelle:  Handelsblatt Online
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