Industrie-4.0-Maturity-Index: Ein Wegweiser für die Digitalisierung

Industrie-4.0-Maturity-Index: Ein Wegweiser für die Digitalisierung

, aktualisiert 24. April 2017, 18:44 Uhr
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Defizite bei der Vernetzung von Produktionsmaschinen und dem Internet.

von Martin WocherQuelle:Handelsblatt Online

Ein neuer Index soll Firmen dabei helfen, Defizite bei der Umsetzung von Industrie 4.0 aufzudecken. Vielen fehlen handfeste Leitfäden und manchmal auch das Bewusstsein für die Radikalität der digitalen Transformation.

HannoverVielen Firmen reicht noch ihre Website. Andere haben zumindest schon mal eine grobe Idee, wie sie das Thema Digitalisierung in ihre Unternehmensstrategie einbinden wollen – immerhin. Dafür wissen sie nicht, wie sie die umsetzen sollen. Was wie ein Blick in die digitale Steinzeit aussieht, ist in vielen, vor allem mittelständischen, Firmen bittere Realität.

Henning Kagermann, Ex-Vorstandschef des Software-Konzerns SAP und heute Präsident von Acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, will das nun in einem neuen Anlauf ändern: An diesem Dienstag will Kagermann den ersten Industrie-4.0-Maturity-Index vorstellen. Mit Hilfe des Barometers sollen die Firmen abklopfen können, wo sie mit Blick auf Industrie 4.0 stehen und welchen Mehrwert sie daraus ziehen können.

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Denn gerade dieser Mehrwert ist beachtlich: Diverse Studien beziffern das Wertschöpfungspotenzial allein für die deutsche Wirtschaft auf 100 bis 150 Milliarden Euro in den kommenden fünf Jahren. Beispiel Bosch: Der Technologiekonzern erwartet bis 2020 durch die vernetzte Produktion zusammengerechnet sowohl eine Milliarde Euro an eingesparten Kosten als eine Milliarde Euro an zusätzlichem Umsatz.

Jüngsten Umfragen zufolge richten sich zwar drei Viertel aller großen Unternehmen konsequent auf die neuen Möglichkeiten der digitalen Vernetzung auf allen Ebenen aus, bei den kleinen und mittleren Firmen ist es gerade mal etwas mehr als die Hälfte. „Ich will es ja nicht schlechtreden, die Situation hat sich auch leicht verbessert“, sagt Henning Kagermann. „Aber gut ist sie nach wie vor nicht, trotz aller Bemühungen. Vielen Firmen fehlen handfeste Leitfäden und manchmal auch das Bewusstsein für die Radikalität der digitalen Transformation.“ Das zu ändern, hat sich Acatech schon seit Jahren auf die Fahnen geschrieben – und unternimmt nun mit dem Index einen neuen Anlauf.

„Wir müssen aufpassen, dass der Vorsprung, den wir noch haben, nicht verloren geht“, sagte Kagermann dem Handelsblatt. Der Acatech-Präsident versteht daher den Maturity-Index auch als „Weckruf“ für immer noch große Teile der Industrie. So sind die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung gerade bei kleineren und mittelgroßen Unternehmen zuletzt zurückgegangen. Das verzögere den Wissenstransfer von Universitäten, aber auch von Forschungsinstitutionen wie Fraunhofer in die Firmen, fürchtet Kagermann.


Firmenchefs zu zögerlich

Defizite erkennt auch die jüngste Studie der Beratungsgesellschaft BCG zum Thema Digitalisierung: Ein Viertel aller Firmen droht demnach bei der Digitalisierung den Anschluss zu verlieren. „Den meisten fehlt ein systematisches Vorgehen“, sagt Michael Grebe, BCG-Partner und Technologieexperte. So hätten sich die Vorteile einer vorausschauenden Wartung mit Hilfe von Sensoren und deren digitaler Vernetzung zwar rumgesprochen. Viele Unternehmenschefs stünden aber vor der Frage: „Wie mache ich das? Welche Software setze ich ein?“, sagt Grebe. „Viele sind sich nicht darüber im Klaren, wie es weitergehen soll.“

Mit fatalen Konsequenzen: „Die Digitalisierung spaltet die Unternehmenslandschaft weltweit. Firmen, die nicht Schritt halten, können in Zukunft stark an Bedeutung verlieren.“ Das gilt auch für viele deutsche Unternehmen: Ein knappes Drittel von ihnen weist die BCG-Studie als digitale Nachzügler aus. Bei der hohen Innovationsgeschwindigkeit werde es gerade dieser Gruppe immer schwerer fallen, den Anschluss zu halten, sagt Grebe voraus. „Das erfordert große Kraftanstrengungen. Damit kann ich sicherlich nicht noch zwei Jahre warten.“

Infosys-Chef Vishal Sikka macht die Furcht vieler Firmenchefs vor einem radikalen Wandel für das zögerliche Vorgehen in Richtung Digitalisierung verantwortlich. „Es ist enttäuschend, dass viele Unternehmen noch nicht so weit sind“, sagte er dem Handelsblatt. Den Kopf in den Sand zu stecken helfe aber nicht weiter: „Schauen Sie auf die Liste der Fortune-500-Unternehmen vor zehn Jahren“, sagte er. „Heute sind 35 Prozent von denen schon nicht mehr dabei.“

Gerade für kleinere Unternehmen sei entscheidend, auch kleinere Projekte zu definieren und umzusetzen, anstatt sich mit großen Transformationen zu übernehmen. Acatech-Präsident Kagermann verspricht sich viel von dem jetzt vorgelegten Maturity-Index, um die digitale Transformation in den Unternehmen voranzutreiben. Entwickelt wurde er von einem branchenübergreifenden Konsortium aus Forschungseinrichtungen, Universitäten und Unternehmen. „Der Maturity-Index ist wie ein großer Spiegel, er soll wachrütteln und zeigen, wo Unternehmen bei Industrie 4.0 stehen und welche Chancen sie verpassen“, sagt auch Sikka.

Den Anwendern wird ein Leitfaden an die Hand gegeben, mit dessen Hilfe sie den Stand ihrer IT, deren Konnektivität und Analysefähigkeit testen können. Ganz am Ende einer sechsstufigen Skala stehen dann die Einsatzmöglichkeiten von intelligenten und teilautonomen Systemen, die schon in Richtung künstliche Intelligenz gehen. Und das in den verschiedenen Einsatzbereichen Entwicklung, Produktion, Logistik, Service, Marketing und Vertrieb.

Zwar stehe die künstliche Intelligenz, mit deren Hilfe Maschinen eigenständige Entscheidungen treffen können, noch ganz am Anfang, sagt Kagermann. „Eine Reihe von Unternehmen hat die Bedeutung erkannt und investiert bereits kräftig“, sagt er. Ein Durchbruch auf breiter Front werde noch dauern, „aber in den nächsten Jahren wird es keinen Bereich des Lebens geben, der davon nicht betroffen sein wird“, sagt er voraus. „Da kommt noch eine riesige Welle auf uns zu.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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