Immobilien – Tool der Woche: Die neue Heimat

Immobilien – Tool der Woche: Die neue Heimat

, aktualisiert 18. März 2016, 12:26 Uhr
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In Metropolen wie Berlin wird der Wohnraum knapp - günstige Lösungen sind gefragt.

von Jens Hagen und Reiner ReichelQuelle:Handelsblatt Online

Der Immobilienbranche geht es blendend. Auch die Nachfrage von Flüchtlingen belebt das Geschäft. Wie Unternehmen sich auf die neuen Mieter einstellen und wie groß die Wohnungsnot in Deutschland tatsächlich ist.

Frankfurt/DüsseldorfDie Flüchtlingskrise bestimmt seit Monaten die politische Debatte. Während Parteien und Regierung um Konzepte, Kontigente und Finanzierung ringen, herrscht in der Immobilienbranche heitere Gelassenheit.

„Die Stimmungslage der deutschen Immobilienwirtschaft ist nach wie vor glänzend“, sagt Michael Voigtländer, Leiter des Bereichs Finanz- und Immobilienmärkte beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Der IW Immobilienindex, ein Stimmungsindikator auf Basis einer Umfrage unter rund 120 Unternehmen der Branche notiert beinahe unverändert auf einem hohen Niveau von 84 von Maximal hundert Punkten.

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„Die Geschäftslage wird in allen Segmenten als sehr gut eingeschätzt“, sagt Voigtländer. Besonders positiv sehen die Wohnungsunternehmen ihre Lage. Der Index stieg im Vergleich zum Vorquartal auf einen Wert von 90, was einen Sprung von 14 Zählern gegenüber dem Vorquartal ausmacht.

Das liegt natürlich am positiven Gesamtumfeld. Die Zinsen für Baugeld sinken, die Nachfrage vor allem in den großen Städten steigt, und immer mehr private und institutionelle Investoren drängen auf den deutschen Immobilienmarkt, der als sicherer Hafen für Anlegergelder gilt.

Aber auch die Flüchtlingswelle spielt zunehmend eine Rolle. Im vergangenen Jahr kamen 1,1 Millionen Menschen auf der Suche nach sicherer Unterkunft nach Deutschland. Laut Schätzung der Immobilien-Experten des Forschungsinstituts Empirica bleiben gut die Hälfte der Flüchtlinge im Land. Alle, die bleiben dürfen, benötigen zumindest mittelfristig eine Wohnung.

Und über die Integration in den Arbeitsmarkt wird auch die Nachfrage nach Gewerbeimmobilien steigen. „Der Flüchtlingszustrom hat mit dazu beigetragen, die Leerstandsquoten im Büroimmobiliensektor zu senken“, beobachtet Achim Degen, Deutschland-Chef des internationalen Maklerhauses Colliers.


Die Stimmung bei den Immobilienunternehmen steigt

Mehr als jedes dritte Immobilienunternehmen rechnet in der Umfrage des IW damit, dass sich die Geschäftslage durch die Zuwanderung positiv entwickelt. Bei den Wohnungsunternehmen erwarten 41 Prozent eine verbesserte Geschäftslage, bei den Projektentwicklern sogar 46 Prozent.

Das statistische Bundesamt meldete zuletzt, dass die Bauproduktion im Januar um sieben Prozent im Vergleich zum Dezember anstieg – auch wegen der Flüchtlingskrise. Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD) fordert pro Jahr 1,3 Milliarden Euro zusätzlich, um auf dem Wohnungsmarkt eine Konkurrenz zwischen Einheimischen und Flüchtlingen zu vermeiden.

Trotz allem Optimismus besteht aber eine generelle Unsicherheit über die weitere Entwicklung. „Kaum jemand wagt eine Prognose, wie die vielen Schutzberechtigten tatsächlich in den Wohnungsmarkt und in die Gesellschaft insgesamt integriert werden können“, sagt Voigtländer. Die Branche ziert sich bei klaren Aussagen und möchte nicht als Krisenprofiteur dastehen.

