Industrieland Polen: Im Schatten des großen Nachbarn

Industrieland Polen: Im Schatten des großen Nachbarn

, aktualisiert 22. April 2017, 15:48 Uhr
Bild vergrößern

Die Firma aus Südpolen expandiert in den Westen Europas.

von Martin WocherQuelle:Handelsblatt Online

Polen als diesjähriges Partnerland der Hannover Messe will weg von seinem Image als verlängerte Werkbank für europäische und amerikanische Industrie- und Technologiekonzerne. Doch der Weg dorthin ist schwierig.

KrakauDas schwer beladene Containerschiff kämpft sich durch die haushohen Wellen des Nordatlantiks, als die Warnlampe das Kontrollzentrum im Hunderte Seemeilen entfernten Oslo in flackerndes Rot taucht. Das Alarmzeichen reißt den diensthabenden Ingenieur aus seiner Routine – irgendwas ist auf dem Schiff nicht in Ordnung. Ein Signal auf dem mannhohen Bildschirm weist nicht nur die genaue Position des Frachters aus, sondern gibt gleich einen Hinweis auf die Fehlerursache: Der Diesel macht Probleme, in wenigen Stunden muss ein Ersatzteil ausgetauscht werden, soll die Maschine nicht zum Stillstand kommen.

Vier Software- und Entwicklungsingenieure des Schweizer Elektrokonzerns ABB beobachten konzentriert die Simulation von ihren Monitoren aus. Sie gehören zu dem Team, das dieses System der permanenten Überwachung von Schiffen gekoppelt mit technischer Unterstützung rund um die Welt entwickelt hat. Nicht in Norwegen und nicht in den Schweizer Bergen, sondern in Krakau, der malerischen Studentenstadt im Süden Polens. „Hier sitzen die Spezialisten zur Umsetzung von mechanischer Analytik und Softwareverfahren“, sagt Reiner Schoenrock, Kommunikationschef für Innovationen beim Siemens-Konkurrenten.

Anzeige

Sechs solcher Kontrollzentren hat ABB seit 2015 rund um den Globus aufgebaut. Sie überwachen inzwischen 650 Kreuzfahrtschiffe, Containerfrachter und Ölplattformen – alles Sparten des maritimen Gewerbes, in denen ein technischer Ausfall viel Geld kostet und zudem das Image ramponiert. Millionen Daten werden dafür aus Hunderten Kontrollpunkten eines Schiffes ausgelesen und gewichtet, Unregelmäßigkeiten so schnell erfasst.

Diese werden den Reedereien und Schiffsingenieuren übermittelt, „oftmals schon, bevor sie das Problem selbst bemerkt haben“, sagt Schoenrock. „Unsere Techniker sehen die Fehler, wenn sie entstehen.“ Kommt der Mann an Bord nicht weiter, loggen sich Spezialisten von außerhalb in die Schiffscomputer und -systeme ein und helfen bei der Lösung. Das spart Zeit und viel Geld, denn Schiffe, die nicht fahren, bringen nichts ein.

Die Kontrolle der modernen Seefahrt beschäftigt nur eins von 25 Labs, also Forschungslabore, die ABB hier in den Gewölben eines ehemaligen Pferdestalls unweit der Krakauer Altstadt unterhält. Das Gebäude gehörte mal zur Residenz der Barone de Puget, die den Komplex hochherrschaftlich und großzügig Ende des 19. Jahrhunderts errichten ließen. Jetzt wird hier an Projekten wie der drahtlosen Energieübertragung geforscht oder der Rückgewinnung von Bremsenergie bei Zügen.

Rund 700 Ingenieure und Softwareentwickler aus vielen Ländern arbeiten für ABB in Polen, mit knapp 4 500 Mitarbeitern ist der Schweizer Konzern einer der größten industriellen Arbeitgeber im Land. Krakau punktet mit seinen 210 000 Studenten – ein schier unerschöpfliches Reservoir an jungen Talenten, die längst das Interesse anderer internationaler Konzerne wie Google, RWE oder Capgemini geweckt haben.

