Internetdienste: Der Charme der Provinz

Internetdienste: Der Charme der Provinz

, aktualisiert 11. November 2016, 10:08 Uhr
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350 Millionen Inder besitzen einen Zugang zum Internet.

von Britta Weddeling und Frederic SpohrQuelle:Handelsblatt Online

Das große Rennen: Google und der Rivale Facebook entdecken Indien für sich und stürzen sich fernab der Metropolen auf die Kunden auf dem Subkontinent. Es gleicht einem Schachspiel mit hohen Einsätzen.

Sainthal, San FranciscoDer neue Wachstumsmarkt von Google riecht nach Bauernhof. Durch die staubigen Wege des Dorfes Sainthal, etwa anderthalb Autostunden von der Millionenstadt Jaipur entfernt, laufen Kühe und Ziegen. Der einzige Stolz des Städtchens ist ein kleiner Tempel. Wer kann, zieht in eine der Megastädte, um dort sein Glück zu suchen.

Doch abgeschiedene Dörfer wie Sainthal rücken immer stärker in das Interesse der Internetkonzerne. 9.000 Internet-Lehrerinnen hat Google ausgebildet, um Dorfbewohnerinnen Grundlagen über das Internet beizubringen. Als Erstes lernen sie dort, wie man mit Googles Suchmaschine etwas findet. Mit einem Fahrrad klappern die Dozentinnen abgeschiedene Städtchen ab, auf dem Gepäckträger ein Dutzend Smartphones - und damit auch die ganze Welt.

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Es ist nur eine Initiative von vielen, mit denen der US-Konzern die Eroberung der indischen Provinz plant. Und Google ist nicht allein: Auch Rivale Facebook stürzt sich auf die abgeschiedenen Kunden auf dem Subkontinent. Wie Google-Chef Sundar Pichai ist mittlerweile auch Mark Zuckerberg ein guter Bekannter von Regierungschef Narendra Modi. Beide suchen den Schulterschluss mit dem Politiker, der mit seiner Initiative "Digital India" die Vernetzung des Subkontinents vorantreiben will. Der indische Internetunternehmer Mahesh Murthy nennt das Rennen um Indien "ein Schachspiel mit hohen Einsätzen".

Die Unternehmen präsentieren sich gerne als Entwicklungshelfer - doch letztendlich geht es um den wichtigsten Zukunftsmarkt der Branche. Erst rund 350 Millionen Inder haben einen Internetzugang, schon damit ist es laut den Vereinten Nationen nach der Zahl der Nutzer der zweitgrößte Markt hinter China. 2020 könnten es 600 Millionen sein. Zwar seien die Umsätze der Unternehmen gering, sagt Nikhil Prasad Ojha, Partner bei dem Beratungsunternehmen Bain. "Aber es ist eine Wette auf die Zeit." Wer die Inder möglichst früh an sich bindet, ist klar im Vorteil.

Es geht nicht nur um die Masse möglicher Nutzer, sondern um einen Blick in die Zukunft. "Die meisten Inder erleben das Internet zu allererst über das Smartphone", sagt Rajan Anandan, Google-Chef von Indien und Südostasien im Gespräch mit dem Handelsblatt. "Und genauso wird es auch für die kommenden Generationen in entwickelten Staaten sein."

Das Marktforschungsunternehmen eMarketer schätzt, dass der Suchmaschinen-Riese 2015 die Hälfte seiner Werbeeinnahmen über das mobile Internet generierte. 2017 sollen es 70 Prozent sein. Facebook erzielt schon heute rund 85 Prozent seiner Werbeeinnahmen über Reklame auf Mobilgeräten.

Google muss sich also etwas einfallen lassen: Der Suchmaschinenanbieter vermag Nutzer und deren Verhalten zwar in Echtzeit zu erfassen. Doch was die Nutzungszeit der Plattformen angeht, hängt Facebook die Konkurrenz inzwischen ab. 50 Minuten pro Tag ist der Fan laut Konzernangaben durchschnittlich im sozialen Netzwerk unterwegs, inklusive der Ableger Messenger und Instagram.


Auch Whatsapp macht sich fit für Indien

Die einzige Konkurrenz, die an solche Werte auch nur annähernd heranreicht, ist der zu Google gehörige Filmchen-Anbieter Youtube. Auf dem Videoportal surft der Durchschnitts-Amerikaner, wie Berechnungen von Comscore ergaben, 17 Minuten am Tag. Für Facebook bislang dennoch keine Konkurrenz. Dort ermittelten die Marktforscher die doppelte Zeit.