Trotzdem gibt es Aktivitäten. Etwa bei der Deutschen Telekom. Corpus Sireo, ein Kölner Immobiliendienstleister, der für den Dax-Konzern etwa 14.000 eigene und angemietete Liegenschaften verwaltet, hat das gesamte Immobilien-Portfolio des Konzerns bundesweit auf eine mögliche Eignung zur Unterbringung der Flüchtlinge geprüft. „Wir gehen aktiv auf die Kommune zu, in der sich die jeweilige Liegenschaft befindet“, erklärt eine Sprecherin. „Die Resonanz der Kommunen und Ämter ist rundweg positiv, seit dem Start der Initiative im vergangenen Herbst konnten schon viele Asylsuchende in Gebäuden der Telekom in ganz Deutschland untergebracht werden“, erklärt die Sprecherin.

Vor allem eine effiziente Ausnutzung der Wohnressourcen ist gefragt. Der Immobilienvermögensverwalter Patrizia analysierte, wie sich die Zahl der Wohnungen in den bestehenden Beständen des Portfolios erhöhen lässt. „Nachverdichtungen können den Wohnungsmarkt entspannen“, ist Peter Forster, Deutschland-Chef von Patrizia überzeugt. Forster favorisiert den Neubau von zusätzlichen Mietwohnungsblöcken auf den eigenen Grundstücken. Erst als zweite Option würde er Dachgeschosse bestehender Gebäude ausbauen oder sie um weitere Stockwerke ergänzen. Patrizia verwaltet mehrere Tausend Wohnungen für institutionelle Investoren.


Plattenbau für Flüchtlinge?

Rolf Buch, Chef von Deutschlands größtem Immobilienkonzern Vonovia, empfiehlt günstigen Neubau. „In Schweden gibt es schöne Beispiele für modernen Plattenbau“, sagt Buch. Durch Standardisierung ließen sich Zeit und Kosten sparen. Buch rechnet mit einem jährlichen Bedarf von zusätzlich 150.000 Wohnungen wegen der Flüchtlingskrise. Jedes Jahr entstünden aber nur 60.000 Wohnungen.

Wie hoch der Bedarf ist, darüber scheiden sich derzeit die Geister. Um den Wohnraumbedarf in Deutschland zu decken, der auch wegen des Zuzugs der Flüchtlinge steigt, müssen laut einer Studie der Universität Freiburg bis 2020 jährlich gut 494.000 Wohnungen gebaut werden. „Die Nachfrage nach Wohnraum steigt drastisch durch den Zustrom an Flüchtlingen“, erklärt Studienleiter Bernd Raffelhüschen.

Harald Simons vom Empirica-Institut verweist hingegen auf 1,7 Millionen leerstehende Wohnungen in Deutschland. Aus seiner Sicht habe sich durch die hohe Zuwanderung von Flüchtlingen „ein bisschen Hysterie breitgemacht“. Viele glaubten offenbar, dass man vor einem „enormen Nachfrageschub“ nach Wohnungen stehe. „Davon gehen wir nicht aus“, sagte Simons.

Dennoch trage die Zuwanderung nach Einschätzung der Wissenschaftler zu einem weiteren Anstieg von Kaufpreisen und Mieten bei. „Ohne Flüchtlinge hätten wir 2015 das Ende des Mietpreisanstieges gesehen“, sagt Simons. Für das laufende Jahr rechnen die Wissenschaftler erneut mit höheren Preisen. „Die Angebotserweiterung durch den Wohnungsneubau kann mit der gestiegenen Nachfrage momentan nicht Schritt halten“, erklärt Simons. „Das wird auch in den nächsten Jahren zu Miet- und Kaufpreissteigerungen in den Ballungsräumen führen.“ Mieten und Kaufpreise lassen sich individuell bis auf Straßenebene mit dem Wertfinder von Handelsblatt Online ermitteln.

Quelle:  Handelsblatt Online
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