Insurtechhub: Versicherer in der Knödelküche

Insurtechhub: Versicherer in der Knödelküche

, aktualisiert 21. Juli 2017, 16:46 Uhr
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Der neue Chef des deutschen Rückversicherers kam auch zur Eröffnung des Insurtech Hubs in München.

von Christian SchnellQuelle:Handelsblatt Online

Im München entsteht auf Initiative des Bundes das deutsche Zentrum für Insurtechs. Versicherer und Kreative feiern sich dabei selbst. Dabei sind gerade die technischen Herausforderungen für die Assekuranzen enorm.

Die hohe Luftfeuchtigkeit an diesem Abend lässt noch immer erahnen, dass hier vor zwei Jahrzehnten Kartoffeln gekocht und verarbeitet wurden. Das ehemalige Gelände des Knödelherstellers Pfanni ist seither Treff der Partygänger und der Kreativen. Und immer mehr auch der Versicherer. Die Allianz hat im Werk 3 ihren jungen Wilden ein extrem smartes Arbeitsumfeld eingerichtet.

Gegenüber in Werk 1 feiern am Donnerstag Abend ein Dutzend Versicherer und jede Menge Kreative, dass München von der Bundesregierung jetzt zum Sitz des Insurtech Hubs ausgerufen wurde. Zur Erläuterung: Mit seiner Hub-Initiative will der Bund die Digitalisierung von Schlüsselbranchen beschleunigen.

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Zwölf davon gibt es in Deutschland mittlerweile, alle an unterschiedlichen Standorten. Für Chemie beispielsweise in Mannheim und Ludwigshafen, für Fintechs in Frankfurt oder für Digital Health in Nürnberg und Erlangen. Alle also mit Bezug zu Regionen, in denen die großen Player der jeweiligen Branche ihren Sitz haben. Nur in München gibt es nach dem Mobility Lab jetzt das zweite Zentrum einer Branche.

Die Bezeichnung „DE Hub“ soll vor allem im Ausland irgendwann zum festen Begriff für Innovationen „Made in Germany“ werden. So zumindest stellt sich Stefan Schnoor, der zuständige Vertreter des Bundeswirtschaftsministeriums, die Zukunft vor. Auch sollen sich die Hubs austauschen, auch wenn sie in noch so unterschiedlichen Branchen unterwegs sind.

„Dazu brauchen wir auch keine langen Bärte und Hoodies“, erklärt Bitcom-Chef Achim Berg die typisch äußerlichen Klischees der Tech-Welt nicht zur Grundvoraussetzung für Insurtechs. Schließlich lösen etliche Vertreter der Branche, die auch an diesem Abend in dunklem Anzug und Krawatte erscheinen sind, trotz der tropischen Temperaturen nicht den obersten Hemdenknopf.


Noch geringe Investitionen im Branchenvergleich

Joachim Wenning, seit knapp einem Vierteljahr der neue Chef der Munich Re, hat zumindest auf die Krawatte verzichtet. Der 52-Jährige bezeichnet sich selbst gerne als „Perfektionist“. In einem Umfeld, in dem Versuch und Irrtum zum Alltag gehören und viele gute Ideen den Realitätscheck nicht bestehen, müsste er eigentlich fremdeln. Macht er aber nicht. Alles, was funktioniere, sei perfekt, gibt er sich entspannt. Sein Haus ist einer der Hauptinitiatoren des Hubs, für dessen Gründung es nur sechs Monate ab dem ersten vagen Treffen brauchte.

Dabei sind die Summen, mit denen aufstrebende Unternehmen aus der Versicherungsbranche von der Industrie und von Fonds unterstützt werden, noch immer gering im Vergleich zur IT, Biotechnologie oder Autoindustrie. Bei rund 1,6 Milliarden Dollar soll das Gesamtvolumen im Moment weltweit liegen, haben Experten errechnet. Allerdings taucht der Begriff Insurtech auch seit 2011 erst auf, in anderen Branchen sind junge innovative teils seit Jahrzehnten auf der Suche nach Investorengeldern. Auch ein Indiz, wie lange die Versicherungsbranche in alten Denkmustern verharrt hat.

Das soll sich jetzt alles ändern. Nicht schlagartig, aber kontinuierlich. Der Organismus werde so auf Trab gebracht, so drückt es Munich Re-Chef Wenning später bei der Podiumsdiskussion auf der Bühne aus. Man solle jetzt aber nicht vor lauter Angst vor der Zukunft die Fähigkeiten von Google überschätzen und dabei die eigenen unterschätzen. Und sein Kollegen Achim Mascher, Organisationsvorstand bei der Allianz, mahnt, man müsse die Digitalisierung auch in ihrer ganzen Konsequenz verstehen, um die Wucht zu verstehen, mit der sie die Branche verändert.

Natürlich haben sie sich an diesem Abend auch Expertise von außen geholt, um einen Eindruck zu bekommen, was in den kommenden Jahren auf sie zukommt. Knackpunkt seien schließlich die vielen Dinge, die heute noch nicht vorhersehbar sind, glaubt der Gründer Klaus Hommels. „Veränderungsdruck gibt es erst dann, wenn die Tundra in Flammen steht“ findet er drastische Worte. Soweit ist es in der Versicherungsbranche im Moment noch nicht.

Trotzdem darf auch an diesem Abend das Beispiel Nokia nicht fehlen. Vor zehn Jahren hatten wohl die meisten Menschen im Publikum ein Mobiltelefon der Finnen in der Tasche, heute kaum noch jemand. „Deswegen ist es heute nur eine Frage der Zeit, wie lange es manche Versicherung noch gibt“, spekuliert Robin von Hein, Vorstandschef des mittlerweile etablierten Start-Ups Simpleinsurance. Umgekehrt dürften in dem ganzen Veränderungsprozess in ein paar Jahren auch 99 Prozent der heutigen Start-Ups nicht mehr da sein, prophezeit David Stachon, Vorstandschef des Direktversicherers Cosmos Direkt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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