Insider Insights: Was der Brexit für britische Start-ups bedeuten würde?

Insider Insights: Was der Brexit für britische Start-ups bedeuten würde?

, aktualisiert 20. Juni 2016, 15:03 Uhr
Bild vergrößern

Sie werden es schwer haben in Großbritannien nach einem EU-Austritt: junge Gründer.

von Christian MieleQuelle:Handelsblatt Online

Nach einem EU-Austritt könnten in Großbritannien nur unter sehr erschwerten Bedingungen große Start-ups entstehen, sagt Christian Miele. Für ihn als Investor ist klar, dass er dann einen großen Bogen um das Land macht.

Austreten oder Bleiben – Stadt- gegen Landbevölkerung, Arm gegen Reich, Vorwärts gegen Rückwärts, Jung gegen Alt, schwere Dampfmaschinen gegen federleichte Technologie-Start-ups. In etwa so, wenn auch sehr vereinfacht, verhält sich aktuell die gesellschaftliche Gemengelage unserer britischen Nachbarn.

Sie sind verwirrt. Die Fronten sind verhärtet. Das Rennen um die Zukunft des Landes, welches diese Woche entschieden wird, scheint ein Kopf-an-Kopfrennen zu werden. Ausgang ungewiss. Aber was genau würde sich denn überhaupt für die Start-ups verändern?

Anzeige

Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass insbesondere London ein wichtiger Marktplatz für Investoren und Start-ups ist. In Europa gibt es neben der britischen Hauptstadt noch Berlin und Tel Aviv als ernstzunehmende Ökosysteme, wo Kapital und Know-How in relevanten Dosen aufeinandertreffen. Jahr für Jahr wächst hier die Menge an verfügbarem Venture Capital, sowie die Anzahl der Gründungen; viele europaweit agierende Start-ups, wie etwa Deliveroo, Azimo oder Secret Escapes, haben in dieser Stadt ihren Ursprung. London ist also von der Bildfläche Europas als Start-up-Stadt nicht wegzudenken.

Nun ist es kein Geheimnis, dass Großbritannien von Meerwasser umgeben und damit physisch vom Rest Europas getrennt ist. Was aber viele vergessen: Die Briten haben trotzdem einen unstillbaren Appetit am Austausch mit dem Rest Europas. Als fünfgrößte Wirtschaftsmacht der Welt wird die Hälfte aller Exporte über Mitgliedstaaten unserer Wirtschaftsunion abgewickelt. Start-ups kommen dem Land dabei zugute, waren die Briten bis dato doch sehr stark auf den Finanzmarkt angewiesen, der das BIP des Landes maßgeblich treibt.

In den vergangenen Jahren hat die Regierung um Premier David Cameron viel dafür getan, sich über junge Technologiefirmen ein weiteres, wirtschaftlich starkes Standbein zu schaffen. Würden die Briten nun aus der EU austreten, würde ihnen ein ganz wesentlicher Teil eines adressierbaren Gesamtmarktes verlorengehen, weil die Exporte in Mitgliedstaaten unserer Wirtschaftsunion einbrechen würden. Die Briten riskieren, den Zugang zum sogenannten Single Market, der Wirtschaftsunion.


Unüberlegt im Werben um künftige Fachkräfte

Eine ganz wesentliche Einschränkung für Start-ups wird außerdem der Verkehr spezialisierter Fachkräfte sein. Wie in den meisten Ländern der EU herrscht ein Mangel an Fachkräften in unterschiedlichen Bereichen – so auch insbesondere im IT-Bereich. Ein Austritt hätte zur Folge, dass Einreisebeschränkungen und bürokratische Hürden für Arbeitserlaubnisse dazu führen würden, dass ausländische Spitzenkräfte keinen Anreiz mehr darin sehen würden, im Vereinigten Königreich zu arbeiten. Die Herausforderung ist heute schon omnipräsent für alle Mitgliedstaaten der EU, herrscht doch ein Mangel an gut ausgebildeten Menschen. Der Brexit wäre eine zusätzliche Hürde für die Briten und ein unüberlegter Schritt, um künftig Fachkräfte anzuziehen.

Ein weiterer relevanter Faktor sind Fördermittel, die zu gewissen Teilen für die britischen Gründer wegfallen würden. Denn auch die EU stellt diese Gelder bereit; im Falle von Großbritannien sogar wesentlich. So sind in den vergangenen Jahren bis zu 15 Prozent aller internationalen Zuzahlungen in das Tech-Ökosystem geflossen. Für die Start-up-Szene auf der Insel wäre das ein herber Einschnitt in das zur Verfügung stehende Kapital.

Nicht zuletzt würde sich die britische Gründerszene außerdem nicht für die Digitalunion, den Digital Single Market, qualifizieren. Damit würden dem Land als Nicht-Mitglied der EU zahlreiche Vorteile verlorengehen. Das momentan noch in Arbeit befindliche Paket soll bald auf den Markt gebracht werden und es Start-ups leichter machen, ihre Produkte und Dienstleistungen länderübergreifend anzubieten. Damit wäre ein wichtiger politischer Akt getan, der dem europäischen Haus und seinen technologischen Pflänzchen eine Möglichkeit geben wird, es mit dem Silicon Valley aufzunehmen. Durch einen Brexit würde sich Großbritannien selbst auf die Ersatzbank stellen.

Wie auch immer die Entscheidung ausfallen wird. Für mich als Investor ist klar: Ich werde um Großbritannien einen großen Bogen machen, weil dort nach einem EU-Austritt nur unter sehr erschwerten Bedingungen große Start-ups entstehen können. Die oben genannten Gründe erschweren es einem ohnehin schon fragilen System, erfolgreiche und große Firmen zu produzieren. An anderen Stellen auf der Welt beobachte ich kluge, gegensätzliche Entwicklungen: Politiker tun alles dafür, um ihr Land für die Digitalisierung zu öffnen – siehe Estland oder Rumänien. Es wäre schade, wenn die Briten ihre sehr gute Ausgangslage verspielen sollten. Für Europa. Für die Gründerszene. Für mich als VC.

Christian Miele ist Investor beim globalen Venture Capital Fond e.ventures und Vorstandsmitglied des Bundesverbands Deutsche Startups. Miele symbolisiert den Dreh- und Angelpunkt zwischen der Old Economy und New Economy – dabei fühlt er sich Traditionen verbunden und Innovationen gegenüber verpflichtet. Alle zwei Wochen schreibt Miele die Kolumne „Insider Insights” aus dem Herzen der Gründerszene für Deutschlands führende Wirtschafts- und Finanzzeitung Handelsblatt.

Treten Sie mit Christian Miele auf Twitter in Kontakt:

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%