Verstärkte Forschung und Innovationen – das entspricht ganz der Strategie der neuen rechtskonservativen Regierung Polens. Das Land will weg von seiner Rolle als verlängerte Werkbank für westeuropäische Industriefirmen und nicht länger auf seine Vorteile als kostengünstiger Produktionsstandort reduziert werden. Doch die Analyse des Istzustands fällt selbst beim optimistisch gestimmten Vize-Wirtschaftsminister ernüchternd aus: „Rund 99 Prozent aller polnischen Firmen sind Klein- oder Mittelbetriebe“, sagt Tadeusz Koscinski. „Sie konzentrieren sich meist auf den Binnenmarkt und haben kein Interesse am Export.“


Umschwung mit Industrie 4.0

Neue geschäftsträchtige Ideen haben es schwer, in diesem Umfeld zu gedeihen. Ein polnisches Siemens ist auf absehbare Zeit nicht in Sicht – kein Wunder, dass sich die bekannten Namen der europäischen Industrie in Polen ein Stelldichein geben. Sie füllen das Vakuum, das die staatlichen Betriebe nach ihrem Zusammenbruch kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hinterlassen haben.

Ähnlich wie die Kombinate in der ehemaligen DDR waren sie nicht wettbewerbsfähig. Das Nachbarland ist ein attraktiver Absatzmarkt mit seinen 38 Millionen Einwohnern und ein interessanter Fertigungsstandort. Die Menschen hier sind gut ausgebildet, das Lohnniveau liegt bei einem Viertel dessen, was in deutschen Fabriken bezahlt wird. Zudem pumpt die EU über ihre verschiedenen Fördertöpfe massiv Geld in das Land: Über 80 Milliarden Euro werden es in den kommenden Jahren sein, die vor allem die Infrastruktur rund um Autobahnen, Bahnnetze oder auch Klärwerke verbessern sollen.

Um mehr Investoren zu locken, aber auch um die eigene Industrie zu stärken, hat sich die Regierung in Warschau ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Da das Land quasi die zweite und dritte Stufe der Industrialisierung verpasst hat und Roboter immer noch Exoten in vielen polnischen Fertigungshallen sind, soll jetzt die Digitalisierung im Zuge der Vierten Industriellen Revolution den Umschwung bringen.

„Wir wollen die Zusammenarbeit zwischen Firmen und Universitäten verbessern, Start-ups finanziell fördern und so an der digitalen Revolution 4.0 teilnehmen“, sagt Vize-Minister Koscinski. Ein Schritt dorthin soll die Teilnahme vieler polnischer Firmen an der Hannover Messe sein: Polen ist in diesem Jahr Partnerland der weltgrößten Industrieschau, die sich seit geraumer Zeit der Digitalisierung industrieller Produktion verschrieben hat.

Die Elektrotechnikfirma Medcom am Rande von Warschau ist eine dieser Erfolgsgeschichten, von denen sich Polens Regierung mehr wünschen würde. In der Wendezeit 1988 von vier Ingenieuren gegründet, erzielt der Energietechnik-Spezialist für Züge, Straßenbahnen und Industrieinstallationen inzwischen mit seinen 250 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 60 Millionen Euro. Die Firma wächst schnell, liefert Umrichter und Transformatoren.

Rund sechs Prozent ihres Umsatzes steckt Medcom in die Forschung – das ist viel für eine polnische Industriefirma. Nur jede achte investiert ähnlich viel in neue Produkte, in Deutschland sind es im Maschinenbau ein Drittel aller Unternehmen. „Wir konzentrieren uns auf Nischenprodukte für Bus und Bahn“, sagt Piotr Wronski, Vizepräsident der Firma.

Medcom hat es so auf die Zuliefererliste des polnischen Nahverkehrszug- und Straßenbahnherstellers Newag geschafft, der sich ansonsten gern von deutschen Firmen beliefern lässt: So sorgt Knorr-Bremse für den rechtzeitigen Halt der Schienenfahrzeuge, die beiden Steckverbindungsspezialisten Harting und Weidmüller liefern Produkte für die sichere Elektrik und Signalübertragung. Newag – schon vor 141 Jahren gegründet und 2003 privatisiert – tritt erst seit neun Jahren als Zughersteller in Erscheinung und feiert dafür bemerkenswerte Erfolge: Vor vier Jahren wurden die ersten Waggons für die Metro in Warschau ausgeliefert, Kooperationspartner war der deutsche Industriekonzern Siemens.


