Insider Insights: Was Politik nicht schafft, werden Gründer schon richten

Insider Insights: Was Politik nicht schafft, werden Gründer schon richten

, aktualisiert 06. September 2016, 19:07 Uhr
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Christian Miele ist Investor beim globalen Venture Capital Fond e.ventures und Vorstandsmitglied beim Bundesverband Deutsche Startups.

von Christian MieleQuelle:Handelsblatt Online

Die Generation der Millennials wird von der Politik vernachlässigt. Doch Ohnmacht und Hilflosigkeit dürfen im Gründer-Zeitalter nicht die Antwort darauf sein. Ein Appell von Internet-Investor Christian Miele.

Ich habe ein Sonntagsritual. Nachdem ich früh aufstehe, setze ich mich irgendwo in ein gemütliches Frühstückscafé. Meistens eines, wo die Speisekarte auf recyceltem Papier per Hand geschrieben und auf einem Holzklemmbrett festgemacht wurde. Am Liebsten bestelle ich dann irgendwas mit Avocado und trinke frisch gepresste Säfte. Das fühlt sich gesund und richtig an. Der eigentliche Höhepunkt des Rituals ist für mich aber immer das Zeitunglesen, ohne, wie sonst eigentlich durchgehend, vom nächsten Termin gejagt zu werden.

Vor einiger Zeit dann stieß ich an so einem Sonntag in der „Zeit“ auf einen Kommentar von Alard von Kittlitz, der mich nicht mehr loslassen sollte. In seinem Stück schlägt der Autor als Vertreter meiner Generation, der Generation Y, Alarm. Er erklärt anhand von Zahlen und logischen Abfolgen, so wie ich es mag, ein Phänomen: Die Alten in Deutschland bekämen mehr und mehr Geld in Form von Rentengeschenken und die Jungen müssten das dann ausbaden, so die Argumentation.

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Rein mathematisch vergeht die Politik sich hier an den Millennials. Das Konzept kann nämlich nicht funktionieren. Es gibt schlicht nicht genügend junge Menschen, um die vielen Alten, die noch viel älter werden, langfristig durchzufüttern, ohne dass diese in Altersarmut verkümmern. In meinem Kopf geht hier ein rotes Warnlämpchen an. Unangenehm wird es dann an dem Punkt, wo klar wird, dass sich dieser Umstand nicht ändern wird, sondern ganz im Gegenteil, vermutlich sogar weiterhin verschlimmern wird.

Menschen, die zwischen 1980 und heute geboren wurden, fallen in der deutschen Wählerschaft kaum ins Gewicht, wie das Statistische Bundesamt zeigt. 2017 wird mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten älter als 50 Jahre sein. Gleichzeitig wird die Alterskohorte im erwerbsfähigen Alter in den nächsten drei Jahrzehnten besonders stark schrumpfen.

Demokratie, oder besser gesagt Politik, funktioniert eben doch anders: Um gewählt zu werden, braucht eine Partei Stimmen. Wo bekommt man die? Bei der großen Zahl der Alten. Und was heißt das für die Jungen? Anstatt üppiger Renten müssen diese später Pfandflaschen sammeln, weil im erwerbsfähigen Alter nicht gespart werden konnte. Ganz anders als mein frisch gepresster Saft fühlt sich das überhaupt nicht mehr gesund und richtig an.

Alard von Kittlitz hat der Generation Y aus dem Herzen geschrieben. Dass ihm sein „Zeit“-Kollege Stefan Willeke, selbst Jahrgang 1964 und ein Hüter der Errungenschaften der Babyboomer-Generation, mit einem Gegenschlag die Flügel zu stutzen versucht, empfinde ich dabei als eine typische Reaktion eines Ewiggestrigen: Meckere über das Unvermögen der Jungen. Bewahre, was ist. Wehre Dich gegen Neues. Kämpfe, wenn es sein muss, so beschreibt es Willeke, mit einer Schaufel und wirf mit Sand (das sind übrigens kleine Steine mit Symbolkraft). Es wirkt ein bisschen so, als wolle diese Generation unserer Eltern unterdrücken, was sie nicht kontrollieren und verstehen kann – sind sie doch genauso von ihren Eltern erzogen worden. Wie auch immer, sie können es sich aufgrund ihrer Masse leisten.


