Insider Insights: „Ich hasse Bargeld“

Insider Insights: „Ich hasse Bargeld“

, aktualisiert 07. März 2016, 11:33 Uhr
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Christian Miele ist Investor beim globalen Venture Capital Fond e.ventures und Vorstandsmitglied beim Bundesverband Deutsche Startups.

Quelle:Handelsblatt Online

Warum es am besten wäre, Scheine und Münzen ganz abzuschaffen, statt eine Bargeldobergrenze zu verhängen, und wie die Start-up-Szene eine virtuelle Finanzwelt schaffen könnte, erklärt Internet-Investor Christian Miele.

Wer braucht denn heute noch Bargeld, und was bitte hat Bargeld überhaupt mit Freiheit zu tun? Diese Frage stelle ich mir angesichts der Diskussion um eine gesetzliche Bargeldobergrenze. Persönlich empfinde ich Geldscheine und Münzen im Portemonnaie als lästig, und es ärgert mich, wenn ich im Dönerladen nicht mit Karte bezahlen kann. Daher gehe ich nun noch einen Schritt weiter: Ich hasse Bargeld sogar – und ich will, dass es von dieser Welt verschwindet.

Wie das funktionieren kann, haben uns unsere europäischen Nachbarn vorgemacht. Schon vor mehreren Jahren haben zahlreiche EU-Staaten eine Obergrenze für Bargeld eingeführt. Zum Beispiel Schweden und die Niederlande. Auch in den Vereinigten Staaten gibt es sie. Weniger als die Hälfte aller Zahlungen erfolgen dort noch in bar. Und wieder einmal hinkt Deutschland hinterher und klammert sich an langwierigen Diskussionen fest.

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Wir sind hier einfach mal wieder wir. Denn manch einer hängt immer noch dem Gedanken nach, dass Bares geprägte Freiheit sei. Demnach führe das Geldscheinverbot im täglichen Leben auf lange Sicht zu Freiheitsentzug und staatlicher Kontrolle. Doch meiner Meinung nach führt diese Debatte in die Irre. Schließlich zahlen die Nordkoreaner auch mit Bargeld und ihr Land ist alles andere als frei. Also ist Bares nicht mit Freiheit gleichzusetzen.

Das Problem ist das Finanzsystem selbst, das wir nicht verstehen. Zentral gesteuert von Menschen, denen wir Bürger nicht vertrauen. Aber ich sehe hier etwas Gutes voraus: Neue Technologien werden dieses System demokratisieren, dezentralisieren und liberalisieren. Die Vorbereitungen sind im vollen Gange. Die sogenannte „Blockchain“-Technologie ist in Gesprächen zwischen Gründern und Investoren ein großes Thema. Ich gebe zu, dieses digitale Finanzsystem steht technisch noch am Anfang und weist noch einige Macken auf. Aber man sollte ihm noch ein paar Jahre geben... Ich tue es.

Bares ist eben nicht gleich Wahres. In einem Bündel voller Geldscheine lässt sich auch die eine oder andere Blüte finden. Der Grund: Bargeld lässt sich verhältnismäßig leicht fälschen. Kriminelle wickeln damit ihre illegalen Geschäfte ab, damit sie keine Spuren hinterlassen. Der volkswirtschaftliche Schaden, der durch diese krummen Deals entsteht, kostet den Staat, die Unternehmen und letztlich uns alle Milliarden Euro im Jahr. Für mich persönlich ist Bargeld daher ein Werkzeug, das jeder stets griffbereit in der Hosentasche hat, und auf diese Weise ein unlauteres System unterstützt.

Warum wir uns trotzdem so schwer tun, diese Bazillenschleudern abzuschaffen? Wenn die Alternative, also ein rein digitales Finanzsystem, öffentlich diskutiert wird, spielt Angst eine große Rolle. Denn wir fühlen uns in einer digitalen Welt stets von allem und jedem verfolgt – selbst beim Zahlungsverkehr. Wir fürchten uns irgendwann unter der Kontrolle von Konzernen zu stehen, die wie Datenjunkies daherkommen. Umso wichtiger ist der verantwortungsvolle Umgang mit den Daten der Verbraucher.

Kritiker einer virtuellen Finanzwelt sehen darin ein System, das ein gefundenes Fressen für Fieslinge ist, weil es noch bessere Rückschlüsse auf das Verhalten der Menschen zulässt. Die „Blockchain“ kann das lösen.


Warum der Deutsche-Bank-Chef Recht hat

Vereinfacht gesprochen, handelt es sich dabei um ein Computernetzwerk, das wie ein Maschendrahtzaun um den gesamten Planeten gespannt wird. Einen Besitzer gibt es nicht. Jede noch so große oder kleine Transaktion würde dann durch das Netzwerk an unterschiedlichen Orten geprüft. Gäben einzelne Computer das Okay, fließe Geld. Bliebe die Zustimmung aus, könnte kein Geld überwiesen werden. Zu den einzelnen Transaktionen zwischen den Computern gäbe es codierte Kontoauszüge. So einfach könnte alles sein.

Meiner Meinung nach wird John Cryan, neuer Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, Recht behalten: In zehn Jahren wird es kein Bargeld mehr geben. Was der gebürtige Brite wohl insgeheim hofft, aber nicht ausspricht: In einer Welt ohne Bares hätten die Banken noch mehr Macht über ihre Kunden. Dieses Szenario wird aber nicht eintreten. Denn ich bin davon überzeugt, dass eine dezentrale Technologie eines Tages die Rolle der Notenbanken und der klassischen Finanzinstitute ablösen wird. Das wäre eine günstige und zugleich sichere Technologie in einem freien System.

Das erste Mal in unserer Geschichte könnten wir Geld dann tatsächlich als Freiheit verstehen.

Christian Miele ist Investor beim globalen Venture Capital Fond e.ventures und Vorstandsmitglied des Bundesverbands Deutsche Startups. Miele symbolisiert den Dreh- und Angelpunkt zwischen der Old Economy und New Economy – dabei fühlt er sich Traditionen verbunden und Innovationen gegenüber verpflichtet. Alle zwei Wochen schreibt Miele die Kolumne „Insider Insights” aus dem Herzen der Gründerszene für Deutschlands führende Wirtschafts- und Finanzzeitung Handelsblatt.

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Quelle:  Handelsblatt Online
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