Illegale Jagd auf Greifvögel: Wenn Jäger zu Gejagten werden

Illegale Jagd auf Greifvögel: Wenn Jäger zu Gejagten werden

, aktualisiert 04. April 2016, 12:34 Uhr
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Bei der illegalen Jagd auf Greifvögel lassen sich die Täter meist nur schwer überführen.

Quelle:Handelsblatt Online

Greifvögel gelten als Herren der Lüfte. Doch obwohl sie hierzulande streng geschützt sind, werden sie immer wieder mit Fallen gejagt oder mit Giftködern getötet. Die Suche nach den Tätern gestaltet sich schwierig.

Marburg/Bonn/BerlinDer Habicht hat die Beute entdeckt. Im Sturzflug geht er nach unten, um sich die Taube zu greifen. Doch es ist eine Falle, das tote Tier ein Köder. Sobald der Vogel zugreift, schnappen zwei Eisenbügel zusammen und quetschen seine Beine ein. Kann er sich nicht selbst wieder befreien, wird er früher oder später verenden – oder von einem Menschen erschlagen.

So ähnlich hätten auch in einem kürzlich bekannt gewordenen Fall Greifvögel sterben sollen: Im hessischen Kirchhain bei Marburg hatte ein Hühnerzüchter nach Polizeiangaben zwei illegale Fallen auf seinem Grundstück aufgestellt.

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Die Tierschützer vom Verein „Komitee gegen den Vogelmord“ aus Bonn sind nicht überrascht: „Das Verfolgen und Töten von Greifvögeln ist hierzulande leider immer noch sehr verbreitet“, erzählt der Sprecher der Initiative, Axel Hirschfeld. Er und seine Kollegen glauben, in vielen Fällen die Täter zu kennen: „Die Fallen werden oft von Tauben- oder Hühnerzüchtern oder sogar Jägern aufgestellt“, meint der Naturschützer.

Die einen hätten Angst um ihre Tiere, den anderen sei die unliebsame Konkurrenz bei der Jagd um Kleinwild ein Dorn im Auge. Jäger und Züchter sehen sich dagegen zu Unrecht am Pranger.

Tiere werden aber nicht nur gefangen, sondern auch abgeschossen oder vergiftet. Dabei ist das verboten: Wer Bussarde, Sperber oder Rotmilane fängt, verletzt oder tötet, verstößt gleich gegen zwei Gesetze: das Bundesnaturschutz- und das Tierschutzgesetz. Wer die Vögel tötet, dem drohen bis zu fünf Jahre Haft oder eine Geldstrafe.

Die Täter zu überführen, sei allerdings nicht ganz einfach, berichtet Hirschfeld: „Die Fallen werden in der Regel auf Privatgrundstücken aufgestellt und meist so, dass man sie nicht sieht. Deswegen werden sie nur durch Zufall gefunden.“

Um die Fälle zu dokumentieren, ist 2015 mit Geld des Bundesamtes für Naturschutz die „Erfassungs- und Dokumentationsstelle Greifvogelverfolgung und Artenschutzkriminalität“ – kurz Edgar – ins Leben gerufen worden. Registriert werden rückwirkend alle bekanntgewordenen Fälle seit 2005. Dazu gehören Fallen, aber auch Kadaver vergifteter Vögel. Bis Ende Februar waren das deutschlandweit 912 Fälle mit 1457 getöteten Tieren. Hinzu kommt eine Dunkelziffer.


Eigentlich macht das Töten gar keinen Sinn

Besonders viele illegale Fallen fliegen in Nordrhein-Westfalen auf. Lars Lachmann vom Naturschutzbund (Nabu) hat mögliche Erklärungen dafür: Zum einen sei das „Komitee gegen den Vogelmord“ dort schon länger aktiv, zum anderen habe das Umweltministerium in Düsseldorf eine Stabsstelle zur Bekämpfung von Umweltkriminalität eingerichtet, die sich auch damit befasse.

Die Gruppen, in denen man die Täter vermute, seien zudem gerade in diesem Bundesland besonders präsent. „Das Taubenzüchten ist in dieser Gegend ein weit verbreitetes Hobby“, sagt Lachmann. Außerdem: „Greifvögel konkurrieren mit Jägern um Niederwild wie Hasen, Fasane und Enten - und diese Tiere sind in Nordrhein-Westfalen besonders verbreitet.“

Die Jäger weisen die Vorwürfe entschieden zurück. „Schon allein aus rechtlichen Gründen dürfen wir keine Greife schießen“, sagt der Geschäftsführer des Landesjagdverbandes Hessen, Alexander Michel. „Die Tiere unterliegen zwar dem Jagdrecht, gleichzeitig gilt für sie aber eine ganzjährige Schonfrist.“

Mit dem Jagdrecht sei außerdem die Pflicht zur Hege verbunden, erklärt Michel. „Das heißt, dass wir nach den Tieren schauen und etwa ihre Horste überprüfen.“ Dass Jäger Greifvögel töten, könne also nicht pauschalisiert werden.

Auch Geflügelzüchter fühlen sich zu Unrecht beschuldigt. Die Greifvogelpopulation sei zwar zu groß und mache die Zucht schwierig, sagt der Vorsitzende des Landesverbands der Rassegeflügelzüchter Hessen-Nassau, Heinrich Wenzel. „Trotzdem ist das eine Vorverurteilung von uns Züchtern. Wir setzen uns schließlich auch für den Tierschutz ein.“

Bei Schulungen werde darauf hingewiesen, dass man Hühner und Tauben anders schützen könne und die Greife nicht gleich töten müsse. „Letztendlich kann man aber natürlich nie ausschließen, dass es doch mal einer tut“, räumt der Vorsitzende ein.

Aus Sicht des Nabu macht das Töten wenig Sinn: „Wenn man beispielsweise einen Habicht tötet, ist die Gefahr ja nicht gebannt. Dann kommt kurze Zeit später der nächste, und dann schnappt der sich eben das Huhn“, sagt Maik Sommerhage vom Nabu Hessen. Viel nützlicher sei es, das Zuchtgehege gegen Angriffe durch Greifvögel zu schützen, beispielsweise durch ein Netz oder einen zweiten Zaun.

Quelle:  Handelsblatt Online
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