Jede Generation hat es selbst in der Hand

Trotzdem regt mich die Gegendarstellung von Willeke zum Nachdenken an. In der haben wir jungen Menschen unsere Zukunft selbst in der Hand. Wir sollten auf keinen Fall irgendwelche Gründe akzeptieren, wenn wir nicht das bekommen, was wir wollen. Dass wir durch ein Gefühl der Ohmacht und Hilflosigkeit lieber im Regen tanzen, MDMA einwerfen, uns mit Netflix und Chillen das Leben versüßen, vegan essen, Crossfit und Yoga praktizieren, Matcha-Tee trinken und unparfümierte Kippen drehen, darf nicht die Antwort einer Generation sein, die sich missverstanden und ungehört fühlt. Resignation ist eine maskierte Form des Beleidigtseins. Und damit machen wir es uns schlichtweg zu einfach. Auch mir persönlich ist das viel zu billig.

Ich dachte lange, die einzigen beiden Dinge, die wir tun können, wären mittelfristig entweder auszuwandern oder langfristig viele Kinder zu machen. Mein Londoner Kollege Fred Destin, Partner beim Venture Capital Investor Accel Partners, der unter anderem in Firmen wie Facebook, Dropbox und Spotify investiert hat, hat mich dann aber auf eine dritte und kurzfristige Alternative aufmerksam gemacht. Er kommentierte jüngst das Brexit-Votum in einer tollkühnen Art und Weise: Gründer und Unternehmer würden die Fehlentscheidungen der Politik schon ausbügeln.

Endlich, das spürte ich, habe ich das fehlende Puzzleteil zum Kommentar von Alard von Kittlitz gefunden. Denn ich gebe Fred recht in seiner Aussage. Sind es doch immer die Kreativen, Eifrigen und Gewillten, die in jedem Chaos trotzdem Chancen entwickeln und sich unter keinen denkbaren Umständen unterkriegen lassen. Ganz im Gegenteil: Unternehmer gehen ihren eigenen Weg und gestalten die Zukunft aktiv, in der sie irgendwann leben möchten. Sie übernehmen Verantwortung und handeln. Dass ist es, was auch unsere Generation tun kann, dafür brauchen wir keine politische Rückendeckung. Nein, dafür braucht es nicht einmal einen Abschluss aus Harvard. Sich für sich selbst stark zu machen, ist kostenlos und braucht kein Parteiprogramm.

Das, und genau das, ist daher mein Appell an meine Generation: Gestaltet die Zukunft aktiv, in der ihr leben wollt, unabhängig von politischen Mehrheiten. Wir sind frei, wir haben Rechte und wir haben Zugriff auf ein unendliches Sammelsurium von Informationen. Wir können uns, vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte, alles nehmen was wir haben wollen – ganz ohne Gewalt.

Diese Freiheit aber verpflichtet auch: Gründet Internetfirmen, eröffnet Restaurants, entwickelt eine eigene Schmuckmarke, beteiligt euch beim Aufbau eines Kindergartens in eurem Kiez. Verwirklicht euch selbst und tut dann alles dafür und kämpft dafür. Schafft vielleicht Arbeitsplätze. Verdient Geld. Gebt weniger davon aus, als ihr einnehmt und sorgt vor. Seid gut in dem, was ihr tut, und entwickelt euch weiter. Seid stolz auf das was ihr schafft. Macht euch unabhängig von einer Politik, die eine politische Minderheit aufgrund ihrer Anatomie überhaupt nicht bevorteilen kann. Und denkt verdammt nochmal größer! Das ist eine der wesentlichen Schwächen, die mir als Investor immer wieder auffällt.

Wir müssen nicht mit Sand und Steinen werfen wie unsere Eltern früher, sondern wir können einfach zum Notar gehen. Wir müssen es nur machen und nicht rumhängen und warten, bis ein System die Ineffizienzen selbst überkommt. Das wird das System nicht tun. Riesige Firmen wie Facebook, Google, Dropbox, AirBnB und viele mehr sind auf dem Rücken großer Krisen entstanden. Welche Ausrede bleibt uns nun?

Christian Miele ist Investor beim globalen Venture Capital Fond e.ventures und Vorstandsmitglied des Bundesverbands Deutsche Startups. Miele symbolisiert den Dreh- und Angelpunkt zwischen der Old Economy und New Economy – dabei fühlt er sich Traditionen verbunden und Innovationen gegenüber verpflichtet. Für das Handelsblatt schreibt Miele die Kolumne „Insider Insights” aus dem Herzen der Gründerszene.

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Quelle:  Handelsblatt Online
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