Immobilien: „Wer hat Angst vor Ratten?“

Immobilien: „Wer hat Angst vor Ratten?“

, aktualisiert 16. Januar 2016, 10:55 Uhr
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In der Friedrich-Ebert-Straße in Duisburg-Laar stehen mehrere baufällige Häuser, die als Schrottimmobilien gelten.

Quelle:Handelsblatt Online

Kein Strom, keine Toilette – wer in einer solchen Wohnung lebt, ist ganz unten angekommen. Schrottimmobilien sind in vielen deutschen Städten ein drängendes Problem. Als Mieter werden oft Zuwanderer ausgebeutet.

DuisburgDie Männer sitzen in dicken Jacken dicht an dicht auf dem Sofa, ihre Hände stecken in den Seitentaschen. Es zieht durch die Balkontür. Nicht ein isoliertes Glasfenster, nur ein heruntergelassener Rollladen ist da, um die Winterkälte notdürftig vor dem Eindringen ins Wohnzimmer abzuhalten. Die Zentralheizung streikt seit Monaten. Lediglich ein Gasheizer hält die Wohnung für zwölf Leute warm. Jetzt, nach Einbruch der Kälte, müssen sich die Bewohner sprichwörtlich warm anziehen.

So sieht es aus bei einem Ortstermin in einem Gebäude in Duisburg-Laar, das die Stadtverwaltung als Problem-Immobilie bezeichnet. Andere würden es abrissreif nennen. Die Liste an Mängeln in vielen Schrottimmobilien Duisburgs ist lang: Kaputte Briefkästen, fehlende Fenster, Schimmel an den Wänden, defekte Elektrik. „Hinzu kommt ein häufig sehr hoher Grad an Vermüllung und in der Folge Schädlingsbefall“, heißt es in einem Schreiben der Stadt.

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Doch nicht nur das: Der Duisburger Norden ist in den vergangenen Monaten wegen Kriminalität, Gewalt und angeblich entstehenden rechtsfreien Räumen in Verruf gekommen. Auch über die vermeintlichen Verursacher dieser Probleme wird seitdem wild diskutiert: die kriminellen Clans, die kurdisch-libanesischen Großfamilien.

Auch in der Friedrich-Ebert-Straße, im Stadtteil Duisburg-Rheinhausen, gibt es solche Schrottimmobilien. Der Straßenzug ist für seine Problemhäuser bekannt. Doch sind hier wirklich „Clans“ zu Hause?

Kronleuchter erfüllen das Wohnzimmer mit hellem Licht. Die fünfjährige Zainab im rosa Schlafanzug schiebt den rollbaren Gasheizer über das Laminat. Sie stützt sich auf die Gasflasche und schaut, was sich im Fernsehen tut. Währenddessen wird für die Erwachsenen auf dem Sofa ein Tablett mit einem Kännchen Schwarztee und kleinen Gläsern gereicht. In dieser Wohnung eröffnet sich auch ein Blick auf diejenigen, deren Schicksale hinter Schlagzeilen über kriminelle libanesische Clans und „No-Go-Areas“ zurückgeblieben sind.


„Das ist die Hölle“

Was das vor Ort genau bedeutet, wissen Ibrahim (18) und Moussa (15) nur allzu gut. „Wer hat Angst vor Ratten?“, fragt Ibrahim, ein Familienmitglied, im Erdgeschoss vor dem Rundgang durch den Keller. Moussa wohnt mit seinen Eltern und Geschwistern in der Wohnung im zweiten Geschoss, Cousin Ibrahim einige Häuser weiter.

Im Treppenhaus ist es stockduster. Die jungen Männer verwandeln ihre Smartphones zu Taschenlampen. Helle Kreise in der Dunkelheit. Der Lichtschein fällt auf die Haustür, sie wird lediglich von einem dilletantisch vernagelten Metallrahmen und Brettern zusammengehalten. „Bei Regen läuft der Keller regelmäßig über“, sagt Ibrahim. Er greift ans Geländer und steigt über Stufen mit dunklen Schlieren hinab in die schwarze Tiefe.

Unten angekommen liegen Mandarinenschalen, zerfetzte Plastiktüten, zerknüllte Cola-Dosen und Zigarettenschachteln. Die Gruppe tastet sich im Schein der Handylampen vorsichtig voran. Moussa hat Angst, einen Obdachlosen oder Junkie zu überraschen, der sich womöglich in einer Ecke über Nacht niedergelassen hat. Durch eine unverschlossene Hintertür können Fremde ohne Probleme in den Keller gelangen.

Moussa leuchtet nach rechts. Lange Schatten fallen über ein Gerät in der Mitte eines kleinen Raums. Seit dem Frühjahr funktioniere die Gasheizung nicht mehr, der Vermieter habe sich mehrere Monate nicht darum gekümmert, sagte er. Die vordere Abdeckung des Geräts wurde abgerissen, nun liegen Kabel und Rohre frei. Im nächsten Raum stapeln sich kaputte Puppenwagen und Schrott. Am Boden führt eine völlig verdreckte Rinne entlang. Ein Abwasserrohr ragt aus dem Fundament. Einer hält sich wegen des Gestanks den Schal vor den Mund. Ibrahim bleibt stehen: „Das ist die Hölle.“

Duisburg steht mit seinem Schrottimmobilien-Problem nicht allein da. Nach einer Untersuchung des Mieterbunds Nordrhein-Westfalen sind Problemhäuser für viele Kommunen eine große Last. Wegen des Zusammenbruchs der Stahl- und Kohle-Industrie haben Hunderttausende die Städte im Ruhrgebiet verlassen. Zurück seien vielerorts Wohnungen geblieben, die jahrelang dem Verfall ausgesetzt gewesen seien, erklärt ein Sprecher der Stadt Gelsenkirchen.

