Innovationen: Chefsache Kreativität

Innovationen: Chefsache Kreativität

, aktualisiert 25. Mai 2017, 11:27 Uhr
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Ein Navigationssystem der Firma Fiagon richtet Instrumente bei einer Operation aus.

von Gian HessamiQuelle:Handelsblatt Online

Der Umsatzanteil neuer Produkte sinkt bei vielen Mittelständlern seit Jahren. Häufig fehlen ihnen die Ideen und die finanziellen Mittel. Warum es sich für diese Unternehmen lohnen kann, neue Wege zu gehen.

AachenInnovation ist für die Fiagon AG kein Fremdwort. Im Gegenteil. Sie steht im Mittelpunkt der Unternehmensphilosophie. Die Brandenburger entwickeln, produzieren und vertreiben elektromagnetische Navigationssyteme für chirurgische Eingriffe. Sie sitzen an der Spitze der chirurgischen Instrumente und können Instrumente im Körperinneren genau ausrichten und positionieren. Chirurgen führten mit Hilfe dieser neuen Technik in den vergangenen Jahren bereits mehr als 100.000 Operationen in über 50 Ländern durch. Der Lohn für die Firma mit ihren 43 Mitarbeitern: Beim Innovationswettbewerb Top 100 wurde sie zum „Innovator des Jahres 2016“ ausgezeichnet.

Fiagon hat Innovationen zur Chefsache gemacht. Die Firmenleitung widmet zwei Drittel ihrer Arbeitszeit Innovationen. Im Jahr 2014 reinvestierte das Unternehmen ein Fünftel seines Jahresumsatzes, um Technologien zu verbessern und voranzutreiben.

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Davon können andere Mittelständler nur träumen. Denn häufig fehlen ihn nicht nur die Ideen, sondern auch die finanziellen Mittel, um diese zu entwickeln. Die KfW-Bankengruppe und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag warnen davor, dass die Zahl der innovativen Mittelständler seit Jahren sinkt und große Konzerne den kleinen und mittleren Unternehmen bei der Innovationsaktivität bald enteilt sein könnten. Laut KfW haben 2004 noch rund 43 Prozent der Mittelständler mehr als die Hälfte ihres Umsatzes mit neuen Produkten oder Dienstleistungen erwirtschaftet. Dieser Wert sei auf 31 Prozent geschrumpft.

Eine paradoxe Entwicklung. Denn die Digitalisierung ermöglicht neue Produkte und Dienstleistungen. Innovationszyklen werden immer kürzer. „Innovationen haben durch die erhöhte Geschwindigkeit eine immer geringere Halbwertszeit. Die Mittel der mittelständischen Firmen reichen häufig nicht aus, um innovative Geschäftsmodelle, die sich auszahlen, schnell genug zu etablieren“, sagt Sven Oleownik, Partner und Head of Germany der Investmentgesellschaft Gimv. Zudem müssten Unternehmen oft in mehrere Bereiche parallel investieren, wofür die Mittel in Summe nicht ausreichten.

Die Banken spielen da meist nicht mit. Sie sind aufgrund fehlender Sicherheiten für eine Finanzierung neuer Ideen nicht zu haben. Daher brauchen Mittelständler Mut zum Umdenken, um neue Wege zu gehen. Ein Vorbild könnte das Corporate Venturing sein: Große Konzerne wie Merck, Bosch, Vorwerk oder BMW haben mit Start-ups längst eigene Inkubatoren gegründet. Immer mehr Mittelständler eifern den Konzernen nach und beteiligen sich an Start-ups.


Zurückhaltende Investoren

„Firmen müssen bereit sein, sich zu öffnen, denn sie stehen im Wettbewerb mit anderen Unternehmen, die mehr Kapital zur Verfügung haben und somit auch schwierigere Phasen leichter überstehen können. Viele befürchten, dass ihnen Investoren von außen vorschreiben, wie sie ihre Geschäfte machen sollen“, berichtet Oleownik. Neben Beteiligungsgesellschaften und strategischen Partnerschaften gibt es nur wenige Optionen, um das notwendige Eigenkapital zu beschaffen. „Die Nachwehen des Neuen Marktes schüren bis heute Unsicherheit bei den Unternehmen und Investoren. Vielen ist ein Börsengang zu umständlich, zu teuer und zu ungewiss“, so der Experte.

