Im japanischen Amt: Eine handgeschnitzte Unterschrift

Im japanischen Amt: Eine handgeschnitzte Unterschrift

, aktualisiert 27. März 2017, 17:15 Uhr
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Eigenhändig einen Vertrag unterschreiben – für Ausländer ist das in Japan keine Selbstverständlichkeit.

von Martin KöllingQuelle:Handelsblatt Online

Mit der eigenen Signatur kann man in Japan schnell an Grenzen stoßen. Bei Vertragsabschlüssen wird deshalb immer wieder nach einem Namensstempel gefragt. Nur ärgerlich, wenn dieser kaputtgeht. Eine Weltgeschichte.

TokioMeine Augen weiten sich erschreckt. Erst zuckt die Hand vor, dann die Fußspitze – doch sie kommen zu spät. Sie können den Fall meines Namensstempels nicht stoppen. Mit einem Tock schlägt der kleine ovale hölzerne Stab auf. Schnell beuge ich mich herunter, um ihn aufzuheben und zu begutachten. Oh, nein, ein kleines Stück ist aus der Umrandung gebrochen. Das Drama beginnt.

Wenn ich eine Hypothek abschließen wollte, könnte ich das mit meinem kaputten Stempel vorerst vergessen. Nicht einmal eine Banktransaktion könnte ich abschließen. Denn sowohl diverse Bankgeschäfte als auch amtliche Verträge werden in Japan generell nicht unterschrieben, sondern bestempelt. Komisch, dachte ich zuerst. Doch inzwischen erfüllt mich dieses Ritual des Besiegelns, das in Deutschland aus der Mode gekommen ist, mit einem merkwürdigen Gefühl der Zufriedenheit, besonders wenn es so durchchoreografiert wie in Japan ist.

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Bei der Bank legt mir (meist) eine Sachbearbeiterin die Papiere vor, während ich mein Stempelschächtelchen öffnete. Dann drücke ich mein Siegel erst auf das kleine rote Stempelkissen und dann in die vorgesehenen Kästchen im Formular, Durchschläge eingeschlossen.

Und sollte noch ein Schreibfehler korrigiert werden müssen, heißt es durchstreichen, neuschreiben und überstempeln. Dann reicht mir die Fachkraft ein kleines Papiers zum Säubern des Stempels. Ich lege ihn sorgsam ins Etui zurück, schließe es mit einem satten Klack, und fertig ist der geradezu sinnliche Amtsakt.

Doch damit wird es vorerst nichts mehr. Da gibt es nur eine Lösung: Ein neuer Stempel muss her. Das ist in Japan zum Glück kein Problem: Überall gibt es Läden, wo man die kleinen Siegel für die verschiedensten Anlässe in Auftrag geben kann. Hanko oder Inkan werden sie genannt.

Idealtypisch besitzt der Japaner drei: Einen einfachen Stempel, meist von der Stange, mit dem man zum Beispiel den Erhalt der Post quittiert. Die sind meist klein, gerne auch mit Gummistempel. Dann gibt es noch den bei der Bank registrierten Stempel für alle analogen Bankgeschäfte, zum Beispiel die Eröffnung von Konten oder händisch ausgeführte Überweisungen. Die dritte Sorte wird beim Bezirksamt registriert und für geschäftliche Verträge genutzt. Oft haben die Japaner aber so wie ich aus Faulheit nur zwei Stempel, einen inoffiziellen und einen beim Amt und der Bank registrierten.


Der Stil des Stempels entscheidet

Doch im Laden traf ich auf zwei Probleme: Die Wahl des Materials und des Schriftzugs. Bei den Stempeln reichte die Spannbreite des Materials von Holz über diverse Rinderhörner bis hin zu Elfenbein – und dies in den verschiedensten Größen. Ich entschied mich dieses Mal für schwarzes Rinderhorn, in der Hoffnung, dass es haltbarer als Holz ist.

Dann kam die Wahl der Kalligraphie dran: Für mich als Ausländer kommt da nur die Silbenschrift Katakana in Frage, in der ausländische Namen umschrieben werden. In meinem Fall handelt es sich um vier Zeichen – Ko-ri-n-gu – das passt. Doch soll es schlicht, eher geschwungen-handschriftlich oder im altchinesischen Stil sein?

Nach gründlicher Konsultation mit der Fachkraft entschied ich mich für eine handgeschnitzte, sehr verschnörkelte Horoskop-Variante, die Glück und Reichtum verspricht. Die Handarbeit kostete zwar rund 60 Euro mehr. Aber was soll’s, dachte ich mir. Es geht ja um meine Geldgeschäfte – und da kann ein wenig Glück ja nicht schaden. Drei Tage später hatte ich meine handgeschnitzte Unterschrift, zusammen mit einer Urkunde des Schnitzers. Jetzt muss ich sie nur noch bei der Bank neu registrieren.

Allerdings überlege ich nach dem Malheur, ob ich mir nicht aus Sicherheitsgründen auch noch einen dritten, amtlichen Stempel anschaffen soll, um das Risiko zu verteilen. Ich nutze schließlich für meine diversen Konten und Dienste im Internet auch kein Kennwort zweimal. Und so ein Stempel ist noch wichtiger und gehört am besten in einen Tresor, zu dem nur man selbst die Geheimzahl kennt. Schließlich kann, wer ihn hat, in meinem Namen Verträge abschließen.

Ich habe von Eheleuten gehört, die überrascht feststellten, dass sie geschieden waren. Denn ihre Partner hatten den Scheidungsantrag hübsch mit den registrierten Stempeln versehen und heimlich beim Amt eingereicht (ja, Scheidung ist in Japan ein kleiner Amtsvorgang, der keinen Gang vor Gericht erfordert, wenn sich beide Seiten einig sind). Mir wurde gesagt, dass ich beim Amt beantragen kann, dass ich persönlich anwesend sein muss, wenn mein Stempel erforderlich ist. Eine kleine Sicherheit für Paranoide sozusagen. Zum Glück hat diese Entscheidung keine Priorität. Denn erstens habe ich keine großen Transaktionen geplant. Zweitens muss ich zuerst meinen Bankstempel registrieren. Sonst komme ich nicht einmal an größere Geldsummen heran.

Quelle:  Handelsblatt Online
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