Internationale Wirtschaft: Chinas neue Seidenstraße nach Athen

Internationale Wirtschaft: Chinas neue Seidenstraße nach Athen

, aktualisiert 23. März 2016, 15:22 Uhr
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„Ein Gürtel, eine Straße“ ist der sperrige Regierungsslogan für das wohl größte außenpolitische Projekt Chinas. Entlang der alten Seidenstraße auf dem Land und über eine neue „maritime Seidenstraße“ sollen neue Märkte erschlossen werden. Insgesamt will China 100 Milliarden Dollar bereitstellen, über einen Fonds, die AIIB-Bank und die BRICS-Bank.

von Gerd Höhler und Stephan ScheuerQuelle:Handelsblatt Online

Peking sieht Griechenland als Tor zu Europa und will den eurasischen Raum mit Milliardeninvestitionen in Wachstumsbranchen wie Logistik und Tourismus vernetzen. Auf dem Einkaufszettel: Häfen und Bahnstrecken.

Peking, AthenChina will einen Mythos wiederbeleben: die legendäre Seidenstraße. Sie steht Pate für ein Großvorhaben des chinesischen Staats- und Parteichefs Xi Jinping. Mit einem Milliardenprojekt soll der alte Traum von einer Verbindung zwischen Pazifik und Mittelmeer Realität werden, mit Milliardeninvestitionen will Peking den eurasischen Raum vernetzen. Eine Eisenbahnstrecke von China bis Duisburg existiert bereits. Jetzt könnte Griechenland zum wichtigen Drehkreuz für Chinas Pläne ausgebaut werden.

Denn neben einem Landweg von der alten Kaiserstadt Xi'an in China über Zentralasien, die Türkei bis nach Deutschland gehört ein neuer Seeweg zur Seidenstraßen-Initiative. Die "maritime Seidenstraße" soll von Venedig über Athen durch den Suezkanal und den Indischen Ozean nach Südchina reichen. Häfen spielen für den Seeweg eine Schlüsselrolle. Und deshalb könnte Griechenland in Chinas Masterplan genau diese Rolle zukommen.

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Das Handelsministerium in Peking hat im Oktober ein 73 Seiten umfassendes Strategiepapier zu Griechenland aufgelegt. Detailliert schildert die Behörde darin die Entwicklung der griechischen Wirtschaft, beschreibt aber auch Risiken durch die Schuldenkrise. "Immer mehr chinesische Firmen investieren in Griechenland", heißt es in dem Papier. Das Ministerium lobt Investitionschancen im Rahmen der Seidenstraßen-Initiativen und hebt etwa den Schiffsbausektor, die Logistik und den Tourismus als potenzielle Wachstumsbranchen hervor.

Vorreiter aus China ist der Mischkonzern Cosco. In zwei Schritten übernimmt das Unternehmen zunächst 51 und nach fünf Jahren weitere 16 Prozent an der Hafengesellschaft von Piräus (OLP), die hinter Griechenlands größtem Hafen steht. Die Übernahme lässt sich Cosco 437,5 Millionen Euro kosten, mindestens weitere 300 Millionen verspricht der Konzern in den nächsten fünf Jahren zu investieren.

Erst im Dezember war Cosco durch die Fusion mit der China Shipping Group zur weltweiten Nummer vier in der Containerschifffahrt aufgestiegen. Aber die Macht des neuen Konzerns hängt an staatlichen Garantien. Denn beide Staatsreedereien waren vor der Fusion hochverschuldet und hatten zuletzt keine Gewinne erwirtschaftet.

Den Chinesen ist ein guter Deal gelungen, glaubt Sun Lijian, Vizedekan der Wirtschaftsfakultät an der Fudan Universität in Schanghai. "Das war ein guter Preis. Natürlich greifen Firmen zu, wenn sie günstig lukrative Investments tätigen können", sagte Sun dem Handelsblatt. Cosco will den Hafen zur Drehscheibe für den Containerverkehr zwischen Asien und Europa ausbauen. Schon jetzt schlagen Konzerne wie Hewlett Packard, Sony, Huawei und ZTE einen Großteil ihrer aus Asien kommenden und für Mitteleuropa bestimmten Lieferungen in Piräus um.