„Generell kann man sagen, dass es Schrottimmobilien insbesondere in strukturschwachen Städten gibt, aber natürlich auch in strukturschwachen Gebieten wohlhabender Städte“, sagt Franz-Reinhard Habbel vom Deutschen Städte- und Gemeindebund. Beispiele gebe es zuhauf: neben dem Ruhrgebiet in Norddeutschland in Bremen, Bremerhaven, Kiel oder Hamburg, aber auch in Saarbrücken, Frankfurt/Oder oder Cottbus.


Allein in Dortmund 145 Problemhäuser

Von rund 30 Schrottimmobilien in Berlin-Neukölln berichtet der Mieterbund unter Berufung auf das dortige Bezirksamt. Bundesweit bekanntgeworden ist das „Horrorhaus“ in Berlin-Schöneberg, ein Gebäude mit 50 Wohnungen, in denen nach Medienberichten etwa 200 Roma-Arbeiter untergebracht waren – und dafür auch noch überhöhte Mieten zahlten.

Denn mit dem Zuzug Tausender Migranten aus den Balkanstaaten entdeckten Vermieter in den Schrottimmobilien ein lukratives Geschäft. „Sie kauften den leerstehenden Wohnraum für wenig Geld, um den Menschen Mieten zu unverhältnismäßigen Preisen abzunehmen“, sagt der Sprecher der Stadt Gelsenkirchen. Die Stadt schloss in diesem Jahr bereits 20 Gelsenkirchener Problemhäuser, 80 stehen zur Beobachtung auf der schwarzen Liste.

Der Stadt Dortmund sind sogar 145 leerstehende oder verwahrloste Häuser bekannt, berichtet Stadtsprecher Michael Meinders. Besonders die nördliche Innenstadt sei betroffen. Dort leben rund 4000 zugereiste Menschen aus Bulgarien und Rumänien, wie aus einer Präsentation des örtlichen Ordnungsamts hervorgeht.

Schon vor mehreren Jahren wurden in der Dortmunder Nordstadt in baufälligen Gebäuden nach Angaben des kommunalen Wohnungsunternehmens Dogewo bis zu 80 Matratzen zu „Wucherbeträgen an bulgarische oder rumänische Familien vermietet“. Medienberichten zufolge zahlten manche für einen Schlafplatz im Matratzenlager mehrere Hundert Euro.

Andere Häuser dienen als Treffpunkt für illegale Geschäfte oder zur Prostitution, erläutert die Dortmunder Gesellschaft Wohnen. Die Gründe, weshalb Problemhäuser überhaupt entstehen könnten, seien vielfältig. Teilweise seien die Eigentümer mit der Instandhaltung schlichtweg überfordert. Anderen gehe es um den schnellen Profit.


Bußgelder bis zu 50.000 für Vermieter

Die Stadt Essen ging vor wenigen Wochen mit Hilfe der Polizei gegen vermüllte und verwahrloste Häuser vor. In diesem Jahr haben die Behörden 16 Wohnungen im Stadtgebiet dichtgemacht, sagt der Pressereferent der Stadt Essen. Die Ermittler stießen bei ihren Razzien auf heruntergebrochene Leitungen, zerstörte Wände, auf Wohnungen ohne Wasser- oder Stromanschluss.

Kommunen können Schrottimmobilien für unbewohnbar erklären. Bei Verstößen sind Bußgelder bis zu 50.000 Euro für Vermieter fällig. Die Leidtragenden seien vor allem „ethnische Gruppen, die auf dem freien Immobilienmarkt nur schwierig oder keine Wohnung bekommen würden“, erläutert der Pressereferent.

Die Miete für sozialen Wohnraum habe die Stadt Essen mit einer Miethöchstgrenze gedeckelt. Oft kriege es die Stadt aber gar nicht mit, wenn jemand versucht, sich auf eigene Faust durchzuschlagen und für eine Wohnung freiwillig draufzahlt. „Das ist letztendlich Abzocke“, sagt der Pressereferent.

Auch die kurdisch-libanesische Familie aus Duisburg nimmt widrige Bedingungen in ihrer Wohnung in Kauf. Doch: Umziehen? Das kommt erstmal nicht infrage. Immerhin habe der Vermieter versprochen, die Handwerker bald kommen zu lassen, sagt Moussas Vater beim Tee. Aber was, wenn er sein Wort bricht? Soll er ihn an die Behörden verpetzen, wenn die Heizung auch bei Eis und Schnee nicht funktionieren würde?

Achselzucken unter der schweren Winterjacke. Man wolle nicht schlecht über den Vermieter reden. Der sei immerhin ein Freund der Familie, sagt Moussas Vater.

Quelle:  Handelsblatt Online
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