Auch der boomende Kurznachrichtendienst WhatsApp, der seit 2014 Facebook gehört, macht sich zunehmend fit für Schwellenländer wie Indien. Das kalifornische Unternehmen brachte erst Ende Oktober eine datensparende Version seiner App heraus - speziell für Länder mit mangelhafter Netzabdeckung. Von Facebook gibt es bereits eine solche Light-Variante, was sich bezahlt gemacht hat: 150 Millionen Inder sind bei dem Freundschafts-Netz angemeldet.

Angesichts des riesigen Marktes hat Google seine Kurznachrichten-Hoffnung Allo zuerst in Indien an den Start gebracht. Neben Englisch wird der Sprachassistent, das Herzstück der App, auch Hindi verstehen können. "Das war ein gutes Stück Arbeit", sagt Google-Suchmaschinenchef John Giannandrea. Seine Ingenieure brauchten Jahre, um den Assistenten zu entwickeln.

Manche speziell für den Subkontinent entwickelten Features kommen längst auch in westlichen Ländern zum Einsatz. So die Möglichkeit, Karten von Google Maps herunterzuladen, aber ebenso die Offline-Option von Youtube - beides sollte die App ursprünglich für Nutzer mit häufigen Verbindungsproblemen attraktiver machen.

Auch Facebook, Netflix und Amazon arbeiten daran, die hohen Datenmengen von Videos möglichst einfach und in hoher Qualität auf die Bildschirme ihrer Kunden zu liefern. Indien erweist sich dabei als Labor, um Übertragungsprobleme zu studieren - und um sie zu lösen.

Selbst der Startbildschirm des Betriebssystems Google Chrome sei aus den Erfahrungen in Indien entstanden, berichtet Caesar Sengupta, Chef des Schwellenländer-Programms, das Google die "The next Billion"-Initiative nennt. Auf der Startseite finden Nutzer mittlerweile mehrere Buttons, die zu häufig besuchten Seiten führen - eine Lehre aus Indien.


Facebook hatte Sympathien verspielt

Topmanager werden längst auch ins indische Hinterland geschickt, um den Markt kennen zu lernen: Youtube-Vize Johanna Wright unternahm eine Expedition, um die Vorlieben und Nutzungsgewohnheiten indischer Dorfbewohner zu studieren. Herausgekommen ist das Ende September präsentierte Youtube Go, eine App des Videoportals, die für schlechte Internetverbindungen ausgelegt ist. Unter anderem erlaubt sie, die Bildqualität an die Geschwindigkeit der Verbindung anzupassen.

Wer Indiens große Städte verlässt, merkt schnell, wie nötig solche Maßnahmen sind: Falls überhaupt ein Netz verfügbar ist, dann oft nur in nervtötender Langsamkeit. Google will deshalb bis zu 100 Bahnstationen mit Wifi ausrüsten und bald auch in anderen Einrichtungen gemeinsam mit Partnern Hotspots installieren. Schon jetzt gehen jeden Monat an etwa 50 Bahnhöfen 3,5 Millionen Menschen an den Punkten online, heißt es aus dem Unternehmen.

Facebook versucht ebenso mit Wifi-Stationen, die Inder ins Internet zu bringen. Zuvor hatte Firmenchef Zuckerberg mit seiner App "Free Basics" viele Sympathien verspielt. Das kostenlose Programm erlaubte nur den Zugriff auf wenige Seiten, unter anderem natürlich auf Facebook. Am Ende kassierte Facebook nicht nur ein "Dislike" der Nutzer, sondern auch ein Verbot - wegen Verstoßes gegen die Netzneutralität. Mittlerweile wird größer gedacht: Facebook will 2018 mit dem Test seiner riesigen Drohne Attila beginnen, die das Internet aus großer Höhe liefern soll. Die Google-Mutter Alphabet experimentiert schon länger mit Ballonen, die über der Provinz kreisen. Und Microsoft plant, ungenutzte TV-Frequenzen zur Datenübertragung einzusetzen.

Der größte Zuwachs an neuen Nutzern dürfte jedoch durch ein indisches Unternehmen selbst kommen: Diesen Sommer ist der Mobilfunkanbieter Jio an den Markt gegangen. 20 Milliarden US-Dollar hat der Mutterkonzern Reliance investiert, nach eigenen Angaben kann er rund 80 Prozent Indiens mit dem Mobilfunkstandard 4G abdecken. Noch ist unklar, wie leistungsfähig das Netz tatsächlich ist und wie viele Inder sich den Service leisten.

Dass sich die Verbindungsprobleme schnell lösen werden, bezweifelt Nikhil Pahwa, Netzaktivist und Gründer der Website Medianama. Wolle man ein erschwingliches und schnelles Internet für alle Inder, führe an WLAN-Hotspots kein Weg vorbei. Er sieht aber auch ein gesellschaftliches Problem: Viele Inder würden die Möglichkeiten des Internets noch nicht begreifen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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