China steht unter Abwärtsdruck

Aber die Pläne gehen noch weiter. Piräus hat den Vorteil, als natürlicher Tiefwasserhafen Containerschiffe aller Größen aufnehmen zu können. Eine wichtige Rolle in diesem Logistikkonzept spielen die Bahnverbindungen, die von Piräus über den Balkan nach Mittel- und Osteuropa verlaufen. Daher ist Cosco an einer Übernahme des staatlichen Bahnbetreibers Trainose und des geplanten Logistikzentrums Thriassio im Westen Athens interessiert, dessen Herzstück ein großer Containerbahnhof ist. Die Regierung von Alexis Tsipras lehnt Privatisierungen eigentlich ab, steht aber unter Druck der internationalen Geldgeber, Staatsbetriebe zu veräußern.

Chinas Regierung und Firmen haben bei den Projekten natürlich auch ihren eigenen Nutzen im Blick. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt steht unter Abwärtsdruck. Im vergangenen Jahr fiel das Wachstum auf den niedrigsten Stand seit einem Vierteljahrhundert. Deshalb suchen chinesische Unternehmen verstärkt nach neuen Absatzmärkten für ihre Produkte.

Die "neuen Seidenstraßen" sind ein Weg, den die Pekinger Staatsführung aufzeigt und für den sie Geld bereitstellt. Aber Griechenland gewinnt auch ohne Regierungspläne an Attraktivität für chinesische Firmen. "Tourismus und Schiffsbau sind vielversprechende Branchen", betont Professor Sun. Im Jahr 2014 war die Zahl chinesischer Touristen im Vergleich zum Vorjahr um rund 70 Prozent auf 100.000 gestiegen und sollte sich 2015 nochmals verdoppeln. Die staatliche Fluggesellschaft Air China hat bereits angekündigt, ab dem 1. Juni größere und neuere Flugzeuge auf der Strecke Athen-Peking einzusetzen.

Auch Cosco setzt in Griechenland auf ein wachsendes Geschäft. Im Jahr 2009 schloss der Konzern einen 30-jährigen Pachtvertrag für zwei Piers des Containerhafens von Piräus. Nicht von allen wurde der Staatskonzern mit offenen Armen empfangen: Die Arbeitnehmerorganisationen warfen den Chinesen Lohnsenkungen und Kürzung von Sozialleistungen vor, Gewerkschafter sollen gefeuert worden sein.

Inzwischen ist die Kritik aber weitgehend verstummt, denn Cosco hat den zuvor defizitären Hafen in die schwarzen Zahlen geführt und Hunderte neue Arbeitsplätze geschaffen. Von 166.000 umgeschlagenen TEU (twenty foot equivalent units) im Jahr 2009 stieg der Verkehr auf 3,7 Millionen Einheiten im Jahr 2015. Piräus war damit der weltweit am schnellsten expandierende Containerhafen. Cosco investiert gerade weitere 143 Millionen Euro in den Ausbau der Hafenanlagen. Die Zeichen stehen auf Wachstum: Bis ins kommende Jahr soll der Umschlag auf 6,2 Millionen Einheiten steigen. Damit wäre Piräus dann der größte Containerumschlagplatz im Mittelmeer.

Die Griechenland-Connection der Cosco-Gruppe geht weit vor das Piräus-Projekt zurück: Eine Anzahl von Schiffen in der Cosco-Flotte gehört griechischen Reedern. So ist Cosco traditionell der größte Charter-Kunde für die griechische Costamare-Gruppe, auf deren Schiffe vier Prozent der weltweiten Container-Kapazität entfallen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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