Lieferanten spüren den Kostendruck

2016 erhielten beide Partner den Auftrag, die U-Bahn in der bulgarischen Hauptstadt Sofia mit Zügen und Zugsicherungssystemen auszurüsten. Siemens steuert Wagenkästen, Drehgestelle sowie Antriebstechnik bei, bei Newag in Nowy Sacz im Süden des Landes findet die Endmontage, der Prüfungstest und die statische Inbetriebnahme statt.

Dabei ist der Zughersteller mit seinen 250 Millionen Euro Umsatz und 1140 Mitarbeitern ein industrieller Zwerg im Reigen der großen Bahnhersteller in Europa wie Siemens, Bombardier oder Alstom. Allein Marktführer Bombardier macht weltweite Geschäfte in der Größenordnung von zehn Milliarden Euro. Doch polnische Hersteller wie Pesa oder auch Newag werben mit ihren günstigen Herstellungskosten: Auch wenn viele Zulieferteile aus Westeuropa kommen – zwischen 20 und 30 Prozent, schätzt Vorstand Jozef Michalik, könne Newag seine Triebwagen und Waggons günstiger als die Konkurrenz anbieten.

So wird in den Hallen viel mit der Hand gearbeitet: In den Triebwagen hämmern und schweißen Arbeiter in ihren Blaumännern an der stählernen Karosserie – Arbeitskraft ist hier günstig zu haben. Wer mehr als umgerechnet 1000 Euro im Monat verdient, kann sich glücklich schätzen.

Den Kostendruck spüren die Lieferanten: „Polen ist ein sehr preissensitiver Markt, die Verhandlungen sind hart“, heißt es bei Weidmüller. „Trotzdem verlangen unsere Kunden hohe Qualität.“ Denn nur in der Kombination aus Zuverlässigkeit und niedrigen Preisen haben polnische Firmen eine Chance, auf den westeuropäischen Märkten Fuß zu fassen.

Das handwerkliche Geschick polnischer Arbeiter und die geringen Lohnkosten nutzen auch zahlreiche deutsche Mittelständler, wie der Automatisierungsspezialist Festo oder der Antriebstechnikhersteller Lenze, ein Familienunternehmen aus dem niedersächsischen Hameln. „Unser Werk hier in Tarnow erwirtschaftet einen Kostenvorteil für die gesamte Lenze-Gruppe“, sagt Innovationsvorstand Frank Maier. Produziert werden hier Getriebewellen, Gehäuse, aber auch komplette Getriebemotoren für die Industrie. „Dabei gibt es keine Qualitätsunterschiede zu den anderen Werken“, sagt Maier. „Es wird nur günstiger produziert.“

Ein Stück weiter ist da schon der schwäbische Automatisierungsspezialist Festo aus Esslingen bei Stuttgart. In der polnischen Hauptstadt Warschau lässt Festo Schaltschränke für die Steuerung von Industrieanlagen produzieren. „Die Kundenwünsche sind sehr spezifisch“, sagt Marcin Zygadlo, Geschäftsführer von Festo in Polen. Selbst innerhalb eines Konzerns wie beispielsweise Volkswagen, sähen Schaltschränke von Audi, VW oder Porsche immer anders aus. Dass die individuelle Fertigung in Polen stattfindet, hat was mit Kosten zu tun, aber nicht nur: „ Wir sind schnell und wir sind flexibel“, sagt Zygadlo.

Inzwischen hat Festo die Produktion wie auch die Entwicklung sehr kundenspezifischer Lösungen nach Polen transferiert. Hier findet sich eins der drei weltweiten Applikationscenter des mittelständischen Konzerns mit zuletzt rund 2,7 Milliarden Euro Umsatz. Festo kommt damit den Vorstellungen der polnischen Regierung entgegen: eine fortschreitende Re-Industrialisierung mit höherer Wertschöpfung und der Entwicklung eigener Produkte. Die größte Volkswirtschaft Mitteleuropas würde sich damit ein Stück unabhängiger machen vom mächtigen Nachbarn Deutschland – auch mit dessen Hilfe.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%