Interview: „Die Kuh ist noch nicht vom Eis“

Interview: „Die Kuh ist noch nicht vom Eis“

, aktualisiert 31. Juli 2016, 14:43 Uhr
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Der 63-Jährige ist Chef der Norddeutschen Landesbank und leitet den Bundesverband Öffentlicher Banken (VÖB).

von Michael MaischQuelle:Handelsblatt Online

Der Chef des Bundesverbands Öffentlicher Banken, Gunter Dunkel, wertet die Ergebnisse des Stresstests positiv. Dennoch hätten Europas Banken noch viel Arbeit vor sich - vor allem in Italien.

Herr Dunkel wie bewerten sie die Ergebnisse des Stresstests für die deutschen Banken? Immerhin haben nur irische Institute im härtesten Szenario im Schnitt mehr Kapital verloren, und mit der Deutschen Bank und der Commerzbank finden sich gleich zwei Institute unter den schlechtesten zehn.

Generell können die deutschen Banken  mit den Resultaten des Stresstests zufrieden sein. Ich sehe keinen Grund zur Sorge. Deutschlands Banken arbeiten schon historisch mit etwas geringeren Eigenkapitalquoten als im europäischen Durchschnitt, insofern sind die Ergebnisse nicht überraschend. Insgesamt haben sich die neun getesteten heimischen Institute als robust und widerstandsfähig erwiesen.

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Einige Experten fordern aber bereits eine Rekapitalisierung von Deutscher Bank und Commerzbank, zu recht?

Aus dem Stresstest lässt sich sicherlich kein direkter Bedarf an Kapitalmaßnahmen ableiten. Gute Bankvorstände arbeiten heute ohnehin permanent am Kapitalmanagement. Die Kernkapitalquote lässt sich ja nicht nur durch eine Erhöhung des Zählers, des Kapitals, sondern auch durch eine Verkleinerung des Nenners, also der risikogewichteten Aktiva, stärken.

Wird der Test nun das Vertrauen in die deutschen Banken stärken?

Ja, und nach 2014 insbesondere erneut  in die Landesbanken. Viele der Institute mussten nach der Finanzkrise ihr Geschäftsmodell neu ausrichten. Jetzt zeigt sich, dass diese Modelle robuster sind, als einige schon im Vorfeld des letzten Stresstests dachten.

Einer der vielen Kritikpunkte am Stresstest war, dass die Behörden kein langanhaltendes Niedrigzinsszenario unterstellten, obwohl das eines der größten Risiken für viele Banken ist.

Um ehrlich zu sein, habe ich diese Kritik nie wirklich verstanden. Der Druck aus den Niedrigzinsen baut sich über vier, fünf oder sechs Jahre auf. Also über einen längeren Zeitraum als die drei Jahre von 2015 bis 2018, die der Stresstest abbildet. Außerdem geht es ja darum, einen plötzlichen Schock abzubilden, während die Niedrigzinsen eine bekannte Gefahr sind, auf die sich alle Banken seit Langem einstellen könnten.


"Der Stresstest sendet ein positives Signal"

Großer Verlierer des Stresstests ist wie erwartet die italienische Traditionsbank Monte dei Paschi. Quasi in letzter Sekunde wurde vor Veröffentlichung der Ergebnisse doch noch eine Lösung zur Stabilisierung des angeschlagenen Instituts gefunden. Die Bank will mehr als die Hälfte ihrer faulen Kredite abgeben und plant eine Kapitalerhöhung über fünf Milliarden Euro über private Investoren. Reicht das? Und lässt sich dieses Muster auch auf andere italienische Banken übertragen, die von ihren faulen Krediten überfordert werden?

Das lässt sich schwer sagen. Zunächst ist es einmal positiv, dass für Monte dei Paschi eine Lösung ohne direkte Staatshilfen gefunden wurde. Gut ist auch, dass private Investoren als Käufer von notleidenden Krediten bei der Sanierung der Bilanz von Monte die Paschi mitmachen.

Aber die Krise der italienischen Banken, die einen Berg von 360 Milliarden Euro an notleidenden Darlehen vor sich herschieben, ist damit noch nicht gelöst, oder?

Nein, die Kuh ist noch nicht vom Eis. Was jetzt bei Monte die Paschi passiert, ist der erste Schritt, aber noch nicht der wichtigste und vermutlich noch nicht der letzte. Italiens Banken brauchen weitere Transaktionen, die helfen, die notleidenden Kredite aus den Bilanzen zu bekommen, und sie brauchen weitere Kapitalisierungsmaßnahmen.

Europas Banken schlug in den vergangenen Monaten von den Investoren so viel Misstrauen entgegen wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Sehen Sie Anzeichen für eine neue Systemkrise?

Die Antwort ist ein klares Nein. Die analytische Aussagekraft des Stresstests mag begrenzt sein, aber in dieser Hinsicht sendet er doch ein positives Signal. Das heißt aber nicht, dass Europas Banken nicht noch viel Arbeit vor sich haben und dabei ist es nicht damit getan, Kosten zu sparen oder notleidende Kredite abzubauen. Viele Geldhäuser müssen sich neu erfinden, das heißt vor allem neue Ertragsperspektiven  entwickeln.

Und wie soll das funktionieren?

Die Banken müssen sich auf Geschäfte spezialisieren, bei denen die Kunden bereit sind höhere Gebühren und höhere Margen zu bezahlen. Das fängt beim Konto an, erfasst aber alle möglichen Bereiche vom Forderungsankauf bis zur Exportfinanzierung. Für viele Institute könnte das den Abschied vom Konzept der Universalbank bedeuten, weil sie sich schlicht nicht mehr leisten können alles für jeden anzubieten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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