Oleownik verweist auf den Paradigmenwechsel, der seiner Meinung nach bei Private-Equity-Häusern stattgefunden hat. Früher gab es oft das Bild der gefräßigen Heuschrecken, die schnellstmöglich Profit aus Unternehmen schlagen wollten und diese nach kurzer Zeit verkauften. Damals waren überwiegend Finanzexperten bei den Finanzinvestoren tätig, die vielleicht auf schnelle Renditen geschielt haben. „Private-Equity-Gesellschaften haben sich in den letzten Jahren immer mehr operatives Know-how für Branchen ins eigene Team geholt und arbeiten heute eher langfristig und partnerschaftlich mit den Firmen zusammen.“ Aber auch die Unternehmer selbst sind seiner Ansicht nach offener geworden. „Viele Firmen erkennen, dass sie ihre Wachstumschancen, die oft fernab – etwa in Asien – oder in anderen Aktivitäten und Geschäftsmodellen liegen, allein nicht erschließen können. Aus diesem Grund sind sie zunehmend bereit, ihre Gesellschaftsstruktur für neue Partnerschaften zu öffnen, und verursachen damit zusätzlichen Druck auf diejenigen, die dazu nicht bereit sind“, sagt Sven Oleownik.

Trotz des mentalen Wandels vieler Mittelständler halten andere noch an traditionellen Strukturen fest. Kooperationen sind häufig noch unerwünscht. Laut dem KfW-Innovationsbericht Mittelstand gibt der Großteil der nicht kooperierenden Unternehmen als Grund dafür keinen Bedarf an einer Kooperation an. Ein zu hoher Zeitaufwand sowie die Offenlegung des eigenen Know-hows werden als weitere Gründe genannt.

„Bevor man Investitionen angeht, sollte man sich klarmachen, was die eigene Kernkompetenz sowie die zukünftige Geschäftsstrategie ist“, sagt Martin Keller, Leitung Product Management Firmenkunden bei der Commerzbank. Letztere könne sich in Zeiten der Digitalisierung und Industrie 4.0 durchaus signifikant ändern. „Hat man für sich geprüft, wo man seine Kernkompetenzen hat, sollte man hier als kleines Unternehmen den Fokus auf die Eigeninitiative setzen“, empfiehlt der Experte. Bei den Randthemen sollten die Unternehmen nach Partnerschaften suchen. Wenn die Kernkompetenz die Produktion ist, wäre es beispielsweise sinnvoll, sich einen Partner für den Vertrieb oder den Einkauf zu suchen.

Innovative Unternehmen zeichnen sich im Übrigen nicht allein durch erfolgreiche Produkte und Dienstleistungen aus. Ideen können nur in einem guten Arbeitsumfeld gedeihen. „Innovation bezieht sich nach meinem Verständnis nicht nur auf Produkte, sondern auch auf Organisationsstrukturen und interne Prozesse. Ständig den Istzustand zu hinterfragen ist Teil des Innovationsprozesses, der im Mittelstand eher zyklisch als kontinuierlich ausgeprägt ist“, sagt Arnd Schienstock, Partner beim Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen PKF Fasselt Schlage.

Er empfiehlt seinen Mandanten häufig, Innovationsprojekte in eine Zweckgesellschaft auszulagern: „Diese ist besonders in der Phase vorteilhaft, in der der wirtschaftliche Erfolg der Innovation noch nicht feststeht.“ In der Zweckgesellschaft könnten Firmen Risiken begrenzen und vom übrigen Unternehmensvermögen separieren.

Quelle:  Handelsblatt Online
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